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Die Option Zeppelin, einladender Protest und der Auto-Deckel

Kalenderwoche 35: Die Bundesregierung glaubt, dass die Verkehrswende allein durch Anreize und Förderprogramme zu schaffen ist, kritisiert Andreas Knie, Sozialwissenschaftler, Mobilitätsforscher und Mitglied des Kuratoriums von Klimareporter°. Er fordert unter anderem, die Zahl der Autos in Städten zu begrenzen.


Andreas Knie. (Foto: InnoZ)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Kuratoriums erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Andreas Knie, Sozialwissenschaftler mit den Schwerpunkten Wissenschaftsforschung, Technikforschung und Mobilitätsforschung. Sein Steckenpferd ist das Verkehrswesen von morgen.

Klimareporter°: Herr Knie, Greta Thunberg ist diese Woche mit dem Segelschiff in New York angekommen. Welches Transportmittel wird in Zukunft Menschen, die nicht segeln wollen oder können, emissionsfrei über den Atlantik bringen? 

Andreas Knie: Wir werden über den Atlantik auch zukünftig fliegen, aber viel weniger als bisher und hoffentlich bald mit Treibstoffen, die das Klima nicht weiter anheizen und die keine Schadstoffe mehr ausblasen. Natürlich bietet das Schiff auch eine Option und vielleicht sollte man wieder über ein Verkehrsmittel nachdenken, das es schon mal gab: Zeppeline, die als Luftschiffe eine deutlich bessere Klimabilanz haben als Flugzeuge, die aber natürlich etwas länger unterwegs sind.

Wissenschaftler haben vor falschen Hoffnungen in die Power-to-X-Technologien gewarnt. Deren Ausbau habe nur Sinn, wenn Deutschland seinen Energieverbrauch halbiert. Stimmen Sie zu?

Die Idee, dass es alleine die Technologien richten werden, die funktioniert nicht. Es reicht nicht, wie bisher nur den Stromanbieter zu wechseln, um "grünen" Strom zu beziehen, auch wenn das natürlich wichtig ist.

Wir brauchen einen drastischen Ausbau der Erneuerbaren, wir brauchen aber auch einen kompletten Umbau des Stromnetzes in Richtung dezentrale Einheiten und natürlich muss der Energieverbrauch insgesamt drastisch reduziert werden. Wir werden unsere Routinen ändern müssen – und wir können das auch.

Das Aktionsbündnis "Sand im Getriebe" will die IAA, die Automesse in zwei Wochen in Frankfurt am Main, blockieren. Die Extinction-Rebellion-Bewegung arbeitet mit Blockaden im Straßenverkehr. Was halten Sie von zivilem Ungehorsam?

Am Endes des Tages verändert sich nur etwas, wenn der Druck von der Straße kommt. Die Kunst besteht aber darin, Protestformen des zivilen Umgangs zu finden, die Aussicht auf eine große Mobilisierung haben. Dumpfe Gewalt und Zerstörung beispielsweise von Luxusautos auf dem Gelände von Autohäusern in der Nacht befriedigen nur infantile Fantasien.

Was ich viel wirkungsvoller fände: öffentliche Spaziergänge, die demonstrieren, dass die Straße allen gehört und nicht den SUVs. Das lädt zum Mitmachen ein.

Verkehrsminister Scheuer will das Klima im Verkehrsbereich vor allem mit Fördergeldern schützen. Reicht das aus? 

Die große Koalition glaubt genauso wie die FDP, dass die Verkehrswende allein durch Anreize oder Förderprogramme zu schaffen ist. Das wird nicht reichen.

Wir haben Jahrzehnte nur auf das private Auto gesetzt. Die gesamte Infrastruktur, die Siedlungsplanung und das Straßenrecht sind auf die Verbreitung von Kfz ausgerichtet. Das kann man nicht über Nacht ändern, aber es muss allen klar werden, dass damit jetzt konsequent begonnen werden muss.

Wir brauchen eine Auto-Deckelung und eine Änderung der Bewirtschaftung des öffentlichen Raumes. Parkende private Autos auf öffentlichem Grund kann es in der Stadt genauso wenig geben wie Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren.

Was erwarten Sie vom 20. September, wenn die Bundesregierung Beschlüsse fassen will?

Das Klimakabinett diskutiert nur symbolische Politik: ein paar mehr Elektroladesäulen und eine Erhöhung der Prämie für E-Autos. Das ist Pritzelkram.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Es waren nur wenige Stunden, in der die Nachricht Bestand hatte, aber der Gedanke ist in der Öffentlichkeit: Die CSU fordert eine Strafsteuer für Billigflüge!

Und: Die Flughafenbetreiber können sich sehr wohl ein Verbot von Inlandsflügen vorstellen! Wir kommen langsam voran.

Fragen: Friederike Meier

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