Trendwende beim Klimaschutz in Sicht

In vielen Industrie- und Schwellenländern sind die Treibhausgas-Emissionen erneut gesunken, zeigt das aktuelle Länder-Ranking von Germanwatch und weiteren Thinktanks. Deutschland landet wieder nur im Mittelfeld.


Windpark im dänischen Öresund, von oben gesehen.
Beim europäischen Klimaschutz spielen große Offshore-Windparks wie der im Öresund eine zentrale Rolle. (Foto: Stig Nygaard/​Flickr)

Der Höhepunkt der weltweiten Treibhausgasemissionen könnte bereits erreicht sein. Das zeigt der neue Klimaschutz-Index, den die Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch gemeinsam mit weiteren Thinktanks am heutigen Montag vorgestellt hat.

Mehr als die Hälfte der 57 größten CO2-Emittenten unter den Ländern der Erde verzeichnet demnach sinkende Emissionstrends. Das hatte sich auch schon beim Index des Vorjahres abgezeichnet. "Ein Wendepunkt scheint zum Greifen nah", heißt es in dem neuen Bericht.

Zwar ist fünf Jahre nach Abschluss des Paris-Abkommens noch immer kein Land gut genug und würde somit die Pariser Klimaziele verfehlen. Die ersten drei Plätze des Länderrankings bleiben deshalb erneut unbesetzt.

Doch ansonsten hält der Index mehrere erfreuliche Entwicklungen fest.

Erstens: Die CO2-Emissionen stiegen 2019 – dem Jahr, das der Index betrachtet – insgesamt nur noch ganz leicht an. In 32 Staaten sanken die Emissionen. 

Insgesamt analysiert der Index die Klimaschutzbemühungen von 57 Staaten plus der gesamten EU. Auf diese Staaten entfallen zusammen gut 90 Prozent der weltweiten energiebedingten Emissionen. 

Da die Emissionen im laufenden Jahr wegen Corona sinken, könnte der Peak beim weltweiten Treibhausgas-Ausstoß also tatsächlich erreicht sein – falls die Wiederaufbaupakte der Länder nicht für eine fossile Renaissance sorgen, sondern grüne Entwicklungen fördern. 

Niklas Höhne vom Kölner New Climate Institute, das den Index zusammen mit Germanwatch erarbeitet, sagte: "Umso wichtiger ist es jetzt, dass die weltweiten Konjunkturpakete nicht nur die Wiederbelebung der Wirtschaft unterstützen, sondern auch auf eine CO2-freie Wirtschaft vorbereiten."

Zweitens: Auch beim Ausbau der Erneuerbaren geht es voran. In zwei von drei Ländern – nämlich 38 Staaten – werden bereits mehr als zehn Prozent der insgesamt benötigten Energie aus erneuerbaren Energien gewonnen. In zwölf Ländern sind es mehr als 20 Prozent.

Neben den Treibhausgasemissionen (40 Prozent) und dem Erneuerbaren-Ausbau fließen in die Bewertung des Index auch der Energieverbrauch und die Klimapolitik (jeweils 20 Prozent) ein.

Schweden liegt erneut auf dem Spitzenplatz des Rankings. In den Bereichen CO2-Emissionen, erneuerbare Energien und Klimapolitik setzt das Land Maßstäbe, wie es im Index heißt. Dennoch lautet die Bewertung lediglich "gut", da der Energieverbrauch pro Kopf in Schweden nach wie vor sehr hoch ist.

Auf den folgenden Plätzen landen Großbritannien, Dänemark, Marokko und Norwegen.

Drittens: Die EU ist im Ranking um sechs Plätze aufgestiegen und liegt nun auf Rang 16 – weil die europäische Klimapolitik mit ihrem Green Deal die Bewertung nach oben drückt. Laut Jan Burck, dem Index-Hauptautor, sind das aber "Vorschuss-Lorbeeren".

"Sollte die EU beim Klimaziel für 2030 oder bei der Umsetzung des Green Deal nun doch enttäuschen, wäre ein Absturz im kommenden Jahr sicher", sagte Burck.

Schaufelbagger in einem tschechischen Braunkohletagebau.
Braunkohletagebau in Tschechien: "Die EU steht am Scheideweg." (Foto: Martin Mach/​Wikimedia Commons)

Ende der Woche beraten die Staats- und Regierungschefs der EU über das Klimaziel für 2030. Im Gespräch ist eine Anhebung des bisherigen Reduktionsziels von 40 Prozent auf 55 Prozent gegenüber 1990. Das EU-Parlament fordert sogar 60 Prozent.

Erschwert wird die Einigung auf ein ehrgeizigeres Klimaziel dadurch, dass die EU-Länder beim Klimaschutz ganz unterschiedlich dastehen. Während vor allem skandinavische Staaten schon sehr weit sind und im Index folglich auf Spitzenplätzen liegen, landen Tschechien, Polen, Zypern, Ungarn und Slowenien im unteren Teil der Liste (Plätze 47 bis 51).

"Unser Klimaschutz-Index zeigt deutlich, dass die EU am Scheideweg steht", sagte Jan Burck. Mit dem Green Deal, einem stärkeren Klimaziel für 2030 und einem grün ausgerichteten Wiederaufbau nach Corona-Krise könne die EU zum "Zugpferd beim Klimaschutz" werden. "Sie kann aber auch schwer ins Straucheln geraten, wenn sie Greenwashing statt Green Recovery betreibt."

Deutschland landet im oberen Mittelfeld (Rang 19). Das ist immerhin eine leichte Verbesserung nach dem Tiefpunkt vor zwei Jahren. Als "mittelmäßig" stuft der Index jedoch weiterhin die Bereiche Erneuerbaren-Ausbau, Energieverbrauch und CO2-Ausstoß ein. Hier ist es vor allem der Verkehrssektor, der kaum Fortschritte zeigt. Lediglich der Bereich Klimapolitik wird mit "gut" bewertet.

Viertens: Auch Schwellenländer kommen beim Klimaschutz voran. So landen Marokko, Chile und Indien unter den Top Ten des Index. "Vergleichsweise ehrgeizige Klimaschutzziele kombiniert mit einem ambitionierten Ausbau der erneuerbaren Energien bei insgesamt niedrigem Emissionsniveau führen hier zu einer deutlich besseren Bewertung als bei vielen reicheren Staaten", sagte Niklas Höhne.

Fünftens: Die USA sind in den Trump-Jahren beim Klimaschutz drastisch abgerutscht. Zum zweiten Mal in Folge liegt das Land auf dem letzten Platz des Rankings – noch hinter Saudi-Arabien. In drei der vier Kategorien lautet die Bewertung "sehr schwach". Nur beim Erneuerbaren-Ausbau gibt es ein "schwach".

Mit dem künftigen Präsidenten Joe Biden könnte sich dies deutlich verbessern.

Der Klimaschutz-Index von Germanwatch, New Climate Institute und Climate Action Network vergleicht seit 2005 jährlich die größten Treibhausgas-Emittenten unter den Staaten nach ihrer Klimafreundlichkeit.

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