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Das fliegende CO₂-Müsli

Was bringt eine veränderte Ernährung fürs Klima? Der Biomüsli-Hersteller Mymuesli meint, es reiche, ein paar Lebensmittel nicht so oft zu essen oder auszutauschen, um die CO2-Emissionen eines Fluges einzusparen. Ist da was dran?


Flugzeug
Wie lange muss ich Müsli essen, bis ich in den Urlaub fliegen darf? Die Frage hat zweifellos Unterhaltungswert. (Foto: Yishai Bock/​Flickr)

"Wir sind das Klima! Wie wir unseren Planeten schon beim Frühstück retten" – der Titel des jüngsten, in vielen Feuilletons gehypten Buchs des US-Autors Jonathan Safran Foer ist dem Marketing von Mymuesli in Passau möglicherweise wie ein Fingerzeig vorgekommen.

2007 mit der Geschäftsidee gegründet, jeder solle sich sein Frühstücksmüsli im Internet oder im Laden selbst komponieren, erzielte der Bio-Müsli-Hersteller zuletzt einen Jahresumsatz von etwa 60 Millionen Euro. Zuletzt ließ sich Mymuesli vom Berliner Unternehmen Klima-Metrix die CO2-Bilanz seiner gesamten Wertschöpfung produktgenau berechnen.

Die CO2-Analyse von Mymuesli wurde dabei, wie die Unternehmen jetzt mitteilten, bis auf die sogenannten Scope-3-Emissionen ausgedehnt. Damit werden in der Emissionsbilanz auch die Leistungen berücksichtigt, die eine Firma von Dritten einkauft, also zugelieferte Produkte oder Dienste.

"Ein CO2-Fußabdruck ist erst aussagekräftig, wenn die gesamte Lieferkette einberechnet ist. Darin stecken bei produzierenden Unternehmen rund 90 Prozent der Emissionen", erläutert Klima-Metrix-Chef Maximilian Winkler.

Nach den Angaben hat Mymuesli bisher 98,6 Prozent seiner Rohstoffe auf ihre CO2-Emissionen hin überprüft. Die Ergebnisse kann man auf der Webseite des Essensproduzenten einsehen. Unter dem Titel "Der Klima-Fußabdruck unserer Müslis" ist auch nachzulesen, was sonst zum Frühstück Verputztes so an CO2 erzeugt, darunter drei Eier mit gebratenem Speck (1.800 Gramm CO2 pro Portion) oder Avocado-Toast mit Poached Egg (830 Gramm) oder Honigbrötchen (450 Gramm) oder Müsli mit Milch (420 Gramm) oder Müsli mit Hafermilch (130 Gramm).

"Wir wollen, dass jede Mahlzeit, die wir verkaufen, mit gutem Gewissen gegessen werden kann", begründet Mymuesli-Geschäftsführer Hubertus Bessau die Berechnung des produktgenauen Fußabdrucks. Allerdings will sich das gute Gewissen, den Planeten schon beim Frühstück zu retten, bei den unansehnlichen Gramm-Angaben nicht so recht einstellen.

Frohe Botschaft für die treue Kundschaft

Damit die Klima-Botschaft bei allen Biomüsli-Interessierten auch ankommt, wartete Mymuesli auf der Fußabdruck-Seite letzte Woche noch mit diesem Vergleich auf: "Auf ein Jahr gerechnet, kann so locker die CO2-Bilanz eines Fluges zusammenkommen, die du einsparst, wenn du öfters ein paar Lebensmittel austauschst."

Unterschwellig ist das locker auch so lesbar: Wer unsere Müslis zu sich nimmt, kann dann auch mal fliegen und ist trotzdem noch öko. Wie schön. Mit gutem Gewissen konsumieren und fliegen können – was will die klimasensible Kundschaft mehr?

Nach einer Anfrage von Klimareporter°, worauf die Aussage beruhe, man könne durch öfteren Austausch von Lebensmitteln die CO2-Bilanz eines Fluges einsparen, verschwand der obige Satz Ende letzter Woche von der Seite – und wurde durch diesen ersetzt: "Auf 365 Tage gerechnet, kann so durchaus die CO2-Bilanz eines durchschnittlichen Kurzstreckenfluges zusammenkommen, die du einsparst, wenn du ein paar Lebensmittel nicht so oft isst oder austauschst."

Mit einem Trip von Düsseldorf nach London führt Mymuesli nun auch einen konkreten Kurzstreckenflug auf, der die persönliche CO2-Bilanz mit 310 Kilogramm belaste – die man eben einsparen könne, wenn man ein paar Lebensmittel nicht so oft esse oder austausche.

Was Mymuesli mit dem fliegenden Vergleich erreichen wolle, sei im ersten Schritt, dass man sein Konsumverhalten zunächst einmal hinterfrage, erklärt Sustainability-Managerin Sophie Hechinger gegenüber Klimareporter°.

Müsse man, fragt Hechinger rhetorisch, wirklich mehrmals pro Woche gebratene Eier essen, egal ob morgens oder abends? Reiche es nicht auch, wenn man sich beispielsweise nur einmal wöchentlich ein Avocadobrot gönne und nicht jeden Tag? Hechinger: "Und, wow, wenn ich mein Müsli morgens doch mal mit pflanzlicher Milch esse, macht das ja schon einen Unterschied aufs Jahr gerechnet."

Wow – dass es aus Klimasicht einen Unterschied macht, wenn man weniger Fleisch, Milch und Eier und mehr Pflanzliches zu sich nimmt, bestreitet ja niemand. Die Frage ist bloß, ob am Ende tatsächlich ein ganzer Gutes-Gewissen-Flug herauskommt.

Unvermeidliche "Unschärfen"

Wer aufs Jahr die 310 Kilo Kurzstrecken-CO2 durch Essen einsparen will, muss, wie sich leicht errechnen lässt, jeden Tag ungefähr 850 Gramm CO2 weniger erzeugen. Nimmt man die CO2-Angaben von Mymuesli für bare Münze, lässt sich das erreichen, indem man nicht mehr an jedem von 365 Tagen im Jahr drei Eier mit Speck frühstückt und stattdessen das Avocado-mit-pochiertem-Ei-Frühstück zu sich nimmt. Oder indem man vom tagtäglichen Avocado-mit-pochiertem-Ei-Frühstück aufs Müsli mit Hafermilch umsteigt.

Der Autor, der frühmorgens abwechselnd "Haferflocken kernig" von einem ostdeutschen Markenproduzenten mit Obst und Milch oder Biohonigbrötchen zu sich nimmt, würde die fliegende Einsparung nicht schaffen, selbst wenn er das ganze Jahr gar nicht mehr frühstückte. Viel Luft nach oben gibt es beim klimafreundlichen Frühstück offenbar nicht.

Klima-Metrix-Chef Maximilian Winkler räumt zwar gegenüber Klimareporter° ein, dass so ein CO2-Fußabdruck wie der für Mymuesli berechnete "immer eine Momentaufnahme aus den aktuell verfügbaren Daten und kein starrer, dauerhafter Wert" ist und sich "Unschärfen" nicht ganz vermeiden lassen. Die von Klima-Metrix berechneten Werte stellten aber "immer einen exakten Wert nach aktuellem Wissensstand und Stand der Technik" dar.

Wer wirklich wissen will, ob und wie es möglich ist, allein durch Umstellung der Ernährung mehrere hundert Kilo CO2-Emissionen einzusparen, sollte eher den CO2-Ernährungsrechner des Umweltbundesamtes zurate ziehen.

Nach diesem verursacht ein Durchschnittseinwohner dieses Landes mit seiner Mischkost-Ernährung pro Jahr 1,74 Tonnen CO2. Bereits beim Umstieg auf vegetarisch sinkt dieser Wert auf knapp 1,3 Tonnen und beim Umstieg auf vegan auf etwas mehr als eine Tonne CO2.

Um die Emissionen eines Fluges einzusparen – sofern man diesen wenig nachhaltigen Vergleich überhaupt ziehen will –, ist also der weitgehende Verzicht auf Fleisch oder, wo schon geschehen, auf alle tierischen Produkte nötig. Es reicht nicht, ein paar Lebensmittel nicht so oft zu essen oder auszutauschen.

So einfach ist es eben doch nicht, den Planeten schon beim Frühstück zu retten.

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