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Das gute Leben, zweiter Versuch

Vier Jahre lief das Forschungsprojekt zum Wert der Natur. Nun ist sie da, die Bibel der Naturschützer. Doch was macht die Welt damit? Erstmal das Gipfeltreffen dazu verschieben.


Berliner Compagnie
Theaterstück vom guten Leben: Alles umsonst? (Foto: Ida Henschel/​Berliner Compagnie)

Was ist das, ein "gutes Leben"? Großes Haus, großes Auto vor der Tür, zwei Flug-Urlaube im Jahr? Drei Prozent Wirtschaftswachstum, Vollbeschäftigung bis zum Burnout, viele neue Autobahnkilometer?

So wurde das lange definiert. Und, mal im Ernst, so ist es doch auch heute noch. Den vielen Krisen zum Trotz, die diese Definition von "Wohlstand" erzeugt.

Wie lässt sich das ändern? Wissenschaftler:innen haben im Auftrag der Vereinten Nationen einen dicken Report dazu verfasst. Er ist, sozusagen, die Bibel zu diesem Thema.

Der Schlüssel zu einem nachhaltigen Leben auf der Erde liege darin, alle Vorteile der Natur für den Menschen zu berücksichtigen. Auch die emotionalen, kulturellen und spirituellen Werte, die die Natur für die Menschen mit sich bringt, müssten angemessen gewürdigt werden. Nicht zuletzt gehe es darum, neu zu definieren, was "gute Lebensqualität" bedeute.

Vier Jahre lang lief das Forschungsprojekt zum Wert der Natur, dessen Ergebnis der Weltbiodiversitätsrat IPBES in dieser Woche vorgelegt hat. Es fußt auf 13.000 Referenzen, darunter Studien sowie indigene und lokale Informationsquellen.

Die Warnung ist klar: Durch das Versagen der Wirtschaft, den wahren Wert der Natur zu berücksichtigen, ist die Menschheit einem extremen Risiko ausgesetzt, weil sie ihre eigene Lebensgrundlage vernichtet.

Das Problem: Der Biodiversitätsrat, das Pendant zum Weltklimarat IPCC, erleidet mit seinen guten Analysen dasselbe Schicksal wie dieser. Sie werden zwar zur Kenntnis genommen, aber nur völlig unzureichend in praktische Politik umgesetzt.

Ausgeknipst

Ja, noch schlimmer. Der IPBES ist noch machtloser als der IPCC. Es kann sogar passieren, dass sein Thema für ein paar Jahre einfach ausgeknipst wird. 

Eigentlich sollte 2020 ein wichtiger UN-Gipfel stattfinden, um endlich die Trendwende gegen das Artensterben einzuleiten. Zehn Jahre vorher war das schon mal versucht worden, mit den sogenannten Aichi-Zielen. Vergeblich.

Immerhin: Diesmal herrschte Optimismus vor der in chinesischen Kunming geplanten Konferenz. Dass China das Treffen ausrichten wollte, beflügelte alle.

 Joachim Wille ist Chefredakteur des Online-Magazins Klimareporter°.

Doch dann kam Corona. Der Gipfel wurde auf 2021 verschoben und fand dann nur virtuell statt. Ein Präsenz-Treffen sollte im Frühjahr 2022 stattfinden, wurde in den Spätsommer verschoben – und kommt nun erst im Dezember, und auch nicht in China, sondern in Kanada.

Das einzig Gute daran: Die Delegierten haben mehr Zeit, die neue Studie zu lesen. Vielleicht kommt es ja dann doch, das "gute Leben".

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