Das Ende des "unsolidarischen" Solardachs

Wer sich mit Solarstrom selbst versorgt, lässt es gegenüber den Stromkunden, die teure Netzentgelte zu berappen haben, angeblich an Solidarität fehlen. Obwohl an dem Jahre alten Vorwurf nicht viel dran ist, läutet die Branche jetzt selbst den Abschied vom möglichst autarken Solardach ein.


Ein neues Einfamilienhaus mit einem Dach voller Solarpaneele.
Ein Eigenheim bleibt das Ziel vieler Deutscher – die Solaranlage gehört inzwischen dazu. (Foto: Tim Fuller/Flickr)

Solarstrom vom Dach hat derzeit kein gutes Karma. Politisch wird er gebremst, die Öffentlichkeit denkt, der grüne Strom rechne sich nicht, die EEG-Förderung ist überbürokratisch … So fiel es Oliver Krischer, dem Fraktionsvize der Grünen, Ende letzter Woche leicht zu erklären, warum in Deutschland viel zu wenig Photovoltaik neu installiert wird – jedenfalls gemessen an den Klimazielen. Krischers Fraktion hatte die Branche zu einem Fachgespräch in den Bundestag geladen, um über neue Finanzierungsmodelle vor allem für Solarstrom vom Dach zu sprechen.

Klimapolitisch ist die Lage für die Branche klar. Die Energiewende ist nur zu schaffen, wenn künftig um die 5.000 Megawatt Solarstrom jedes Jahr dazukommen – mehr als das Doppelte von dem, was zuletzt erreicht wurde. Und weil Freiflächenanlagen mit anderen Nutzungen konkurrieren, bleibt eigentlich nur ein solarer Rollout auf den Dächern dieses Landes übrig. "Wir brauchen die Dachflächen", redete Frank Peter, Vizechef des Thinktanks Agora Energiewende, der beim Fachgespräch versammelten Branche ins Gewissen.

Die setzt aber gar nicht mehr so auf das EEG, muss sie auch nicht mehr. Photovoltaik habe jetzt die Marktreife erreicht und da müsse man "fragen, ob ein Förderinstrument zum Hemmnis werden kann", gab Johannes Lackmann, früherer Präsident des Erneuerbaren-Verbandes BEE, die Richtung vor. Ein Solardach mit sieben Kilowatt Nennleistung bringe es auf einen jährlichen Stromumsatz von 600 Euro, werde rechtlich aber wie ein Unternehmen behandelt. Da frage er, Lackmann, sich schon, wie es anders gehen könne.

"Solarstrom ohne EEG günstiger als mit EEG"

Für den einstigen Erneuerbaren-Pionier war die Antwort klar: "Ohne EEG kann ich kostengünstiger Strom erzeugen als mit EEG", rief Lackmann in die Runde. Seiner Rechnung nach könne ein ungeförderter Solardachbesitzer den Strom für zehn Cent je Kilowattstunde liefern. Um das nötige Netz zu finanzieren, müssten noch fünf Cent als "Infrastrukturabgabe" auf die solare Kilowattstunde aufgeschlagen werden.

Wer seinen Strom dann für 15 Cent verkaufe, habe noch immer mehr als heute mit dem EEG – dort blieben nur zwölf Cent beim Erzeuger hängen, rechnete Lackmann weiter vor. Und die Kunden, die den 15-Cent-Strom kauften, hätten auch was davon – schließlich koste in Deutschland die Kilowattstunde Haushaltsstrom im Schnitt 28 Cent.

Mit den fünf Cent soll die Branche aus Lackmanns Sicht einiges anfangen: Künftig soll im lokalen Netz nicht nur – ob nun digital automatisiert oder über kleine Stromhändler – der Ausgleich vor sich gehen zwischen denen, die gerade grünen Strom erzeugen, und denen, die ihn gerade nutzen wollen.

Dem Experten schwebt auch vor, schon auf der Verteilnetzebene ganz flexibel zu sein – also E-Autos als Stromspeicher zu nutzen oder mit Überschuss-Strom einen Wärmespeicher zu füllen. Das gäben die Netze übrigens schon jetzt her, erklärte er, weil diese für Spitzenlasten ausgelegt seien, während im Schnitt aber nur 20 Prozent ihrer Kapazität genutzt würden.

Im solarstromgespeisten Zukunftsnetz gehe es darum, die 80 Prozent intelligent zu erschließen, das Optimum zu erreichen und nicht die "eigene Hausinsel" zu optimieren, verkündete Lackmann das neue Credo und plädierte für eine neue Sicht auf die Netzkosten. "Dass man sich von Netzentgelten und EEG-Umlage befreit, dann aber sagt, die Kosten der Netzinfrastruktur interessieren mich nicht, das darf nicht passieren", redete Lackmann den Betreibern von Solardächern, die vor allem den preiswerten Eigenverbrauch im Blick haben, ins Gewissen.

Infrastrukturabgabe soll Entsolidarisierungs-Vorwurf entkräften

Für eine klare Infrastuktur-Verantwortung privater Solardächer setzte sich beim grünen Fachgespräch auch der Geschäftsführer des Energiehändler-Verbandes BNE, Robert Busch, ein. Zurzeit entfielen auf jemand, der sich zu 70 Prozent selbst mit Strom versorge, nur 30 Prozent an Netzkosten – dennoch sei das Netz auch für ihn zu hundert Prozent verfügbar.

Nach Buschs Angaben würden, um Lackmanns Visionen zu erfüllen, im Schnitt 250 Euro als jährliche Infrastrukturabgabe ausreichen. Damit wären, betonte der BNE-Chef, die Solardachbesitzer aus der "Entsolidarisierungsdiskussion" heraus und auch der politische Vorwurf wäre weg.

Nahezu gebetsmühlenartig wiederholten sich beim Fachgespräch die Appelle an die Solarstromer, auch sie müssten – wenn nun der Ökostrom langsam die Herrschaft am Markt übernimmt – an das große Ganze denken und sich von der "optimierten Hausdach-Anlage" verabschieden. Diese passe in vielen Fällen eben nicht zur Optimierung des Gesamt-Stromsystems.

Nicht ganz so überzeugt von einer Infrastrukturabgabe zeigte sich im Bundestag das Bündnis Bürgerenergie. Um einen Bürgerstromhandel in Gang zu bringen, reichten – weil nur im "Nahbereich" Strom geliefert werde – auch reduzierte Netzentgelte aus, argumentierte Bürgerenergie-Vorstand Marcel Keiffenheim. Des Weiteren müssten die Vorschriften für den dezentralen Handel kleinerer Strommengen vereinfacht werden.

Verschenkter Klimaschutz auf den Dächern

Der Abschied vom vorrangigen Blick aufs eigene Solardach hat nicht zuletzt klimapolitische Gründe. So werden derzeit praktisch keine Dachanlagen privat installiert, die mehr als zehn Kilowatt Spitzenleistung haben. Grund: Jenseits dieser Grenze wird die Eigenverbrauchsabgabe fällig. Zudem sind viele Anlagen auf einen möglichst hohen Eigenverbrauch ausgelegt, weshalb oft nicht einmal die zehn Kilowatt ausgenutzt werden. Alles in allem wird so jede Menge CO2-Einsparung auf den Dächern verschenkt. Das könne man sich nicht mehr leisten, meinte Agora-Mann Frank Peter.

Die kontraproduktive Zehn-Kilowatt-Grenze hatte auch Volker Quaschning in seiner jüngsten Videokolumne "Macht die Dächer voll!" bei Klimareporter° angeprangert. Auf das Hausdach eines Drei-Personen-Haushalts gehört für den Energiesystemforscher mindestens eine Zwölf-Kilowatt-Anlage, damit sich der CO2-Fußabdruck der Familie so reduziert, dass er sich mit dem Pariser Klimaabkommen verträgt, hatte Quaschning in dem Beitrag vorgerechnet.

So groß ist die Zahl derjenigen am Ende übrigens nicht, die sich durch den Eigenverbrauch mehr oder weniger "unsolidarisch" aus den Netzkosten ausklinken. Nach den Angaben von Frank Peter von Agora Energiewende liegt die jährlich selbst verbrauchte Menge am Solarstrom bei zehn bis 20 Milliarden Kilowattstunden. Das sind fünf bis elf Prozent des gesamten Ökostroms oder ein Viertel bis die Hälfte des Solarstroms.

Angesichts dieser überschaubaren Größe täte die Branche gut daran, mit neuen Finanzkonzepten den Vorwurf der Energiewendegegner aus der Welt zu schaffen.

Redaktioneller Hinweis: Die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen hat inzwischen eine Dokumentation der Fachvorträge veröffentlicht

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