Kampf für die ländliche Verkehrswende

Mehr Platz für Fahrräder, ein besserer öffentlicher Nahverkehr und weniger Autos – darum geht es derzeit in vielen Städten. Doch auch auf dem Land wird für eine Verkehrswende gekämpft. Zum Beispiel in Mittelhessen.


Eisenbahnschiene mit nur einem Gleis
6.500 Kilometer Bahnstrecken hat die DB in den letzten 30 Jahren stillgelegt. Nun dreht sich der Wind. (Foto: Jiří Rotrekl/​Pixabay)

"Im Prinzip ist es ja so, dass die Leute im ländlichen Bereich bei der Mobilität mehr Probleme haben als die Leute in der Stadt", sagt der Umweltaktivist Jörg Bergstedt. "Hier wird noch schneller gefahren, der Autoanteil ist noch höher, und Fahrradstreifen gibt es kaum, geschweige denn Fahrradstraßen." Bergstedt tut was dagegen, in vielfacher Hinsicht.

Wir stehen an der kleinen Bahnhaltestelle im mittelhessischen Dorf Saasen. Seit 30 Jahren lebt Bergstedt hier, und er kennt diesen Bahnsteig nur mit einem Gleis. Früher war das anders.

"Ich habe kürzlich von einem Eisenbahnfreak ein schönes Foto zugeschickt gekriegt", sagt Bergstedt. "Da fährt auf diesem Bahnhof ein Zug ein, so eine richtig alte Lok mit Personenwagen dahinter, und hier sind zwei Gleise zu sehen. Ich konnte mit diesem Foto wunderbar gucken, wo das zweite Gleis langlief."

Würde man das zweite Gleis reaktivieren wollen, müssten nur der Fahrscheinautomat und die Schranke versetzt werden. "Dann könnte der Takt an diesem Bahnhof, und am Folgebahnhof auch, verdoppelt werden."

Mit dem aktuellen Fahrplan sei das zwar nicht möglich, teilt die Deutsche Bahn auf Anfrage mit. Sie bestätigt aber: Die mehr als 100 Kilometer lange sogenannte Vogelsbergbahn zwischen Gießen und Fulda ist eingleisig und braucht deshalb Bahnhöfe, an denen es zwei Gleise gibt, damit Züge aneinander vorbeifahren können.

Hat ein Zug Verspätung, verspätet sich auch der entgegenkommende, und eventuell weitere. Damit die Züge an diesen sogenannten Kreuzungsbahnhöfen aufeinandertreffen können, dürfen viele nicht in Saasen halten. Von den stündlich auf der Vogelsbergbahn fahrenden Regionalzügen hält am Wochenende nur jeder zweite in dem Ort, und von Montag bis Freitag fast gar keiner. Dann muss ein anderer Zug genommen werden, der stündlich fährt.

Jörg Bergstedt findet das zu wenig. Die Region leide darunter, dass in den vergangenen Jahrzehnten der Bahnverkehr reduziert wurde, um Geld zu sparen. "Das war Deutschland Autoland!", so seine missmutige Interpretation.

Fiktive Stadtpläne machen Lust auf Verkehrswende

Gegen autofreundliche Politik kämpft Bergstedt an vielen Fronten. Der 56-Jährige ist mit diversen Gruppen der Region vernetzt, organisiert Aktionen und Kampagnen mit. Auch im 20 Zugminuten entfernten Gießen, wo die Verkehrspolitik in letzter Zeit ein großes Thema war.

Bei der Kommunalwahl am 14. März haben auch in Gießen Parteien, die sich für eine Verkehrswende einsetzen, stark dazugewonnen. Laut Bergstedt wurde im Vorfeld ein fiktiver Gießener Stadtplan stark diskutiert, in dem die gewünschten Verkehrsänderungen wie Fahrradstraßen, Straßenbahnlinien und neue Bahnhöfe eingetragen sind.

So ein "Verkehrswendeplan" ist nicht nur in einer (mittel)großen Stadt möglich. "Wir sind auch in die Regionen gegangen", erzählt Bergstedt. "Wir haben für vier Gemeinden im direkten Umfeld von Gießen solche Verkehrswendepläne entwickelt. Wir versuchen, das flächendeckend zu machen und dabei auch immer Bürgerinitiativen aufzubauen."

Dabei handle es sich um ein "dynamisches Wir", keine feste Gruppe, erklärt der Aktivist. Organisationen könnten sich da anschließen, erläutert Bergstedt, aber in Mittelhessen gebe es für die Verkehrswende seit 2018 einen "aktivistischen Ansatz mit kreativ-offenen Aktionen, in die sich alle auf ihre Weise einbringen können".

Er selbst hält Vorträge zu verkehrspolitischen Alternativen, um lokale Initiativen anzustoßen. Das habe etwa 2019 in Alsfeld geklappt, gerade an dem Tag, an dem die bald bundesweit bekannte Besetzung des nahen Dannenröder Forst begann, um den Bau einer Autobahn zu verhindern.

Ehrenamtlich betriebene Kleinbusse

"Am genialsten war die Bürgerinitiative in Buseck, einem Nachbarort von Gießen in unsere Richtung, also Richtung Osten", sagt Bergstedt. "Dort ist die Verkehrswendeinitiative inzwischen sehr, sehr stark."

Alle örtlichen Parteien beteiligen sich daran. So wurde der Antrag für eine wichtige Fahrradstraße durch die ganze Gemeinde einstimmig vom Gemeindeparlament angenommen. "Das ist jetzt hier die erste Fahrradstraße im Landkreis", sagt Bergstedt. "Die Parteien haben uns sogar gebeten, dass wir den Antrag formulieren, damit sie sich nicht wieder untereinander zerstreiten, wer ihn einbringen darf."

Für Buseck, wo die Vogelsbergbahn durchfährt, wird nun auch eine weitere Haltestelle gefordert. Einen Lastenradverleih gibt es da schon, ebenso wie in der Kleinstadt Linden, die südlich von Gießen liegt. Die Klimainitiative Linden fordert unter anderem die "Förderung einer autofreien Mobilität" und organisiert Fahrrad-Demonstrationen, zuletzt mit Verkleidung am Rosenmontag.

Kurswechsel: So gelingt die Verkehrswende

Der Verkehr erreicht seine Klimaziele nicht – in fast 30 Jahren sind die CO2-Emissionen des Sektors um kaum ein Prozent gesunken. Die Verkehrswende braucht es aber auch, damit Städte mehr Lebensqualität gewinnen und die Belastungen durch Lärm und Schadstoffe sinken. Klimareporter° stärkt deshalb – in Kooperation mit dem Verkehrswendebüro des Wissenschaftszentrums Berlin – den Fokus auf Verkehrsthemen und berichtet in einer Serie über Hemmnisse bei der Verkehrswende und über Lösungen für eine nachhaltige, zukunftsfähige Mobilität.

Bei den Kommunalwahlen am 14. März habe sich der Trend zur Verkehrswende auch in den Landkreisen um Gießen herum bemerkbar gemacht, hat Bergstedt beobachtet, und zwar vor allem dort, wo entsprechende Initiativen aktiv sind.

Nun wohnen aber auch auf dem Land immer mehr Menschen, die altersbedingt nicht gut per Fahrrad unterwegs sein können. Für sie gibt es auch in Hessen öffentlich finanzierte Kleinbusse. "Da ist es meistens so, dass ein Neunsitzer von einem Verein oder Ähnlichem betrieben wird", erläutert Bergstedt. "Die Fahrer:innen fahren ehrenamtlich."

Er findet das eine gute Lösung für vor allem die Abendstunden, wo nicht viele Leute unterwegs sind. "Eine Sache der Solidarität" nennt Bergstedt diese Kleinbusse. "Sie haben ähnlich wie ein Dorfladen auch eine kommunikative Funktion, die ja in den Dörfern sehr stark verloren gegangen ist."

Bundesweites Problem

Aber auch in Sachen klassisch finanzierter Fahrgastbetrieb gibt es in der Region offenbar weiteren Bedarf. Während die Vogelsbergbahn immer noch durch Saasen fährt, wenn sie auch selten hält, gibt es in Mittelhessen ebenso stillgelegte Bahnstrecken.

Für ihre Wiedernutzung setzen sich verschiedene Initiativen ein, die sogar auf die Unterstützung einiger größerer lokaler und regionaler Parteiverbände zählen können. Ein Verein kämpft seit vielen Jahren für die Reaktivierung der Lumdatalbahn, einer Trasse entlang des Flüsschens Lumda, ein anderer für die Dietzhölztalbahn.

Für die Reaktivierung der Ohmtalbahn gaben die betroffenen Kommunen und die beiden Landkreise Vogelsbergkreis und Marburg-Biedenkopf im Januar 2020 eine Machbarkeitsstudie in Auftrag. Sie sollte eigentlich dieses Frühjahr vorgestellt werden, ist aber noch in Arbeit, wie der Vogelsbergkreis auf Anfrage mitteilt.

Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen beschäftigt sich stark mit dem ländlichen ÖPNV und stellt etwa verschiedene Busverkehrsmodelle vor. Zur Reaktivierung von Bahnstrecken hat er letztes Jahr eine große Broschüre mit vielen bundesweiten Daten herausgegeben.

Das Problem betrifft das ganze Land: Zwischen 1990 und 2019 hat die Deutsche Bahn Trassen mit einer Gesamtlänge von 6.500 Kilometern stillgelegt.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

klimareporter° wird herausgegeben vom gemeinnützigen Klimawissen e.V. – Ihre Spende macht unabhängigen Journalismus zu Energiewende und Klimawandel möglich.

Spenden Sie hier