Nicht ganz dicht?

Ein Vorfall in einem chinesischen Atomkraftwerk lässt Experten rätseln. Der französische Betreiber schaltet die US-Regierung ein. Insgesamt lassen aber die erneuerbaren Energien in China beim Ausbau die Kernkraft und auch die Kohle gerade weit hinter sich und erreichen neue Rekordwerte.


Panoramaaufnahme von Block 1 und 2 des Kernkraftwerks Taishan in der südchinesischen Provinz Guangdong.
Was im AKW Taishan genau passiert ist, soll die Öffentlichkeit offenbar nicht erfahren. (Foto: EDF Energy/​Wikimedia Commons)

Der Europäische Druckwasserreaktor (EPR) ist ein neuer AKW-Typ, der besonders sicher sein soll. Die ersten beiden Anlagen dieser in Frankreich entwickelten Bauart werden im südchinesischen Taishan nahe Hongkong betrieben. Sie versorgen auch die wichtigste Sonderwirtschaftszone des Landes, Shenzhen. In dem Kraftwerk hat es offenbar einen Vorfall gegeben, der zumindest sicherheitsrelevant sein könnte.

Bekannt wurde der Vorfall durch einen Bericht des US-Senders CNN. Darin war von einem seit Wochen bestehenden möglichen Leck in einem der beiden AKW-Blöcke die Rede.

Der französische Energiekonzern EDF, dessen Tochter Framatome an den Reaktoren mitgebaut hat, teilte daraufhin mit, es gebe dort ein "Leistungsproblem". In Block 1 sei ein Anstieg der Konzentration "bestimmter Edelgase im Primärkreislauf" gemessen worden. Als Ursache wurden defekte Brennelemente angegeben.

EDF beeilte sich jedoch, Entwarnung zu geben. Bei dem Edelgas-Austritt handle es sich um ein "bekanntes Phänomen", hieß es in der Mitteilung der Franzosen, die das AKW zusammen mit der China General Nuclear Power Group (CGN) betreiben. Nach den verfügbaren Daten arbeite die Anlage innerhalb der Sicherheitsvorgaben.

CGN wiederum wies Spekulationen über mögliche radioaktive Verseuchungen zurück. Die Umweltdaten im Werk und in der Umgebung seien normal.

Auslöser der Berichterstattung war ein Brief von Framatome an das US-Energieministerium gewesen, wonach in dem AKW Strahlung auszutreten drohe. Die Gefahr werde aber von der chinesischen Seite heruntergespielt. So seien die Strahlen-Grenzwerte vorsorglich hochgesetzt worden, um den Reaktor nicht herunterfahren zu müssen.

CNN zufolge kam die US-Regierung nach einwöchiger Prüfung zu dem Schluss, die Anlage laufe bisher nicht auf "Krisenniveau". In dem Zusammenhang habe es auch direkte Gespräche mit Paris und Peking gegeben.

Reaktoren sind erst wenige Jahre alt

Dass der französische Konzern sich überhaupt an das US-Ministerium wandte, hängt offenbar damit zusammen, dass CGN auf der schwarzen Liste der US-Regierung steht. Framatome habe um "amerikanische technologische Unterstützung" für die Untersuchung des Vorfalls ersucht und dafür eine Ausnahmegenehmigung beantragt. Diese kann nach US-Bestimmungen erteilt werden, falls eine "unmittelbare radiologische Bedrohung" vorliegt.

Darüber, wie bedenklich der Vorfall ist, wird in Fachkreisen spekuliert. Defekte Brennstäbe im Reaktorkern lassen radioaktive Edelgas-Nuklide wie Krypton‑90 und Xenon‑139 entweichen. Sind solche Defekte größer, muss das AKW vorzeitig vom Netz genommen werden.

CNN zitierte die pensionierte US-Nuklearwissenschaftlerin Cheryl Rofer mit der Warnung, dass ein Gasleck in dem Reaktor durchaus auf größere Probleme hinweisen könnte. "Möglicherweise sind einige der Brennelemente gebrochen", sagte Rofer. "Das wäre ein Grund, den Reaktor abzuschalten und ihn neu zu bestücken." Dabei müsse das Entfernen der Brennelemente sehr sorgfältig erfolgen.

Die EPR-Anlagen in Taishan sind 2018 und 2019 in Betrieb gegangen. Weitere EPR sind in Frankreich, Finnland und Großbritannien im Bau, dort allerdings mit gewaltigen Zeit- und Kostenüberschreitungen. Pläne gibt es auch für Indien.

China erzeugt derzeit ein Zwanzigstel seines Stroms in den dort betriebenen 41 Atomreaktoren mit insgesamt 51.000 Megawatt Leistung. Die Nuklearkapazität soll jedoch stark ausgebaut werden. 2030 will Peking 130.000 Megawatt erreichen, 2050 dann 340.000 Megawatt. Ein Viertel des Stroms soll dann Atomstrom sein.

Allzeitrekord beim Erneuerbaren-Wachstum

2020 nahm in China die Produktion von Atomstrom gegenüber dem Vorjahr aber nur wenig zu – um fünf Prozent, eine Steigerung um 17,5 Milliarden Kilowattstunden.

Nimmt man alle Stromerzeugungsarten zusammen, stellten die chinesischen Kraftwerke laut einer heute veröffentlichen Analyse des Berliner Beratungsunternehmens Energy Brainpool im Jahr 2020 rund 300 Milliarden Kilowattstunden mehr bereit als noch 2019.

Balkendiagramm: China hat 2020 die fossile, atomare und wasserkraftgestützte Stromerzeugung ausgebaut – vor allem aber die aus Wind- und Sonnenenergie.
Veränderung der chinesischen Stromerzeugung von 2019 zu 2020. (Grafik: aus der Studie)

Von diesem Stromplus kamen 129 Milliarden Kilowattstunden aus thermischen Kraftwerken, zumeist Kohlekraftwerken. Der größte Anteil – 151 Milliarden Kilowattstunden – wurde aber laut der Analyse durch erneuerbare Energien einschließlich Wasserkraft gedeckt.

Die Erneuerbaren wuchsen 2020 in China viel stärker als die fossile oder atomare Erzeugung, geht weiter aus der Analyse hervor. So nahm die Stromerzeugung aus thermischen Kraftwerken gegenüber dem Vorjahr nur um rund drei Prozent zu, die aus Atomstrom um die erwähnten fünf Prozent – aber die Erzeugung aus Windkraft um 15 und aus Photovoltaik um 17 Prozent.

Das spiegelt sich auch in den neuen Kapazitäten wider, vor allem bei Wind und Sonne. Während laut Analyse die Wasserkraft-Leistung 2020 um 14.000 Megawatt anstieg, verzeichnete Photovoltaik einen Zuwachs von rund 50.000 Megawatt, davon 10.000 Megawatt Dach- oder Gebäude-Anlagen. Bei der Windkraft legte die Kapazität in China sogar um 72.000 Megawatt zu.

Zum Vergleich: In Deutschland waren 2020 rund 54.000 Megawatt Photovoltaik und 63.000 Megawatt Windenergie am Netz.

Wind-Boom hängt mit Förderstopp zusammen

Besonders in den letzten drei Monaten des vergangenen Jahres erlebte China einen bis dato nicht gekannten Windkraft-Boom, so die Analyse. Das hänge vor allem mit einer Ankündigung der Pekinger Zentralregierung zusammen, 2021 keine Subventionen für neue Windprojekte an Land mehr zu zahlen, erläutert Energy-Brainpool-Analyst Simon Göß. Das habe starke Anreize gesetzt, die Anlagen bis Ende 2020 fertigzustellen.

Dennoch erwartet Göß, dass der Zubau von Wind und Photovoltaik in China hoch bleibt und jährlich insgesamt 30.000 bis 50.000 Megawatt hinzukommen. "Die Ziele für den Erneuerbaren-Ausbau in China wurden in fast allen Fällen von der Wirklichkeit übertroffen", betont Göß gegenüber Klimareporter°.

So seien in den ersten drei Monaten dieses Jahres schon jeweils rund 5.300 Megawatt Windkraft und Photovoltaik neu installiert worden. Mit Blick auf Chinas Klimaziele reicht das nach Ansicht von Göß aber immer noch nicht aus. Damit China wie angestrebt am Ende des Jahrzehnts zusammengerechnet über 1,2 Millionen Megawatt Solar- und Windkraft verfügt, muss der durchschnittliche Zubau etwas über dem halben Niveau der Rekordwerte von 2020 liegen.

Obwohl nach den neuen Zahlen die Ökostrom-Kapazitäten im letzten Jahr so stark angestiegen sind wie noch nie zuvor, kommen immer noch 68 Prozent des in China erzeugten Stroms aus thermischen Kraftwerken, die wiederum zu 90 Prozent mit Kohle befeuert werden. Kernkraft liefert fünf Prozent, Wasserkraft 18, Wind sechs und Photovoltaik drei Prozent des gesamten Stroms.

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