Was sollen die Stadtwerke "zwischendurch" machen?

Viele Stadtwerke setzen bei der Wärmewende auf CO2-arme statt CO2-freie Technologien. Diese Strategie gerät durch den raschen Klimawandel und Ziele wie Klimaneutralität für 2045 unter Druck, wie sich auf dem Stadtwerke-Kongress in Dortmund zeigte.


Gasometer mit der Aufschrift DEW21.
Passt nicht mehr so richtig ins 21. Jahrhundert: Gasometer der Dortmunder Energie- und Wasserversorgung. (Foto: Thorsten Bachner/​Wikimedia Commons)

Auf einem Stadtwerkekongress waren solche Sätze noch nie zu hören: "Das Ausmaß von Leitungszerstörung einzufangen und mit TV-Kameras realistisch wiederzugeben, ist im Ahrtal praktisch unmöglich geworden. Für die kommunalen Unternehmen vor Ort ist es derweil die größte Herausforderung, die Infrastruktur der Ver- und Entsorgung schnell und möglichst klimarobust wieder zu errichten."

Das sagte Michael Bleidt, Geschäftsführer der Landesgruppe Rheinland-Pfalz des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU), auf dem diesjährigen Stadtwerkekongress des VKU vergangene Woche in Dortmund – per eingespieltem Video.

Was für Bleidt "klimarobust" ist, sagte er auch: Angesichts der neuen Klimaneutralitätsziele sei es wichtig, sich auch Alternativen zu dem vorzustellen, was zerstört wurde. "Eventuell ist ein Wärmenetz mit möglichst hohem regenerativem Anteil sinnvoller aufzubauen als eine individuelle Erdgasversorgung für die Heizungen in den Häusern."

Damit ist die aktuelle Problemlage der Stadtwerke-Community ziemlich genau beschrieben. Seit dem letzten Kongress – online im September 2020 – hat sich die politische Klima-Welt grundlegend gewandelt.

Per Gesetz will Deutschland nun schon 2045 klimaneutral sein. Dann kam noch die alles in den Schatten stellende Flutkatastrophe. Was bedeutet es für die Stadtwerke, wenn Wetterextreme künftig derart tabula rasa machen? Wie sollen sie darauf reagieren?

VKU-Chef Ingbert Liebing lavierte da zu Beginn des zweiten Kongresstages eher herum. Die Flutkatastrophe zeige, dass Klimawandel bereits stattfinde. Deshalb müssten "wir" in der Klimapolitik "alle Anstrengungen" unternehmen, um den Klimawandel entgegenzutreten, sagte er. Zugleich müssten "wir" uns an den begonnenen Klimawandel anpassen.

Vom Ende her denken?

Mit solchen Allgemeinplätzen hielt sich Volker Quaschning von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin bei der anschließenden Wärmewende-Debatte nicht auf. Beim Klimaziel setzte der Professor für Regenerative Energiesysteme an der HTW sogar gleich noch eins drauf.

Wegen der Unterschrift unter dem Pariser Klimavertrag müsse Deutschland schon 2035 klimaneutral sein, sagte Quaschning in die Runde. Auch die Stadtwerke stünden vor der Herausforderung, in einem "extrem kurzen Zeitraum" de facto eine "Klima-Rosskur" machen zu müssen.

Quaschning plädierte dafür, den Prozess "vom Ende her zu denken" und zu sehen, was es überhaupt noch an Möglichkeiten gibt, in dieser Zeit klimaneutral zu werden.

Bei der Zielmarke 2035 fuhr Heike Heim, Vorstandschefin der Dortmunder Energie- und Wasserversorgung, Quaschning in die Parade. Für sie gehe es um "das Dreieck von Klimaschutz, Bezahlbarkeit und Versorgungssicherheit", argumentierte sie in der Debatte in klassischem Branchendeutsch.

Es sei "superrichtig", so Heim, alle drei Elemente als gleichberechtigt zu betrachten. Erst mal frage man sich jetzt, was es bedeute, bis 2045 klimaneutral zu werden. Sie finde es "ein bisschen schwierig", wenn nun eine Art Zielwettlauf einsetze und das Klimaziel noch mal und noch mal verschärft werde.

Die Dortmunder Stadtwerke stellten gerade bei der Fernwärme von fossiler Einspeisung aus einem Gaskraftwerk auf industrielle Abwärme um, erzählte die Vorstandschefin. Was sie nicht sagte: Diese Abwärme kommt von den Deutschen Gasrußwerken und die Emissionsfracht der Fernwärme sinkt laut den Projektangaben künftig auf "deutlich unter 100 Gramm CO2 pro Kilowattstunde". Das ist wenig, aber für die Zukunft immer noch zu viel.

Aus fossil mach CO2-arm

Wie sich auf dem Kongress zeigte, planen andere Stadtwerke ebenfalls, ihre Fernwärme auf industrielle, meist noch fossil erzeugte Abwärme umzustellen – oder auf Wärme aus der Verbrennung von Holzpellets, Klärschlamm oder Müll.

Aus fossil mach CO2-arm – so klingt die derzeit vorherrschende Stadtwerke-Strategie bei der Wärmewende. Wirklich klimaneutrale Lösungen wie Geothermie oder mit Ökostrom betriebene Wärmepumpen sind eher selten.

Vom Ende her denken? Viele Stadtwerke auf dem Kongress dachten eher an die kostspieligen Projekte und Investitionen, die sie in den letzten Jahren angeschoben haben und die nun, genau betrachtet, klimapolitisch ein bisschen alt aussehen.

Das ist nicht nur ihre Schuld allein. Bei ihren Investitionen sind Stadtwerke nicht frei. Sie können meist nur unter den Technologien und Lösungen wählen, die von Bund und Ländern gefördert werden. Und wenn die nicht auf Klimaneutralität ausgelegt sind, dann schauen die Stadtwerke weiter ins Erdgasrohr oder binden sich an andere nicht wirklich zukunftsfähige Technologien.

Von Ende her denken? Am Ende wird sich auch bei der Wärme die strombasierte Dekarbonisierung durchsetzen, wie ein Stadtwerke-Vertreter in einer Session-Debatte meinte. Bis dafür aber ausreichend Ökostrom verfügbar sein wird, werde es 20, 30 oder mehr Jahre dauern.

Und selbst wenn alle Stadtwerke ab sofort genügend Geld bekämen, um morgen mit dieser Dekarbonisierung zu beginnen, würde die gesamte Wärmewende in den Städten noch 20, 30 oder 40 Jahre dauern, rechnete der Vertreter vor. Als entscheidende Frage stelle sich deshalb für ihn: "Was machen wir Stadtwerke zwischendurch"?

In Wien ist Gas kein Thema mehr

Ja, was soll man "zwischendurch" machen? Beispielsweise mit den vorhandenen Gasnetzen? Ausbauen? Rückbauen? Oder auf den Wasserstoff warten?

Susanna Zapreva, Chefin der Enercity AG in Hannover, kündigte an, ihr Unternehmen werde künftig klar umrissene Fernwärmegebiete ausweisen und einen rechtlichen Zwang schaffen, um dort auf klimafreundliche Fernwärme umzusteigen. In diesen Gebieten werden dann auch das Gasnetz zurückgebaut. Doppelstrukturen werde man sich nicht leisten.

Ganz aus dem Erdgas aussteigen will Enercity aber noch nicht. Man wolle zwei, drei Jahre abwarten, wie sich Sektorkopplung, Wasserstoff und erneuerbare Gase entwickelten, sagte Zapreva.

Das ehrgeizigste Wärmekonzept stellte in Dortmund allerdings kein deutscher Stadtwerker vor, sondern Michael Strebl, Vorstandschef der Wien Energie GmbH.

Sein Vorteil sei, räumte er ein, dass die Stadt Wien als Eigentümer vom Stadtwerk die völlige Dekarbonisierung bis 2040 verlange. Entsprechend sei sein Unternehmen dabei, Fernwärme auszubauen – und dazu müssten dann auch die derzeit noch 50.000 Wiener Erdgaskunden "aus dem Gas raus".

Für Strebl hat sich die Gasdebatte in gewisser Weise schon erledigt. Er spüre einen massiven Druck vom Markt, fossile durch erneuerbare Energieträger zu ersetzen, sagte er. Zu ihm kämen Bauträger und sagten, wenn die Wien Energie ihnen eine fossile Energielösung anbiete, dann würden sie die Versorgung lieber selbst übernehmen.

Fossile Versorgung werde nicht mehr akzeptiert, weil die Wohnungen dann einen schlechten Marktwert hätten, erläuterte Strebl. Gerade für Stadtwerke als kundennahe Unternehmen erwarte er einen "Riesenschub" durch Kundinnen und Kunden, die keine fossile Energie mehr wollten.

Uniper will mit Erdgas dekarbonisieren

Dass die Stadtwerke sich ziemlich uneinig sind, was in den nächsten Jahren passieren soll, zeigt auch eine Umfrage, die der VKU zum Kongress unter seinen Mitgliedsunternehmen abhielt. An erster Stelle steht demnach für sie eine Reform der Steuern, Abgaben und Umlagen im Energiebereich, einschließlich des CO2-Preises. An zweiter Stelle kommt aber gleich die Wärmewende.

Die nächste Bundesregierung, forderte VKU-Chef Liebing als Quintessenz, solle einen Wärme-Masterplan vorlegen, darin den Quartiersansatz verankern und die kommunale Wärmeplanung mit einem "breiten Strauß" unterschiedlicher technologischer Lösungen stärken. Zu dem Strauß gehört dabei für Liebing auch eine "Option für den Einsatz von Wasserstoff, mit dem fossiles Erdgas ersetzt werden kann".

Dass hier nicht "grüner Wasserstoff" steht, liegt auch daran, dass sich Stadtwerke ebenso die Nutzung von "blauem" oder vielleicht sogar "grauem" Wasserstoff vorstellen können, also Wasserstoff aus Erdgas mit oder ohne CO2-Abscheidung. Mit Wasserstoff-Importen, egal welcher Farbe, wird sowieso gerechnet.

Immer wieder ringen die Stadtwerke bei der Dekarbonisierung noch sichtlich mit alten Traditionen. Das wird auch dadurch illustriert, dass einer der größten fossilen Stromerzeuger, Uniper, auf dem Kongress seine Angebote zur "Dekarbonisierung der Energiewirtschaft" präsentieren und zum x-ten Mal die Geschichte erzählen konnte, der Konzern steige bis 2025 aus der Kohle aus – ausgenommen natürlich das große neue Kohlekraftwerk Datteln 4.

Zu den "Decarb-Roadmaps", die Uniper interessierten Stadtwerken hierzu offeriert, gehört ziemlich unverrückbar Erdgas. Der fossile Energieträger soll auch künftig ein wesentlicher Teil des Geschäfts von Uniper sein. Der Gasverbrauch werden in den nächsten Jahren stabil bleiben, wenn nicht sogar steigen, hieß es.

Ob Michael Bleidt für den "klimarobusten" Wiederaufbau der Stadtwerke im Ahrtal auf Uniper setzen sollte, darf man da ruhigen Gewissens bezweifeln.

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