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Der unbekannte Stromfresser im Keller

Stromspeicher für Eigenheime boomen – was für ein Elektrogerät sich die Haushalte da aber anschaffen, ist ziemlich unklar. Erstmals verglich die Berliner Hochschule HTW jetzt die Leistungsfähigkeit von Solarstromspeichern und kam zu teilweise überraschenden Ergebnissen.


Energiespeicher Karikatur
Speicher werden zu einem Schlüssel der Energiewende. (Karikatur: Gerhard Mester/​SFV/​Wikimedia Commons)

Beim Thema Stromspeicher redete sich Thomas Seltmann von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen Ende letzter Woche in Berlin fast in Rage. Dass man sich mit einem Stromspeicher zunächst mal einen Stromverbraucher anschafft – vergleichbar einer Waschmaschine, einem Wäschetrockner oder zwei bis drei Kühlschränken – sei den meisten gar nicht bewusst, sagte der Energieberater bei der Vorstellung der "Stromspeicher-Inspektion 2018" der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin.

Bei der "Inspektion" untersuchte ein Team um HTW-Professor Volker Quaschning, gefördert von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, erstmals die Leistungsfähigkeit gängiger Solarstromspeicher im Land.

Für Quaschning war das überfällig. Derzeit verfügt zwar erst ein Prozent der Eigenheime in Deutschland über einen Batteriespeicher für selbst erzeugten Solarstrom – 2050 aber soll aus Klimagründen mindestens jedes zweite Eigenheim damit ausgestattet sein, wie der Energieforscher vorrechnete. Dazu müssten eigentlich jährlich 400.000 dieser Speicher bundesweit neu installiert werden, doch im August dieses Jahres ging im Land Brandenburg überhaupt erst der bundesweit 100.000. Solarstromspeicher in Betrieb.

Gebremst wird der Speicher-Boom, das machten die HTW-"Inspizienten" bei der Studienpräsentation schnell klar, auch durch eine ziemlich verbraucherunfreundliche Kennzeichnung der Geräte. Bei Durchsicht der Werbeprospekte, erzählte HTW-Expertin Lena Kranz, habe man sage und schreibe 45 verschiedene Begriffe gefunden, mit denen Hersteller zum Beispiel die Kapazität der Speicherbatterie beschreiben. Die heiße dort unter anderem "Nennkapazität" oder "nutzbare Kapazität" oder "Speicherkazität" (sic!) oder "Speichervolumen brutto".

Käufern wie Installateuren sei oft nicht klar, was sie da eigentlich kauften, kritisierte Kranz, man müsse dringend zu einer Vereinheitlichung kommen.

Nur ein Bruchteil der Hersteller gab die Daten heraus

Für die Leistungs-"Inspektion" selbst hatte das Team um Quaschning insgesamt 60 Speicherhersteller angeschrieben und um Übersendung der vorgeschriebenen, von den Firmen nach einem Effizienzleitfaden anzufertigenden Prüfberichte gebeten.

Allerdings rückten von den 60 nur zehn Hersteller die Daten für insgesamt 20 Stromspeicher heraus. Ganze fünf Hersteller waren am Ende damit einverstanden, dass sie namentlich in den Ergebnissen erwähnt werden. Dennoch ergab die "Speicher-Inspektion" zuvor nicht erwartete Effizienz- und damit Kostenunterschiede. Selbst gleich große Speicher von fünf Kilowattstunden Kapazität können, übers ganze Jahr gesehen, bis zu 200 Kilowattstunden Strom mehr – oder eben auch weniger – "umwälzen".

System Performance Index (SPI)

Grundlage der "Speicher-Inspektion" ist der Effizienzleitfaden für PV-Speichersysteme. Um die darin festgelegten etwa 50 Leistungsangaben handhabbar zu machen, entwickelten die HTW-Experten einen sogenannten System Performance Index (SPI).

 

Die Kennzahl legt am Ende offen, wie viel der maximal möglichen Kosteneinsparung der jeweilige Stromspeicher erzielt. Gewichtet werden dabei unter anderem die wirklich nutzbare Speicherkapazität, der Stromverbrauch des Speichers selbst sowie entstehenden Umwandlungsverluste. Untersucht wurden bei der aktuellen "Inspektion" Stromspeicher mit einer Kapazität von 2,8 bis 11,2 Kilowattstunden. Bei den Kosten gingen die HTW-Forscher von zwölf Cent für den eigenerzeugten Solarstrom und 30 Cent für aus dem Netz bezogenen Strom aus.

 
Hocheffiziente Anlagen erzielen dabei einen SPI von um die 90 Prozent, können also den größten Teil der maximal möglichen Einsparungen auch erbringen.

Das macht sich bei den Stromkosten eines Solarhaushalts dann schon bemerkbar. Quaschning beziffert den Unterschied zwischen einem "guten" und einem "schlechten" Speicher auf 100 Euro jährlich – allein in den ersten zehn Jahren könnte ein hocheffizienter Stromspeicher demnach einen Tausender zusätzlich einsparen.

Zumindest die 20 untersuchten Speicher müssen sich, so das Fazit der Studie, bei der Effizienz nicht verstecken. Auch wenn die Bandbreite größer sei als vermutet, hätten viele Photovoltaik-Speicher bei der Effizienz "sehr gute Ergebnisse" erzielt, so Quaschning. Das seien keineswegs immer die größten Stromspeicher. Bei diesen schmälerten oftmals Umwandlungsverluste oder ein hoher Verbrauch im Stand-by-Betrieb das Ergebnis.

Quaschning forderte die Branche auf, "sensibel" mit dem Thema Effizienz umzugehen, und äußerte die Erwartung, dass weitere Hersteller ihre Daten zur Verfügung stellen und für mehr Transparenz sorgen. Dass sich nur zehn von 60 Anbietern an der HTW-Studie beteiligten, ist für Verbraucherschützer Thomas Seltmann "absolut ungenügend". Wenn Verbraucher "nicht wissen, was sie sich in den Keller stellen", bringe das auch die Energieberater in Schwierigkeiten, denn viele Verbraucherfragen ließen sich dann kaum beantworten.

Martin Rothert von der SMA Solar Technology AG räumte bei der Vorstellung der "Speicher-Inspektion" ein, dass mehr Druck auf den Markt nötig sei, um die Hersteller zur Veröffentlichung der Effizienzdaten zu bewegen. "Da gibt es mit Sicherheit einen großen Graubereich, wo ich kein Speichersystem im Keller habe, sondern eine schlechte Stromheizung", umschrieb er die Folgen der Intransparenz.

Angesichts der HTW-Studie entspann sich zwischen Rothert und Seltmann eine Debatte um die Wirtschaftlichkeit heutiger Stromspeicher. Die Kosten für eine Kilowattstunde Speicherkapazität würden heute noch bei rund 1.000 Euro liegen, rechnete Seltmann vor, die Wirtschaftlichkeit sei aber nach seinen Berechnungen erst bei 500 Euro gegeben. 

Das Recht der Verbraucher auf korrekte Informationen

Rothert von SMA wies darauf hin, dass die Motive der Verbraucher, einen Stromspeicher zu kaufen, nicht allein in dessen Wirtschaftlichkeit liegen, sondern Unabhängigkeit und Autarkie vom Stromsystem wichtige Gründe darstellten. Zudem habe es in den letzten fünf Jahren bei Stromspeichern eine Preisdegression von 50 Prozent gegeben – bei gestiegener Lebensdauer. Er, Rothert, sei sich sicher, dass sich damit auch die Wirtschaftlichkeit einstellen werde.

Seltmann hielt dem entgegen, mehr als 90 Prozent der Verbraucher würden annehmen, dass ein Stromspeicher wenigstens keinen finanziellen Verlust bedeute – das stimme aber eben nicht. Auch wenn Haushalte für den Umwelt- und Klimaschutz und die Teilhabe an der Energiewende bereit seien, Geld für Speicher in die Hand zu nehmen, solle man ihnen korrekte Informationen geben und keine unbegründeten Erwartungen wecken, mahnte der Verbraucherschützer. Sonst drohe eine Debatte, dass die Verbraucher hinters Licht geführt würden, und die Politik komme zu dem Schluss, dass man Speicher nicht mehr fördern müsse.

Was die Politik betrifft: Volker Quaschning musste mit Bedauern bekannt geben, dass das Bundeswirtschaftsministerium eben mit dem – auch in seinen Augen falschen – Argument erreichter Wirtschaftlichkeit die Speicherförderung Ende dieses Jahres auslaufen lässt.

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