Anzeige
naturstrom.de – weil es beim Klimawandel um alles geht

"Auch die Geschichte des Eisschildes ist wichtig"

Das Eis in der Antarktis ist seit der letzten Eiszeit nicht immer nur zurückgegangen, so eine neue Studie. Das reicht zwar nicht, um das beschleunigte Abschmelzen aufzuhalten, sagt Studienautor Torsten Albrecht vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Prognosen für die fernere Zukunft dürften sich dennoch verändern.


Das Bild zeigt die Lemaire-Passage auf der Antarktischen Halbinsel.
Die Lemaire-Passage auf der Antarktischen Halbinsel. (Foto: Christopher Michel/​Wikimedia Commons)

Klimareporter°: Herr Albrecht, Sie haben herausgefunden, dass das Eis der Westantarktis seit der letzten Eiszeit nicht nur zurückgegangen ist, sondern sich zwischendrin auch noch mal ausgedehnt hat. Wie passiert das?

Torsten Albrecht: Wir haben uns die letzten 20.000 Jahre genauer angeschaut. Bisher war der Konsens in der wissenschaftlichen Gemeinschaft, dass das Eis sich seit der letzten Eiszeit in der Antarktis vom Kontinentalschelf-Rand kontinuierlich zurückgezogen hat. Unsere Studie zeigt aber, dass das gar nicht so kontinuierlich war. Das Eis hat sich schneller zurückgezogen, als man bisher angenommen hat. Das heißt hier etwa 1.000 Kilometer in 1.000 Jahren. Stellenweise war das noch schneller, als wir das heute, beispielsweise in der Pine-Island-Region, beobachten.

Weil das auf geologischen Zeitskalen sehr schnell ist, gibt es einen Effekt, den man bisher vernachlässigt hat. Denn die Erdkruste reagiert auf Veränderungen der Eismasse an der Oberfläche. Es geht hier um bis zu drei Kilometer dickes Eis, das großflächig verschwindet. Dadurch verschwindet auch einiges an Druck und der Boden hebt sich. Das wirkt sich dann wiederum auf die Eisdynamik aus und hat dazu geführt, dass das Eis sich langsam wieder ausdehnen konnte. Das heißt, die sogenannte Aufsetzlinie ...

... an der das schwimmende Schelfeis den Boden berührt ...

... wurde in Richtung Meer verschoben. Der Boden hat sich gehoben, das hat dazu geführt, dass das Eis unten auflandet, sich zusätzlich sogenannte Eiskuppeln bilden. Das hat das Eis stabilisiert. Wenn der Boden sich nicht gehoben hätte, hätte das Eis sich noch viel weiter zurückgezogen. Ein großer Teil der Westantarktis wäre dann heute schon verschwunden und wir hätten einen viel höheren Meeresspiegel.

Grafische Darstellung des Antarktis-Schelfeises im Längsschnitt.
Die Grafik (vergrößern) zeigt die von Torsten Albrecht beschriebenen Schelfeis-Elemente in der Antarktis, darunter die Aufsetzlinie (grounding line) und die Eiskuppeln (ice rises). (Grafik: Hannes Grobe/​AWI/​Wikimedia Commons)

Sie sagen, dass das Eis in der Vergangenheit sogar schneller geschmolzen ist als heute. Heißt das, dass es auch heute wieder eine Stabilisierung geben wird?

Der Eisrückgang, den wir heute beobachten, findet überwiegend in anderen Regionen statt als in denen, wo wir diesen Effekt gefunden haben. Die Amundsen-Region beispielsweise ist von der Geometrie anders beschaffen. Aber wenn der Rückgang tief ins Landesinnere voranschreitet, könnte ein großer Teil der Westantarktis aufschwimmen. Das würde bedeuten, dass sich auch dort große Flächen des Bodens heben werden.

Das Klima erwärmt sich aber so schnell, dass wir annehmen, dass dieser Effekt keine Umkehr der Eisschmelze mehr hervorrufen wird. Aber das, was wir ganz am Ende an Meeresspiegelanstieg haben werden, kann dadurch schon noch beeinflusst werden. Das ist auf der Zeitskala 500 Jahre und noch länger in der Zukunft, aber doch wichtig für Entscheidungsträger.

Eine zeitgleich mit Ihrer Studie in Nature erschienene Untersuchung hat den Rückgang des Eises in der Westantarktis in den letzten 25 Jahren untersucht. Was ist neu an den Ergebnissen?

Die Beobachtungsstudie hat sich die zurückliegenden 25 Jahre angeschaut, besonders die letzten fünf Jahre. Dass sich der Beitrag der Antarktis zum Meeresspiegelanstieg verdreifacht hat, ist eine wichtige Kennzahl. Das haben wir schon längere Zeit befürchtet.

Antarktis-Eis schmilzt immer schneller

Die andere Studie, an der unter anderem Wissenschaftler des Alfred-Wegener Instituts (AWI) in Bremerhaven beteiligt waren, hat den Eisverlust in der Antarktis seit 1992 untersucht.

 

Das Ergebnis: In diesen 25 Jahren hat die Antarktis mit 7,6 Millimetern zum Anstieg des Meeresspiegels beigetragen, drei Millimeter davon in den letzten fünf Jahren. Damit hat die Antarktis einen Anteil von etwa einem Drittel bei der gegenwärtigen Beschleunigung des Meeresspiegelanstiegs. Die Studie ist am Donnerstag zusammen mit weiteren Antarktis-Studien in der Fachzeitschrift Nature erschienen.

Im Weltklimabericht sind die verschiedenen Faktoren des Meeresspiegelanstiegs aufgelistet, wie die Ausdehnung der Meere durch die Erwärmung, der Beitrag Grönlands und der Gebirgsgletscher. Da hat die Antarktis bisher einen relativ geringen Teil ausgemacht. Das, was der Weltklimabericht beim Meeresspiegelanstieg voraussagt, ist aber wirklich das untere Limit. Je mehr physikalische Prozesse, die erst für ein viel wärmeres Klima von Belang sein könnten, in die Modellsimulationen einbezogen werden, desto mehr dürfte der Beitrag der Antarktis nach oben korrigiert werden. Vor allem, wenn selbstverstärkende Mechanismen auftreten.

Welche sind das?

In der Antarktis spielt vor allem einer eine Rolle: Das Eis fließt aus dem Inneren des Eisschildes nach außen auf das Meer. Es wird gefüttert durch den Schneefall, der Schnee verdichtet sich zu Eis, dieses fließt durch den eigenen Druck in Richtung Ozean, und wenn es auf dem Meer schwimmt, wird es zum Schelfeis.

Wenn das Schelfeis durch Schmelzen dünner wird, verschiebt sich die Aufsetzlinie nach hinten. Unter dem Eis fällt der Boden aber landeinwärts ab. Das heißt, durch die sich nach hinten schiebende Aufsetzlinie wird das Eis an dieser Stelle dicker, und das wiederum führt zu einem erhöhten Fluss. Dadurch aber verschiebt sich die Aufsetzlinie noch weiter nach hinten.

Das Bild zeigt Torsten Albrecht, Physiker am PIK.

Zur Person

Torsten Albrecht ist Physiker am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. (Foto: Klemens Karkow/​PIK)

Im Weltklimabericht war man noch nicht so sicher, ob der Mechanismus schon in Gang ist. Das ist in den letzten zwei bis drei Jahren immer klarer beobachtet worden. Die Indizien deuten darauf hin, dass die Westantarktis sich in einem sehr schnellen Rückzug befindet.

Es ist aber trotzdem nicht so einfach zu sagen, dass das, was in der Amundsen-Region passiert, dieser Mechanismus ist. Es könnte immer noch eine verzögerte Antwort auf das Erwärmungssignal nach der letzten Eiszeit sein. Das ist noch ein Streitpunkt, den wir noch besser verstehen müssen.

Ändert Ihre Studie etwas an den Resultaten der anderen?

Unsere Ergebnisse werden sicherlich nichts daran ändern, dass sich der Eisfluss aus der Antarktis in den letzten 25 Jahren verdreifacht hat. Aber es kann schon etwas ausmachen, wenn es um die Stabilität des Eisschildes in der Zukunft geht.

Was ändert sich durch Ihre Ergebnisse an den Prognosen?

Man riskiert derzeit einen Anstieg des Meeresspiegels von dreieinhalb Metern durch das Abschmelzen der Westantarktis. Es gibt auch Regionen in der Ostantarktis, die ebenfalls abschmelzen könnten. Das sind noch viel größere Zahlen. Wenn wir herausfinden wollen, ob der selbstverstärkende Mechanismus schon aktiv ist, müssen wir wissen, wo wir heute stehen. Denn die Eisdynamik ist sehr träge. Das Eis tief unten spürt erst sehr spät, was an der Oberfläche passiert. Deshalb zählt nicht nur der Ist-Zustand, sondern auch die Geschichte des Eisschildes.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

klimareporter° wird herausgegeben vom gemeinnützigen Klimawissen e.V. Ihre Spende macht unabhängigen Journalismus zu Energiewende und Klimawandel möglich.

Spenden Sie hier