Risikofaktor Antarktis

Erstmals wurden in der Antarktis mehr als 20 Grad gemessen. Die schneller tauenden Eismassen bereiten Klimaforschern zunehmend Sorgen. Laut einer neuen Studie könnten sie den Meeresspiegel noch stärker ansteigen lassen als im jüngsten IPCC-Sonderbericht prognostiziert.


Satellitenaufnahme der gesamten Antarktis
Antarktis, links oben die Antarktische Halbinsel, an deren Spitze Anfang des Jahres Rekordtemperaturen um die 20 Grad gemessen wurden. (Foto: Dave Pape/​NASA/​Wikimedia Commons)

Auf 20,75 Grad Celsius stiegen die Temperaturen am 9. Februar auf der Seymour-Insel in der Antarktis und damit erstmals über die Schwelle von 20 Grad, wie Guardian und BBC unter Berufung auf den brasilianischen Kryosphärenforscher Carlos Schaefer berichten. Solche Hitzerekorde wurden in der Antarktis noch nie gemessen. 

Drei Tage zuvor waren etwa 120 Kilometer weiter nördlich auf der argentinischen Forschungsstation Esperanza 18,3 Grad gemessen worden.

Die Rekordtemperaturen müssen noch von der Weltmeteorologieorganisation WMO bestätigt werden.

Über 20 Grad – das heißt nun nicht, dass es überall in der Antarktis so warm geworden ist. Die Messstationen, an denen die Rekorde aufgezeichnet wurden, liegen beide auf der Spitze der Antarktischen Halbinsel (auf dem Foto links oben). Der bisherige Temperaturrekord von 19,8 Grad aus dem Januar 1982 war auf Signy Island gemessen worden, die nördlich der Halbinsel liegt und damit subantarktisch ist.

Die nun gemessenen Rekordtemperaturen seien einzelne Messungen und keine Langzeit-Datenreihe, sagte Schaefer. "Wir registrieren seit Langem einen Erwärmungstrend, doch so etwas haben wir noch nie gesehen." Das Überschreiten der 20-Grad-Marke sei ein Zeichen dafür, dass in dieser Region etwas Ungewöhnliches passiere.

Bis zu 58 Zentimeter mehr

Dass der Zustand der Antarktis Anlass zur Sorge gibt, zeigt auch eine neue Studie, die ein Forscherteam um den Klimawissenschaftler Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung im Fachmagazin Earth System Dynamics der Europäischen Geowissenschaftlichen Union (EGU) veröffentlicht hat.

Demnach könnten die Eismassen der Antarktis schneller tauen als bislang angenommen – und den Meeresspiegel stärker ansteigen lassen als erwartet. Für ihre Studie haben die Forscher 16 Eisschildmodelle genutzt, während frühere Studien zum selben Thema nur fünf verwendeten.

Den Ergebnissen zufolge könnte der Meeresspiegel allein durch den Eisverlust in der Antarktis um bis zu 58 Zentimeter innerhalb dieses Jahrhunderts steigen.

Das wäre dreimal so viel wie der bisherige Anstieg in den vergangenen 100 Jahren von rund 19 Zentimetern. (Seit 1880 waren es über 22 Zentimeter.) Die Antarktis wäre damit der wichtigste Faktor beim Meeresspiegelanstieg.

Zählt man noch die anderen Faktoren hinzu, die zum Anstieg des Meeresspiegels beitragen – das Schmelzen des Grönlandeises und der Gebirgsgletscher sowie die Ausdehnung der sich erwärmenden Ozeane –, ergibt sich bis 2100 ein möglicher Meeresspiegelanstieg von bis zu 150 Zentimetern.

Das geht noch deutlich über die jüngste Schätzung des IPCC hinaus. In seinem Sonderbericht zu Ozeanen und Eismassen vom September 2019 nennt der Weltklimarat als maximalen Anstieg bis zum Ende des Jahrhunderts 110 Zentimeter.

Im vierten Sachstandsbericht des IPCC von 2007 lag die obere Schätzung noch bei 59 Zentimetern, im fünften Sachstandsbericht von 2014 bei 98 Zentimetern.

Dass die Schätzung im Sonderbericht vom vergangenen Jahr höher ausfiel, lag unter anderem am schnelleren Abtauen der Eisschilde in der West- und Ostantarktis.

"Der Einfluss der Antarktis erweist sich als die größte Unbekannte für den Meeresspiegelanstieg weltweit, aber dadurch auch als das größte Risiko", sagte der Leitautor der Studie, Anders Levermann.

Gefahr für Küstenmetropolen

Dabei bezieht sich der errechnete Maximalwert von 58 Zentimetern als Beitrag der Antarktis zum Meeresspiegelanstieg auf das Worst-Case-Szenario "Representative Concentration Pathway 8.5" (RCP8.5), das von einem ungebremsten Ansteigen der Emissionen ausgeht und einen Temperaturanstieg bis 2100 um bis zu acht Grad annimmt.

Einen solchen Maximalwert auszurechnen bedeutet also nicht: "So wird es auf jeden Fall kommen." Sondern: "So könnte es kommen."

Das dient vor allem der Risikoabschätzung und liefert wichtige Informationen für den Küstenschutz – damit Planer wissen, wie sie mögliche Schutzmaßnahmen dimensionieren sollen. "Mit großer Wahrscheinlichkeit wird der Beitrag der Antarktis zum Meeresspiegelanstieg nicht mehr als 58 Zentimeter betragen", so Levermann.

Allerdings hat der Antarktische Eisschild auf lange Sicht – also in Jahrhunderten bis Jahrtausenden – das Potenzial, den Meeresspiegel um mehrere zehn Meter anzuheben, so große Wassermassen sind dort gespeichert.

"Was wir mit Sicherheit wissen, ist, dass das Verbrennen von Kohle, Öl und Gas die Risiken für die Küstenmetropolen von New York bis nach Mumbai, Hamburg oder Shanghai weiter in die Höhe treibt", sagte Levermann.

Gelingt es, das Paris-Abkommen einzuhalten und die Emissionen zu senken (das wäre das Szenario RCP2.6), würde der Beitrag der Antarktis laut Studie mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nur vier bis 37 Zentimeter betragen.

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