Bagger in Jänschwalde besetzt

Aktivist:innen von Ende Gelände sind in den Braunkohletagebau Jänschwalde in der Lausitz eingedrungen. Das geplante Ausstiegsgesetz der Bundesregierung verhindert aus ihrer Sicht ein schnelles Ende der Kohleverstromung. Eine Reportage.


Aktivist:innen haben ein Banner an einem Bagger im Tagebau Jänschwalde befestigt:
Das Bündnis "Ende Gelände" fordert den sofortigen Ausstieg aus der Kohle und hat am heutigen Freitag einen Bagger im Tagebau Jänschwalde besetzt. An einem weiteren wurde ein Banner entrollt. (Foto: Ende Gelände/​Flickr)

Es ist kurz vor zwei Uhr nach Mitternacht, als acht Menschen die Abbruchkante hinuntergleiten. Die Kante ist steil, der Sand gerät leicht ins Rutschen und die Füße verlieren die Kontrolle auf den losen Erdmassen.

Kaum in der Grube angekommen, zieht es die Aktivist:innen von "Ende Gelände" weiter, sie hasten ein Förderband entlang. Ihr Ziel: ein Abraumbagger im Braunkohletagebau Jänschwalde in der Lausitz.

Sie wollen dem Betreiber der Kohlegrube, der Leag, zeigen, was sie von seinem Geschäftsmodell halten. Dafür haben sie ein 17 Meter langes Banner mitgebracht.

Mit zügigen Schritten erklimmen sie den stählernen Koloss, der unablässig vor sich hin wummert. Auf einer der oberen Ebenen angekommen, entrollen die Acht das Transparent und befestigen es mit Kabelbindern am Geländer.

"Keine Milliarden für Klimakiller" steht auf dem Banner. Das Kohleausstiegsgesetz, das in der kommenden Woche verabschiedet werden soll, würde der Leag 1,75 Milliarden Euro bescheren, damit sie ihre Tagebaue und Kraftwerke aufs Abstellgleis schickt.

"Das Ausstiegsgesetz verzögert den Ausstieg"

"Mit dem Gesetz soll der Kohleausstieg festgeschrieben werden, tatsächlich wird er verzögert", sagt die Ende-Gelände-Aktivistin Pia. Ohne die Subventionen, die in die Kohle fließen, würden die Kraftwerke von allein unwirtschaftlich.

"Aber so wird das Abbaggern und Verbrennen von Kohle für die nächsten 18 Jahre gesetzlich verankert. Das ist viel zu spät", meint die 23-jährige Physikstudentin, die das erste Mal in ihrem Leben auf einem Kohlebagger steht.

Während einige der Aktivist:innen das Banner festzurren, stellen andere zwei Puppen auf, die Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen darstellen. Die Puppen gehören aus Sicht von Ende Gelände mit auf den Bagger, weil die politisch Verantwortlichen den Kohlekonzernen helfen würden, aber nicht dem Klima. "Kein Entscheidungsträger kann sich im Jahr 2020 in der sich immer weiter verschärfenden Klimakrise noch aus der Verantwortung ziehen", sagt Pia.

In der Ödnis zwitschert ein Vogel. Dazu das dumpfe Dröhnen der Maschinen. Die Gruppe hat ihr Werk fast vollbracht, als plötzlich jemand fragt: "Was macht ihr da?" Die Stimme gehört einem Mann mit Blaumann und Helm, vermutlich ein Mitarbeiter der Leag. Er war wahrscheinlich die ganze Zeit auf dem Bagger, die ungewohnten Geräusche haben ihn aufgeschreckt.

"Wir gehen gleich", antwortet ihm ein Aktivist. Zwar will der Behelmte sich den Aktivist:innen in den Weg stellen, doch die lassen sich nicht beirren und verlassen schnurstracks das Gerät.

Lausitz – ein Ort der Zerstörung

Sie müssen sich beeilen. Der Einstiegspunkt in die Grube ist knapp hundert Meter entfernt – viel zu weit. Fahrzeuge des Sicherheitsdienstes kommen. Die jungen Leute rennen der Abbruchkante entgegen – so schnell der Abstieg voranging, so beschwerlich wird der Aufstieg.

Abraumbagger im Tagebau Jänschwalde
"Keine Milliarden für Klimakiller": Ihre Forderung haben die Aktivist:innen von Ende Gelände an einem Abraumbagger im Tagebau Jänschwalde platziert. (Foto: S. Kirchner)

Doch vorerst sind sie in einer Furche direkt unterhalb der Abbruchkante vor Blicken geschützt und preschen weiter vor, bis sie eine Stelle erreichen, die weniger steil erscheint. Gegenseitig schieben, hieven und ziehen sich die Acht mehrere Sandebenen hoch. Gemeinsam erreichen sie die Grasnarbe und flüchten in den nahen Wald.

Zu einem zweiten Jänschwalder Bagger ist in den frühen Morgenstunden ein weiteres Dutzend Kohlegegner:innen unterwegs. Anders als die erste Gruppe um Pia wollen sie den Bagger besetzen und so den Tagebau für mehrere Stunden lahmlegen. Auch sie entrollen ein großes Banner und produzieren Bilder aus dem Tagebau, die sich im Nu über die sozialen Netzwerke verbreiten.

"Wir wollen Bilder von den Orten der Zerstörung zeigen", sagt Leo. Die Lausitz sei ein solcher Ort, denn durch den Kohleabbau werde das Klima weiter angeheizt. "Im Lausitzer Revier muss das genauso beendet werden wie im Rheinland, deshalb protestieren wir überall", sagt der 21-Jährige, der schon länger in der Klimagerechtigkeitsbewegung aktiv ist.

Auch im Rheinland protestieren Klimaaktivist:innen. Etwa 80 von ihnen haben sechs Bagger im Tagebau Garzweiler besetzt. "Statt die Klimakrise endlich zu stoppen, belohnt die Regierung RWE und Leag mit Milliarden dafür, dass sie noch 18 Jahre weiter das Klima zerstören", sagt Zade Abdullah vom Bündnis "Einsatz Kohlestopp", das im Rheinland aktiv ist. "Sie vergoldet die Meiler der fossilen Dinosaurier-Industrie. Wir stellen uns diesem Wahnsinn heute in den Weg."

RWE schüttet unbeirrt Dividende aus

Während der Betrieb im Tagebau Garzweiler stillsteht, hält der RWE-Konzern in Essen seine virtuelle Jahresversammlung ab. Auch vor der Konzernzentrale wird demonstriert. RWE will die Ausschüttung der Dividende von 70 auf 80 Cent pro Aktie erhöhen.

Für Markus Dufner vom Dachverband der Kritischen Aktionäre ist das ein falsches Signal. "In Zeiten der Corona-Pandemie muss RWE einen gesellschaftlichen Beitrag leisten." Der Kohlekonzern, der das klimaschädlichste Unternehmen im Dax sei, sollte nach Dufners Ansicht einen Fonds bilden und Geld für die Bekämpfung des Klimawandels bereitstellen. Auch Entschädigungen für Gesundheitsschäden oder für tagebaunahe Gemeinden seien notwendig.

Am Nachmittag beginnt die Polizei die Blockaden im Rheinland und in der Lausitz zu räumen. "Während die Zerstörung des Klimas von staatlichen Stellen befördert wird, schützt die Polizei das Eigentum der Klimakiller", kommentiert Ende-Gelände-Sprecherin Ronja Weil die Räumung. "Nicht unsere Blockaden, sondern das Kohlegesetz ist das Verbrechen."

Umweltverbände und Gruppen der Klimabewegung planen für die kommenden Tage weitere Aktionen, um ihre Kritik am Ausstiegsgesetz deutlich zu machen. "Es darf auf keinen Fall bei einem Kohleausstieg im Jahr 2038 bleiben", sagt Ende-Gelände-Aktivistin Pia. In zehn Jahren müsse Deutschland kohlefrei sein. "Wenn wir selber dafür sorgen müssen, dann werden wir das tun."

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