Flüge, Moral und Klimaschutz

Eine Flugreise ist das größte ökologische Verbrechen, hieß es kürzlich in der Süddeutschen Zeitung. Da ist zwar etwas dran. Doch die moralische Aufladung der Debatte hilft nicht weiter. Klimaschutz ist eben keine persönliche, sondern vor allem eine politische Frage – die auch politisch gelöst werden muss. Etwa so, wie es bei Brandschutz und Denkmalschutz geschieht.


Hier ist ein Mensch zu sehen, der einem startenden Flugzeug zuschaut
"Flieg weniger, Mensch!" Moralische Appelle mögen gut gemeint sein, bringen aber leider wenig. (Foto: Hong Kong/Pixabay)

Sollte man Freunde und Bekannte jetzt in der Urlaubszeit auf ihr Flugverhalten ansprechen? Und sollte man eine gesellschaftliche Flugreisen-Debatte führen zur persönlichen Verantwortung in Sachen Klimaschutz, wie es Catherine Hoffmann jüngst in der Süddeutschen angeregt hat?

Ich hatte bereits im Jahr 1995 in der Taz meinen ersten Artikel geschrieben zum Thema Reisen und CO2, als ich mit dem Reisebus nach Madrid fuhr, um einen Flug zu vermeiden. Danach nervte ich lange Zeit Bekannte und Freunde und warb dafür, nicht oder zumindest weniger zu fliegen.

Ich muss leider bekennen, dass ich komplett gescheitert bin. Mein Freunde und Bekannten flogen und fliegen munter weiter durch die Gegend. Darum kann ich die Hoffnung auf Verhaltensveränderung aus der Gesellschaft heraus auch nicht teilen. Leider.

Heute bin ich eher der Meinung, dass die "Verantwortungskommunikation" und der moralische Unterton in Sachen Klimaschutz kontraproduktiv sind. Das beginnt mit der Sprache: "größtes Umweltverbrechen", "Umweltsünde".

Seit Jahren wird ein politisches Problem ins persönlich Moralische, gar Religiöse überführt. "Fahr weniger Auto, flieg weniger und iss weniger Fleisch". Das suggeriert, der Einzelne könne tatsächlich das strukturelle Problem Klimaschutz lösen, wenn er doch ein "guter Mensch" würde. Und das führt – so habe ich es in den letzten Jahren erfahren – eher zu Abwehrreaktionen. Weil es eine Überforderung des Einzelnen ist.

Persönliches Handeln im Bereich Klimaschutz ist eben nur im heutigen ökonomischen und kulturellen Rahmen möglich. Und dieser Rahmen stimmt nicht. Kulturelle Vorbilder (die anderen fliegen doch auch!) und völlig verzerrte Preise (Tunesien günstiger als Lüneburger Heide!) stimulieren das Gegenteil vom eigentlich richtigen Verhalten.

Zur Person

Martin Unfried ist Dozent am EIPA, dem Europäischen Institut für Öffentliche Verwaltung im niederländischen Maastricht, sowie Autor mehrerer Kolumnen, darunter der "Ökosex"-Kolumne auf den Blogseiten der Tageszeitung Taz. Seit zwei Jahren ist er zudem an der Universität Maastricht am Institut für grenzüberschreitende Zusammenarbeit und Mobilität ITEM tätig.

Daher ist Klimaschutz keine persönliche, sondern vor allem eine politische Frage. So ist es sinnvoller, sich politisch für den Stopp des Ausbaus von Flughäfen einzusetzen, als Mitmenschen mit der Flugmoral zu kommen. Ich wünschte, es wäre anders. Meine armen Kinder mussten eine schreckliche, fluglose Kindheit mitmachen, wegen ihres spießigen Vaters. Jetzt ist es an der Zeit, den Klimaschutz vom Moralüberbau zu befreien.

Es geht um das, was Michael Kopatz vom Wuppertal Institut "Ökoroutine" nennt. Der Staat flankiert mit Ge- und Verboten und entsprechender Besteuerung unser Verhalten und lenkt es in die richtige Richtung. Das nennt man normalerweise Politik.

Dafür heißt es in der EU und Deutschland politische Mehrheiten zu gewinnen, was zugegeben nicht einfach ist. Entscheidend in der Kommunikation ist aber, dass wir eben keine besseren Menschen dafür werden müssen.

Das sind wir nämlich auch nicht mit Blick auf Brandschutz oder Denkmalschutz. Die heftigen Investitionen in Brandschutztüren sind bei bestimmten Gebäuden selbstverständlich nicht freiwillig. Und niemand käme auf die Idee, sich in dieser Sache auf das Gute im Menschen zu verlassen.

Und niemand ruft "Brandschutz-Diktatur" wegen strenger gesetzlicher Vorgaben. Selbst die FDP geht nicht davon aus, dass dies der Markt regelt oder dass wir in Sachen Denkmalschutz freiwillig unsere Fassaden in den historischen Innenstädten pflegen würden ohne gesetzliche Vorgaben.

Warum soll das beim Klimaschutz anders sein, angesichts der bekannten falschen ökonomischen und kulturellen Rahmenbedingungen?

Deshalb ist es wesentlich wichtiger, unaufgeregt zu kommunizieren, dass Klimaschutz, Brandschutz und Denkmalschutz Bereiche sind, in denen staatliche Lenkung zum Wohle aller nötig ist. Das heißt im Flugverkehr beispielsweise: ein gesetzliches Einfrieren der Flugbewegungen und Landerechte und ein Einfrieren des Ausbaus von Flughäfen. Und natürlich die Einführung von Kerosinsteuer, CO2-Abgaben oder Emissionshandel, damit die Umweltkosten tatsächlich im Ticketpreis mit drin sind.

Wenn wir schon dabei sind: Im Straßenverkehr heißt es das gesetzliche Ende der Zulassung von Autos mit Verbrennungsmotor. Sind Sie dafür oder dagegen? Das ist glücklicherweise eine politische und keine moralische Frage.

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