Autokonzerne werden Klimaziele verpassen

Begleitet von mehreren Protestaktionen begann am Dienstag die Automesse IAA in München. Für Freitag haben Initiativen wie "Sand im Getriebe" und weitere Gruppen angekündigt, die Messe blockieren zu wollen.


Gesperrter Autobahnabschnitt mit veränderten Hinweisschildern: Verkehrskollaps 2000 m. Und: Smash car lobby and industry, no IAA.
2.000 Meter bis zum Verkehrskollaps: Autobahn-Aktion gestern auf der A9. (Foto: Aktion Autofrei/​Twitter)

Zum Auftakt der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) am Dienstag haben sich um den Messeort München Demonstranten von mehreren Autobahnbrücken abgeseilt. Auf der Autobahn A9 erkletterten Aktivisten eine Schilderbrücke und überklebten die Aufschrift. "Verkehrskollaps 2000 m" stand dann eine Zeitlang zu lesen.

Wegen der Aktionen mussten Fahrbahnen zeitweise gesperrt werden, die Verkehrsbehinderungen hielten bis zum Mittag an. Einige Protestierer sehen sich jetzt Ermittlungen unter anderem wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr und Nötigung gegenüber.

Am Veranstaltungsort, der Messe München, stiegen am Dienstagmorgen Greenpeace-Aktivisten mit Plakaten in ein Wasserbecken. Auf den Plakaten zeigten sie Bilder von Überschwemmungen und Waldbränden vergangener Jahre sowie Slogans wie "Die Klimakrise startet hier". Nach einer halben Stunde verließen die Protestierer das Wasserbecken, die Polizei griff laut der Umweltorganisation nicht ein.

Nach einer zeitgleich veröffentlichten neuen Greenpeace-Berechnung werden die drei großen deutschen Autokonzerne BMW, Daimler und VW trotz ihrer mitunter groß angekündigten Klimaziele im Jahr 2030 immer noch etwa 215 Millionen Tonnen CO2 mehr ausstoßen, als zum Einhalten des Pariser 1,5-Grad-Limits notwendig wäre.

"Die deutsche Autoindustrie befeuert die Klimakrise immer weiter", sagte Greenpeace-Verkehrsexperte Benjamin Stephan. "Mit ihren rücksichtslosen Geschäften schränken VW, Mercedes-Benz und BMW die Freiheit junger Menschen ein." Die Konzerne müssten deswegen viel schneller von den Verbrennungsmotoren wegkommen.

"Autoindustrie ist Teil der Lösung"

Der Verband der Automobilindustrie (VDA) kritisierte die Autobahn-Aktionen und verteidigte das Konzept der Messe. Die IAA zeige den Weg zur klimaneutralen Mobilität, sagte VDA-Präsidentin Hildegard Müller laut Medienberichten. Man diskutiere auch mit denen, die anderer Meinung sind. "Unser Angebot zum Dialog steht. Gewalt und Nötigung lehnen wir ab."

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erinnerte die Branche nach dem traditionellen Eröffnungsrundgang daran, dass der Verkehrssektor noch "sehr viel" zur Klimaneutralität beitragen müsse. Die Autoindustrie an sich sei aber nicht das Klimaproblem, sondern vor allem ein "zentraler Teil" der Lösung, sagte Merkel.

Die Kanzlerin sprach sich dabei für Technologieoffenheit aus. "Wir dürfen uns nicht voreilig und einseitig auf nur bestimmte Technologien festlegen", so Merkel. Elektromobilität werde ein Pfeiler klimaneutraler Fortbewegung sein, aber auch andere Optionen wie Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe könnten das Klima entlasten, vor allem im Schwerlast-, Luft- und Schiffsverkehr.

Bündnis kritisiert Zwang zum Autofahren

Für die nächsten Tage planen mehrere Protestgruppen mehr als 50 Aktionen im Umfeld der IAA. So will das Bündnis "Smash IAA", das nach eigenen Angaben antikapitalistische Klimagruppen aus ganz Deutschland umfasst, die gesamte Woche über den Ablauf der IAA stören. Ihr Motto: "Autokonzerne entmachten und enteignen".

In den Augen des Bündnisses steht die IAA für den längst überholten Individualverkehr und für lebensfeindliche Städte, aber auch für neokoloniale Ausbeutung und nicht zuletzt die Klimazerstörung. "Mit Greenwashing-Lügen wie dem E-Auto soll das beschädigte Image der Autoindustrie aufpoliert werden", erklärten die Aktivistinnen und Aktivisten gestern.

Insbesondere kritisiert das Bündnis, dass in Deutschland ein Zwang zum Autofahren herrsche. Dieser werde vom Staat und den Autokonzernen aktiv befördert, etwa durch den Abbau von mehr als 6.000 Kilometern Schiene oder die Notwendigkeit, bis zu 2,5 Stunden zum Arbeitsplatz zu pendeln. Viele Menschen hätten gar keine andere Wahl, als mit dem Auto zu fahren.

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