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Was aus dem neuen IPCC-Sonderbericht folgt

Land unter: Wir Menschen beuten unsere Böden, Wälder und Wiesen zu stark aus, ergibt der neue Sonderbericht des Weltklimarats. Einschätzungen, Erläuterungen und Forderungen von Experten aus Wissenschaft und Umweltbewegung.


Ölpalmen-Plantage auf Java.
Ölpalmen, so weit das Auge reicht: Die Land-Ökosysteme leiden unter der intensiven Landwirtschaft. (Foto: Achmad Rabin Taim/​Wikimedia Commons)

Wenn die Menschheit die Klimakrise in den Griff bekommen und die globale Erwärmung im Idealfall bei 1,5 Grad begrenzen möchte, muss sie sich genau überlegen, wie sie künftig mit der Fläche auf der Erde umgehen will. Klar ist, das zeigt der neue Sonderbericht des Weltklimarats zu Klimawandel und Landnutzung, dass es nicht weitergehen kann wie bisher.

Gleichzeitig steht die Welt vor mehreren Herausforderungen: Während unberührte Wälder und Moore beim Klimaschutz helfen können, wird auch Platz benötigt, um die wachsende Erdbevölkerung zu ernähren.

Was ist aus dem neuen Bericht zu schließen? Klimareporter° lässt Expertinnen und Experten aus verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen und der Zivilgesellschaft zu Wort kommen.

"Risiken von Bioenergie beachten": Sonia Seneviratne, Umweltphysikerin an der ETH Zürich

"Der IPCC-Land-Sonderbericht zeigt, dass nachhaltige Landnutzung eine zentrale Rolle in der Bewältigung der Klimakrise innehat. Während Aufforstung und die Produktion von Bioenergie helfen könnten, das globale CO2-Budget neutraler zu machen, können sie gleichzeitig auch Landdegradation verursachen oder die globale Produktion von Nahrungsmittel gefährden. Diese Risiken müssen alle sorgfältig abgewogen werden."

"EU-Agrarpolitik vom Kopf auf die Beine stellen": Kai Niebert, Deutscher Naturschutzring 

"Nur wenige Monate nach dem Weckruf des Weltbiodiversitätsrats schrillen auch beim Weltklimarat die Alarmglocken: Das Ausmaß unserer Naturzerstörung ist so groß, dass unsere Wälder und Böden es nicht mehr schaffen, das CO2 zu binden, das durch Abholzung, Verbrennung und Landnutzung freigesetzt wird.

Der Bericht zeigt eindrücklich auf: Ein gesundes Klima braucht nicht nur Windräder, sondern auch eine andere, sanftere Landwirtschaft. Eine Politik, die die Welt mit billigem Fleisch ernähren will, fährt das Klima vor die Wand. Der dafür notwendige Sojaanbau und die entstehende Gülle zerstören weltweit wertvolle Böden und heizen dem Klima ein.

Die designierte EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen hat ein ambitioniertes Klimaprogramm versprochen. Nach dem heutigen Bericht des Weltklimarates ist klar: Wer das Klima retten will, muss die europäische Agrarpolitik vom Kopf auf die Beine stellen."

"Der Schutz der Ökosysteme muss finanziell belohnt werden": Reimund Schwarze, Umweltökonom am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung Leipzig

"Das ist ein dringend nötiger Bericht. Seine besondere Stärke liegt darin, dass er die Politik darauf stößt, dass sie das Thema Landnutzung bisher auf allen Ebenen vernachlässigt. Klar ist: In den Ökosystemen an Land liegt ein riesiges Potenzial für den Klimaschutz, denn sie binden Kohlendioxid.

Da es um die Verteilung von Land für verschiedene Zwecke viele ernste Konflikte gibt, bedarf es politischer Klärung. In der Darlegung der Handlungsoptionen ist der Bericht für meinen Geschmack etwas kleinteilig, das große strategische Bild wird nicht ganz deutlich.

Für mich ist eine zentrale Schlussfolgerung, dass die Instandsetzung und Pflege von natürlichen Klimaschützern, etwa von Wäldern und Mooren, in Zukunft finanziell belohnt werden muss."

"Lokale Chancen für das Klima": Julia Pongratz, Geografin an der Ludwig-Maximilians-Universität München

"Der Bericht zeichnet ein äußerst detailliertes Bild davon, welche Auswirkungen der Klimawandel auf die Vegetationsbedeckung der Erde hat – und wie Vegetationsveränderungen den Klimawandel beschleunigen oder abschwächen können.

Während Grundlagen des Klimawandels, Klimafolgen und Maßnahmen zur Reduktion des Klimawandels in den sonstigen Sachstandsberichten des Weltklimarates getrennt sind, wird hier ein umfassendes Bild innerhalb eines Berichts gegeben – das spiegelt die untrennbaren Beziehungen zwischen Mensch, Land und Klima klar wider.

Ein Highlight ist für mich die Erweiterung der Diskussion der Klimaeffekte von Aufforstung und anderen Landnutzungsänderungen: Während der politische Fokus allein auf dem Aspekt der CO2-Aufnahme liegt, fasst der Bericht die Nebeneffekte zusammen, die Wälder auf die Wasser- und Energiebilanz haben. Und die, idealerweise, auch ganz lokal dem Klimawandel entgegenwirken können."

"Lebensmittel-Preise müssen die ökologische Wahrheit sagen": Christoph Bals, Germanwatch

"Wir müssen zwei Herausforderungen zugleich meistern: Zum einen brauchen wir ausreichend Flächen zur Ernährung einer wachsenden Zahl von Menschen und zur Bekämpfung des Hungers in der Welt. Zum anderen benötigen wir zur Eindämmung der Klimakrise global große Flächen als CO2-Senken durch Walderhaltung und Aufforstung sowie für Bioenergie.

Der IPCC macht deutlich, dass es kaum ohne gravierende Veränderungen in der Lebensweise geht. Weniger ressourcenintensive Ernährung – vor allem weniger Fleisch –, eine ressourcenschonende Landwirtschaft und die deutliche Verringerung des Wegwerfens von Lebensmitteln sind dabei zentral.

Nach Ansicht von Germanwatch muss die Bundesregierung dafür sorgen, dass Preise die ökologische Wahrheit sagen."

"Lebensmittel anbauen, aber Verschwendung beenden": Christiane Averbeck, Klima-Allianz

"Der IPCC-Sonderbericht über Klimawandel und Landsysteme macht deutlich, dass die industrielle Landnutzung und die Lebensmittelindustrie sehr große Verursacher der Klimakrise sind. Hier besteht dringender Handlungsbedarf. Notwendig sind eine deutliche Reduktion der Tierbestände und eine Veränderung der landwirtschaftlichen Praktiken, hin zu umwelt- und klimaverträglichen Anbaumethoden.

Dabei muss der Grundsatz gelten, die zur Verfügung stehenden Flächen in erster Linie für den Anbau von Lebensmitteln zu nutzen und die Lebensmittelverschwendung zu verringern. Mastbetriebe, die auf Futtermittel aus Übersee angewiesen sind, verschärfen die Klimakrise durch Flächenkonkurrenz und verdrängen ebenso wie Palmölplantagen regionale Bewirtschaftungsformen."

Zusammengestellt von Susanne Schwarz

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