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Fahrradwege selbst gemacht

Der Radverkehr hat in den letzten Jahrzehnten rasant zugelegt, die Infrastruktur ist aber nicht mitgewachsen. Das wollen Fahrrad-Aktivisten nun nach dem Do-it-yourself-Prinzip ändern. Stimmen aus dem konservativen und neoliberalen Lager warnen schon vor einer Diskriminierung der Autofahrer.


Blaugefärbte Spur mit weißem Fahrrad-Symbol
Der Radverkehr hat in den vergangenen Jahrzehnten massiv zugenommen – die Infrastruktur dafür ist aber nicht mitgewachsen. (Foto: Linus Schütz/​Pixabay)

"Mehr Platz für's Rad" – so heißt die bundesweite "Mitmach-Kampagne", die der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) am heutigen Dienstag gestartet hat. Der Verein ruft seine Mitglieder auf, dabei selbst symbolisch zur Tat zu schreiten – um der Politik Beine zu machen. Sie sollen mithilfe von Absperrband Radwege oder Fahrrad-Parkplätze dort abstecken, wo sie für einen sicheren und bequemen Radverkehr fehlen. Und das dürfte in den meisten deutschen Städten der Fall sein.

Die Radfahrverband ADFC, der rund 175.000 Mitglieder hat, kämpft mit der Aktion für "gute Radwege, sichere Kreuzungen und viel mehr Fahrradparkplätze". Das Problem: Der Fahrradverkehr hat in den letzten Jahrzehnten enorm zugelegt, ohne dass die Infrastruktur mitgewachsen ist.

Längst sind die Zeiten vorbei, in denen das Fahrrad wie in den Wirtschaftswunder-Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg nur etwas für Kinder, die Freizeit oder die Tour de France war. Rund 80 Prozent der Haushalte besitzen mindestens ein Fahrrad, ein Viertel der Deutschen steigt mehrmals in der Woche aufs Velo, die E-Bike-Verkäufe boomen, und der Anteil aller Wege, der per Rad zurückgelegt wird, ist bundesweit immerhin bereits auf rund 13 Prozent angestiegen.

Radverkehr hat Potenzial, zeigen Greifswald oder Münster

Es könnten noch deutlich mehr werden, wie auch das Bundesverkehrsministerium betont. Im 2012 verabschiedeten "Nationalen Radverkehrsplan" wird für 2020 ein Anteil von 15 Prozent angepeilt. Nachbarländer wie Dänemark mit 18 und die Niederlande mit sogar 27 Prozent zeigen aber, dass noch viel mehr geht.

Auch in Deutschland demonstrieren vorbildliche Städte, was drin ist, wenn man die klima- und fitnessfreundliche Verkehrsform richtig fördert. Greifswald als Spitzenreiter hat einen Radfahr-Anteil von 44 Prozent, Münster in Westfalen 40. Die Pendlerstadt Frankfurt am Main erreicht inzwischen immerhin 17 Prozent, 2007 waren es erst fünf. Schlusslichter sind hingegen Großstädte wie Essen und Stuttgart, wo der Anteil nur bei fünf beziehungsweise 7,5 Prozent liegt.

Der ADFC kann sich mit seiner Aktion sogar auf das Verkehrsministerium von Andreas Scheuer (CSU) berufen, das auf seiner Homepage schreibt: "Eine der wichtigsten Voraussetzungen für einen Umstieg beziehungsweise Wechsel auf das Fahrrad ist eine gute Radverkehrsinfrastruktur." Freilich liegen die bisher von Kommunen, Ländern und Bund getätigten Investitionen viel zu niedrig, um das in die Praxis umzusetzen.

Deutsche Städte investieren wenig in Radverkehr

So zeigte eine Untersuchung von 2018 zum Beispiel, dass die sechs größten deutschen Städte Berlin, Hamburg, München, Köln und Frankfurt am Main in den letzten Jahren nur zwischen 2,30 Euro und fünf Euro pro Bürger jährlich für sicheren Fahrradverkehr ausgegeben haben. In den Vorbild-Städten Amsterdam und Kopenhagen hingegen sind es elf beziehungsweise sogar 36,50 Euro.

Berlin unternehme immerhin einen Schritt in die richtige Richtung, indem es seine Ausgaben von 2,30 pro Einwohner und Jahr auf 14 Euro angehoben habe, lobten die Studienautoren von der Umweltorganisation Greenpeace. Ernsthaft aufholen könnten die deutschen Städte den Rückstand allerdings erst mit jährlichen Pro-Kopf-Investitionen von 100 Euro, so Greenpeace. Der ADFC fordert 30 Euro als dauerhaften Wert.

Dass ein Umsatteln aufs Fahrrad eine vergleichsweise preiswerte und zu 100 Prozent wirksame Klimaschutz-Maßnahme ist, dämmert inzwischen immer mehr Politikern – und dass das nur funktioniert, wenn das Radfahren auch attraktiver und sicherer wird.

Die Verkehrsminister der Länder sprachen sich jüngst auf ihrer Konferenz in Saarbrücken für eine "fahrradfreundliche" Novelle der Straßenverkehrsordnung aus. Zu ihren insgesamt 15 Vorschlägen zählt, dass Radfahrer von Autos und Lkw nur noch in einem Mindestabstand von 1,50 Metern überholt werden dürfen. Auch sollen Radler Einbahnstraßen in Tempo-30-Zonen in beide Fahrtrichtungen befahren dürfen.

Zudem sollen Lastwagen in Orten nur noch in Schrittgeschwindigkeit rechts abbiegen, um Zusammenstöße mit Radlern zu vermeiden. Weiterer Vorschlag: Fahrradfahrer sollen nebeneinander fahren dürfen, wenn dadurch der Verkehr nicht behindert wird.

Union und FDP sorgen sich um Autofahrer

Die Minister forderten das Bundesverkehrsministerium auf, die Vorschläge bei einer Reform der Straßenverkehrsordnung möglichst bis Ende des Jahres zu berücksichtigen. Unumstritten sind die Fördermaßnahmen jedoch nicht.

So warnte der schleswig-holsteinische Verkehrsminister Bernd Buchholz (FDP) davor, den Autoverkehr dadurch über Gebühr zu erschweren. Man müsse bedenken, "dass unsere Straßen nicht nur für Radfahrer da sind, sondern auch eine Abwägung stattfinden muss, damit nicht etwa der motorisierte Verkehr überhaupt nicht mehr vorankommt".

Ganz ähnlich argumentiert auch die Union im Bundestag. Vize-Fraktionschef Ulrich Lange (CSU) kritisierte: "Die Vorschläge sind dazu geeignet, auf lange Sicht dem Fahrrad eine einzigartige Privilegierung gegenüber den anderen Verkehrsmitteln zu verschaffen." Grundsätzlich müsse gelten, dass alle Verkehrsteilnehmer die gleichen Rechte hätten. Er sehe "schon die Radrowdys in den Startlöchern", das könne nicht gut gehen, sagte Lange der Agentur DPA.

Allerdings bewertet sogar der Autofahrer-Club ADAC das Maßnahmenpaket positiv. "Grundsätzlich ist ein Umdenken bei Stadt- und Verkehrsplanung notwendig, das die neuen Mobilitätsformen berücksichtigt", sagte eine Sprecherin. Der Umstieg vom Auto aufs Fahrrad müsse attraktiver werden.

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