Flüge kompensieren – noch kein grüner Hit

Wer ein grünes Gewissen hat und dennoch fliegen muss, sollte die CO2-Emissionen freiwillig kompensieren, heißt es in jedem besseren Ratgeber für ein klimafreundliches Leben. Da fragt sich, für wie viele Flüge und damit gute Gewissen die möglichen Kompensationsprojekte überhaupt ausreichen. Die Antwort kann überraschen.


Flugzeug
Über den Wolken ausgestoßene Treibhausgase sind besonders klimaschädlich. (Foto: Yishai Bock/​Flickr)

Auf Platz zwei einer Hitliste, was man persönlich gegen den Klimawandel tun kann, setzte der Spiegel kürzlich die Kompensation der CO2-Emissionen – und zwar nicht nur derjenigen, die beim kerosingetriebenen Fliegen entstehen. Am besten solle man gleich den gesamten CO2-Ausstoß kompensieren.

Bei elf Tonnen Klimagas, die statistisch in Deutschland pro Kopf anfallen, koste das rund 250 Euro – also nur 68 Cent pro Tag, und die Summe sei auch noch steuerlich absetzbar, wirbt das Nachrichtenmagazin. "So billig kann Klimaschutz sein!"

Zwar sei Kompensation kein Freifahrtschein für ungebremsten CO2-Konsum, warnt auch der Spiegel – was aber sollen Ökobewusste schon machen, wenn es gerade zum Fliegen, der klimaschädlichsten Fortbewegung, keine Alternative gibt. Und längst hat die Kompensationsbranche auch ihr Image, einen klimapolitischen Ablasshandel zu betreiben, hinter sich gelassen.

Saubere Kocher im Süden sollen Flüge im Norden ausgleichen

Von einschlägigen Ratgebern empfohlene Anbieter wie Myclimate oder Atmosfair freut das. Sie erleben quasi einen Boom. So stieg bei Myclimate von 2016 zu 2017 die Menge der kompensierten CO2-Emissionen um zehn Prozent auf über 800.000 Tonnen. 

Wie viel davon Kunden zuzuschreiben ist, die privat und freiwillig ihre Flüge kompensieren, lässt sich so einfach nicht feststellen. "Von den 800.000 Tonnen wurden über unsere, Privatleuten zugänglichen, Webrechner 18.000 Tonnen kompensiert", gibt Myclimate-Sprecher Kai Landwehr an.

Dazu müsse man aber noch Geschäftsflüge von Unternehmen, die mit Myclimate zusammenarbeiten, hinzurechnen. Auch Reiseunternehmen würden bei der Kompensation von Flügen oder auch ganzer Trips die Hilfe von Myclimate nutzen – alles in allem, schätzt Landwehr vorsichtig, würden bei dem Unternehmen jährlich 40.000 bis 50.000 Tonnen CO2-Emissionen aus Flügen freiwillig kompensiert.

Bei Atmosfair, dem anderen führenden Anbieter, haben die von Privatpersonen kompensierten Flüge etwa einen Anteil von 50 Prozent an den gesamten freiwillig kompensierten CO2-Emissionen. Diese erreichten 2017 einen Umfang von etwas mehr als 100.000 Tonnen. Damit liegt Atmosfair ungefähr im selben Bereich wie Myclimate.

Myclimate-Sprecher Kai Landwehr hat anschauliche Vergleiche parat, mit denen man seinen Flug in Klimaschutzprojekte wie effiziente Kocher oder Kleinbiogasanlagen umrechnen kann. So spare ein effizienter Kocher – in Afrika statt eines offenen Holzfeuers eingesetzt – insgesamt ein bis zwei Tonnen, eine Kleinbiogasanlage zum Beispiel in Indien sechs Tonnen CO2.

Mit der Biogasanlage lässt sich nach der Myclimate-Rechnung ein Flug von Frankfurt am Main nach Buenos Aires und zurück emissionsmäßig ausgleichen. Der Kocher entspricht dann dem Flug von München nach Zypern.

Allerdings fließen die Kompensationsgelder, räumt Landwehr ein, nicht zu 100 Prozent in die Technologie oder in die Senkung des Verkaufspreises der Kocher und Biogasbecken, sondern auch in die Projektteams vor Ort, in Vermarktung und Ausbildung sowie in die umfangreiche wie vorgeschriebene Berichterstattung über die erzielten Einsparungen. Gegenüber der Lufthansa hat sich Myclimate verpflichtet, dass 80 Prozent der Gelder direkt dem Projekt zugutekommen.

"Wir haben noch viele Projekte in der Pipeline"

Wie viele der beispielsweise 80 Millionen Menschen, die 2018 laut offizieller Statistik von einem deutschen Flughafen abgeflogen sind, nun wirklich dem Punkt zwei ihres persönlichen Klimaschutzplans folgen, darüber sind derzeit keine verlässlichen Zahlen zu bekommen.

Nur für die Branche insgesamt gibt es Daten. Danach emittierte der deutsche Inlandsflugverkehr 2017 etwas mehr als 2,3 Millionen Tonnen CO2, mit leicht sinkender Tendenz. Deutlich entgegengesetzt entwickelt sich der internationale Verkehr. Hier gingen 2017 mehr als 26 Millionen Tonnen CO2 auf das Konto der Flüge, die von deutschen Flughäfen starteten.

Angesichts dessen kommt die freiwillig kompensierte Menge an Flug-COvermutlich nur auf niedrige einstellige Prozent- und eher wohl auf Promille-Anteile. Käme jemand auf die Idee, wenigstens die innerdeutschen Flüge auf die etablierte Art und Weise zu kompensieren, bedeutete das, Millionen von Kochern und Hunderttausende kleiner Biogasanlagen in anderen, meist ärmeren Weltregionen zu installieren – und zwar jedes Jahr.

Das erscheint wenig sinnvoll. Myclimate-Sprecher Landwehr beeindrucken solche Überlegungen allerdings wenig. Aus seiner Sicht ist eine Obergrenze bei der freiwilligen Kompensation noch lange nicht in Sicht – im Gegenteil: Bei Myclimate befänden sich rund 50 Projekte "in der Warteschlange", sagt Landwehr.

Das sind also Projekte, die "sofort" umgesetzt werden könnten, bei denen aber laut Myclimate "nachfragebedingt" die Finanzierung nicht gesichert ist. So würde das Unternehmen gern ein Kocherprojekt auf Madagaskar ausbauen.

Atmosfair hat, wie Geschäftsführer Dietrich Brockhagen gegenüber Klimareporter° angibt, Projekte für die ländliche Elektrifizierung für fünf Staaten "in der Pipeline", ebenso für den Ausbau von Ofenprojekten in Afrika und Asien.

Flugbranche will zusätzliches Wachstum ab 2020 kompensieren

Schon im kommenden Jahr könnte sich der Markt aber grundlegend ändern. Denn die Luftfahrtbranche hat sich verpflichtet, ihr Wachstum ab 2020 klimaneutral hinzubekommen – und zwar vor allem per Kompensation.

Der Name der entsprechenden Vereinbarung – Corsia ist die Abkürzung für Carbon Offsetting and Reduction Scheme for International Aviation, übersetzt etwa: CO2-Verrechnungs- und Minderungs-Plan für die internationale Luftfahrt. Diese soll ab 2020 CO2-neutral wachsen. Erreicht werden soll das, indem die Fluggesellschaften weltweit Klimaprojekte finanzieren.

"Wenn Corsia in Kraft tritt, besteht tatsächlich ein hoher Bedarf an Klimaschutzprojekten", ist sich Kai Landwehr von Myclimate sicher. Man hege dabei die Hoffnung, dass die Airlines auch auf die Qualität der Projekte achten, dass es also nicht allein um Emissionsreduktion geht, sondern dass auch die anderen Nachhaltigkeitsziele der UN, die sogenannten SDGs, standardmäßig berücksichtigt werden.

Ob sich die Airlines daran halten, ist fraglich. Als kritischer grüner Flugpassagier sollte man sich deswegen nicht auf Corsia verlassen, sondern ab 2020 weiter freiwillig kompensieren. Zudem soll das Offsetting der Branche ja nur das künftige Wachstum klimaneutral stellen. Die eine Milliarde Tonnen CO2, die die Branche derzeit global austößt, bleibt unberücksichtigt.

Klar ist aber: Trotz aller grünen Lippenbekenntnisse und Magazin-Billigsprüche entschließen sich noch viel zu wenig, um nicht zu sagen: verschwindend wenig Leute für das freiwillige Kompensieren. Auf den persönlichen Hitlisten steht es eher unter ferner flogen.

Atmosfair startete dieser Tage übrigens eine neue Social-Media-Kampagne. Dort verkündet Fundraiser Jan-Felix Schneider seinen guten Vorsatz für 2019, alle seine Flüge kompensieren zu wollen, und fordert alle auf, es ihm gleichzutun und zu spenden. Darauf wäre er, Jan-Felix, dann stolz ... Das klingt alles schon ein bisschen verzweifelt.

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