Kompensation als Klima-Joker

Die Politik allein kann die Erderwärmung nicht unter zwei Grad halten, warnt das Club-of-Rome-Mitglied Professor Franz Josef Radermacher. Er fordert: Wohlhabende und Unternehmen sollen freiwillig und in großem Stil in die CO2-Kompensation einsteigen. Das könne ein "Milliarden-Joker" fürs Klima werden.


Grafik: Die reichsten zehn Prozent der Welt verursachen die Hälfte der CO₂-Emissionen, die ärmere Hälfte nur zehn Prozent.
Der "CO2-Sektkelch": Die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung sind für die Hälfte der Emissionen verantwortlich, während die ärmere Hälfte der Menschheit zusammen nur auf zehn Prozent kommt. (Grafik: Maren Urner, Felix Austen; Daten: Oxfam)

Die Zeit fürs Weltklima läuft davon. Erst kürzlich hat der Weltklimarat IPCC festgestellt: Die globalen Treibhausgas-Emissionen müssen schon bis 2030 mehr als halbiert werden und bis 2050 auf null sinken, um die Sicherheitslinie von 1,5 Grad Erwärmung zu halten. Tatsächlich steigen sie derzeit weiter an, eine Trendwende ist nicht in Sicht.

Der renommierte Ökonom und Informatiker Franz Josef Radermacher hat nun einen "Milliarden-Joker" ins Gespräch gebracht, mit dem die Klimaschutz-Lücke geschlossen werden könne: Privatleute, Unternehmen und andere Organisationen sollen freiwillig und auf breiter Front CO2-Kompensationsprojekte in Entwicklungsländern finanzieren und sich dadurch "klimaneutral" stellen.

Deutschland zum Beispiel könne seine Emissionen so bis 2025 unter dem Strich auf null senken – und zwar zu tragbaren Kosten.

Radermacher sieht keine Chance mehr, mit der bisherigen internationalen Klimapolitik die CO2-Einsparung zu erreichen, die nötig ist, um das im Pariser Klimaabkommen verankerte Limit von "deutlich unter zwei Grad", besser aber 1,5 Grad, einzuhalten. "Der Paris-Vertrag ist eine wichtige Grundlage, aber er wird nicht zum Ziel führen", wenn wir nur auf die Politik und Regulierung setzen, sagte der Ulmer Professor im Gespräch mit Klimareporter°.

Die Politik ist nach Rademachers Ansicht überfordert, den nötigen Umbau der Wirtschaft schnell genug durchzusetzen: "Dafür sind zu viele Interessen im Spiel. Es geht um viel Geld. Es gibt Gewinner und Verlierer. Und die Bevölkerung will nicht gerne die Unterstützung für Entwicklungs- und Schwellenländer im Klimabereich erhöhen, was aber unbedingt erforderlich wäre."

Schärfere Klimaziele allein führen nicht zum 1,5-Grad-Ziel

Tatsächlich bringen die von den Regierungen der Welt bisher zugesagten Reduktions-Ziele nur eine Treibhausgas-Einsparung gegenüber dem "Business as usual" von – alles in allem – rund 500 Milliarden Tonnen bis 2050. Das brächte die Welt auf einen Drei-bis-vier-Grad-Erwärmungspfad. Um das Zwei-Grad-Limit zu halten, müssen weitere rund 500 Milliarden Tonnen CO2 eingespart werden, beim 1,5-Grad-Limit sogar 700 Milliarden. Derzeit werden weltweit jährlich etwa rund 41 Milliarden Tonnen CO2 freigesetzt.

Der Experte hält es sogar für "kontraproduktiv", alle Kraft nur in die Verschärfung der nationalen Emissionsziele zu setzen, um so die Paris-Ziele zu erreichen. Dies werde absehbar nicht zum Ziel führen, glaubt Radermacher.

Tatsächlich ist die internationale Klimapolitik ungeheuer langsam. So hat es von der Verabschiedung der UN-Klimarahmenkonvention 1992 in Rio de Janeiro fast ein Vierteljahrhundert gedauert, bis mit dem Paris-Abkommen der erste globale Klimaschutz-Vertrag entstand. "Und der ist noch zu schwach ausgefallen", so der Professor.

Viel erfolgversprechender sei es, den Privatsektor dazu zu bringen, die Klimaschutzlücke zu schließen, meint der Experte, der an der Universität Ulm das Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung leitet und unter anderem Mitglied im Thinktank Club of Rome ist.

Wohlhabende und große Unternehmen sollen Klimaschutz finanzieren

Radermacher fordert vor allem von großen Unternehmen und Wohlhabenden, die einen CO2-intensiven Lebensstil pflegen, Geld in die CO2-Kompensation zu stecken. Die Finanzmittel werden dabei genutzt, um Projekte in Entwicklungsländern zu finanzieren, die dort Treibhausgase vermeiden oder CO2 wieder aus der Atmosphäre holen – zum Beispiel Biogas-Anlagen, Häuserdämmung oder Aufforstung.

Die CO2-Kompensation wird in Deutschland unter anderem von Anbietern wie Atmosfair, Myclimate oder Klima-Kollekte angeboten. Die Firmen ermitteln zum Beispiel den CO2-Ausstoß einer Flugreise oder analysieren den "Klima-Fußabdruck" einer Person oder eines Unternehmens für ein ganzes Jahr. Daraus berechnen sie die CO2-Kosten und investieren das dafür gezahlte Geld in zertifizierte Klimaprojekte.

Auch das UN-Klimasekretariat hat ein solches Programm aufgelegt, es heißt "Climate Neutral Now". Neben umweltbewussten Privatleuten neutralisieren auch eine ganze Reihe Unternehmen so einen Teil ihrer Emissionen, darunter die Deutsche Bank, der Logistiker DHL oder der Süßwarenhersteller Ritter Sport. Die Bundesregierung gibt ebenfalls ein Beispiel. Ihre Dienstreisen werden klimaneutral abgewickelt.

Der Ulmer Professor sieht vor allem die Wohlhabenden in der Pflicht, Kompensation zu betreiben, da sie weit überproportional zum CO2-Ausstoß betragen. Tatsächlich sind, global betrachtet, die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung laut einer Studie der französischen Ökonomen Thomas Piketty und Lucas Chancel von der Paris School of Economics alleine für 49 Prozent der Emissionen verantwortlich (siehe Grafik oben).

Diese "Top Emitters", die meist Vielflieger und Besitzer von mehreren Immobilien und Autos sind, müssten "dringend zum Mitmachen bei der Lösung des Klimaproblems aktiviert werden", schreibt Radermacher in seinem neuen Buch "Der Milliarden-Joker", das im Hamburger Murmann-Verlag erschienen ist.

Diese Personen gebe es in allen Teilen der Welt, also in armen wie in reichen Ländern – natürlich auch in Deutschland, aber eben auch in Indien oder in Nigeria. "Politik und Nichtregierungsorganisationen sollten alles tun, die reichen Segmente der Weltbevölkerung und ihre vielfältigen Partner, Dienstleister und Umfelder zu motivieren, sich freiwillig und zu eigenen Lasten klimaneutral zu stellen und die dafür notwendige Finanzierung aufzubringen", fordert Radermacher.

In Deutschland beträgt der jährliche Pro-Kopf-Ausstoß von CO2 im Schnitt rund elf Tonnen, Reiche mit einem entsprechenden Lebensstil kommen laut Radermacher weltweit "locker auf 50, teils auch 100, 500 oder sogar 1.000 Tonnen".

Zwar sollten, meint er, möglichst alle Menschen, die es sich leisten können, ihre persönlichen Emissionen kompensieren. Für eine Tonne Treibhausgas verlangen hiesige Kompensationsanbieter fünf bis 23 Euro, seinen Jahresverbrauch auszugleichen würde einen Durchschnittsdeutschen also maximal 250 Euro pro Jahr kosten. Für Reiche stiegen die Kosten entsprechend. Bei 500 Tonnen Jahresausstoß wären bis zu 11.500 Euro fällig. "Aber", wendet Radermacher ein, "solche Summen spielen in dieser Einkommensschicht keine Rolle".

Allianz für Klima und Entwicklung

Eine "Allianz für Entwicklung und Klima" will Privatleute und Unternehmen überzeugen, dass sie freiwillig in die CO2-Kompensation einsteigen. Hauptinitiator ist das Bundesentwicklungs­ministerium, Kooperationspartner das Ulmer Forschungsinstiut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung. Vorgestellt wird das Projekt nächste Woche von Entwicklungminister Gerd Müller (CSU).

 

Ziel der Allianz ist es, mit dem eingesammelten Geld "hochwertige" Projekte in Entwicklungs- und Schwellenländern zu finanzieren, die CO2 entweder vermeiden oder wieder aus der Atmosphäre holen, aber gleichzeitig dort auch die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung befördern. Dass beide Ziele auch erreicht werden, soll durch "unabhängige Institutionen" verifiziert werden.

Die Frage ist allerdings, wie die Reichen zu motivieren wären, einen Teil ihres Geldes in die Kompensation zu geben. Radermacher glaubt, dass sie dazu bereit sein werden, wenn sie über die Folgen eines ungebremsten Klimawandels aufgeklärt werden: "Bei einer Klimakatastrophe werden nach Studien weltweit substanzielle Teile des Eigentums – zum Beispiel bei Aktien als sogenannte 'stranded assets' – vernichtet werden, und das trifft die Vermögenden besonders stark, denn ihnen gehört der größte Teil der Besitzgüter. Das heißt: Sie gefährden ihren eigenen Wohlstand, aber auch ihren Lebensstil, wenn sie nichts gegen den Klimawandel unternehmen."

Ohne einen solchen Umschwung drohten über kurz oder lang einschneidende politische Maßnahmen – wie gesetzliche Verbote von Flugreisen, Stilllegung von SUV oder hohe Steuern auf Zweit- oder Drittwohnungen.

Radermacher will nicht missverstanden werden: Er befürwortet durchaus auch die anderen Maßnahmen zur Begrenzung des Treibhausgas-Ausstoßes wie CO2-Steuern, einen globalen Emissionshandel und ordnungsrechtliche Eingriffe. Er glaubt allerdings nicht, dass sie schnell genug umgesetzt werden können, um den Treibhausgas-Ausstoß radikal genug zu senken. Er fordert die Politik und die Umwelt- und Entwicklungsorganisationen auf, mit großen Kampagnen für die CO2-Kompensation zu werben. "Die Bundesregierung muss das pushen", sagt der Experte.

Gerade bei den Umweltorganisationen gibt es vielfach große Bedenken gegen das Instrument. Vom "Ablasshandel" ist die Rede. Auch der umweltbewegte Papst Franziskus hat die CO2-Kompensation für Flugreisen als scheinheilig angeprangert. "Die Flugzeuge verschmutzen die Atmosphäre, aber mit einem Bruchteil der Summe des Ticketpreises werden dann Bäume gepflanzt, um den angerichteten Schaden zu kompensieren", sagte er. Das sei "Heuchelei".

Doch Radermacher, selbst in der Jugend als katholischer Pfadfinder sozialisiert, lässt das nicht gelten: "Worin besteht ein Ablasshandel, wenn man freiwillig und über alle gesetzlichen Verpflichtungen hinaus Projekte in Entwicklungs- und Schwellenländern unterstützt, die den Menschen helfen, die Natur schützen und die Klimasituation verbessern?"

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