Wenn Geschäftsmensch eine Reise nicht tut

Was bringt der coronabedingte Boom von Videokonferenzen und Homeoffice fürs Klima und wie nachhaltig ist dieser Trend? Dazu stellten der Verkehrsclub VCD und das Borderstep-Institut heute Studienergebnisse vor.


Flugzeug
Der romantisierte Abflug des Geschäftsreisenden in die Sonne am Horizont könnte künftig entfallen. (Foto: Yishai Bock/​Flickr)

Bleiben Millionen Menschen gezwungenermaßen zu Hause, werden die Straßen leerer, die Luft sauberer und die Büros verwaisen. Müssen Millionen Beschäftigte ins Homeoffice wechseln, fallen Pendelwege und Geschäftsreisen weg. Dafür trifft man sich in der Videokonferenz.

Wie stark dieser Umstieg in Deutschland ist, haben der ökologisch orientierte Verkehrsclub VCD und das Borderstep Institut für Innovation und Nachhaltigkeit anhand einer heute vorgelegten repräsentativen Umfrage abgeschätzt.

Befragt wurden 500 Geschäftsreisende aller Altersgruppen, Managementebenen und Branchen im vergangenen November.

In der Coronakrise veränderte sich die Arbeits-Mobilität massiv. Noch 2019 gab es mit 195 Millionen Geschäftsreisen einen neuen Höchststand in Deutschland. Jeder vierte Weg, der hierzulande zurückgelegt wurde, ging bislang aufs Pendeln zum Arbeitsplatz sowie auf Wege und Reisen zur Ausübung des Berufs zurück.

Vor Corona nahm laut Umfrage nur etwa ein Viertel der befragten Geschäftsleute einmal in der Woche an einer Videokonferenz teil. Sogenannte Intensivnutzer der virtuellen Treffen hatten einen Anteil von zehn Prozent.

Im November 2020 hatte sich das Bild gewendet: Fast drei Viertel der Geschäftsreisenden nahmen nun pro Woche an einer oder mehreren Videokonferenzen teil. 30 Prozent der Befragten konferierten sogar mindestens einmal pro Tag online.

Am Ende eine deutliche CO2-Einsparung

Die einstigen Reisenden sehen dabei einen doppelten Vorteil für sich, betont Borderstep-Forscher Jens Clausen, der die Studie leitete. "Videokonferenzen sparen nicht nur Arbeitszeit, sie sparen auch Freizeit, weil die ganz langen Reisetage wegfallen."

Ob virtuelles Arbeiten in den Punkten Effizienz, Erschöpfung, Konzentration und Fokussierung besser ist, haben die Befragten unentschieden bewertet. Eine Mehrheit meint, der Kontakt zu den Kolleginnen und Kollegen habe sich verschlechtert. Es gibt aber auch eine Gruppe von sieben Prozent der Befragten, die an virtuellen Meetings "alles" besser findet.

Um die durch Videokonferenzen möglichen CO2-Einsparungen abzuschätzen, betrachteten die Studienautoren eine Reise von zwei Personen von Stuttgart nach Berlin, wo ein vierstündiges Treffen mit zwei anderen Personen stattfindet.

Ein Flug verursacht dabei etwa 470 Kilogramm CO2, eine Fahrt mit dem Pkw 380 und per Bahn 65 Kilo. Dem steht laut Studie ein einziges Kilogramm CO2 gegenüber, das die Videokonferenz verursacht, die nötige Rechner-Infrastruktur eingerechnet.

Die CO2-Emissionen aus Geschäftsreisen ließen sich so "fast vollständig" abbauen, schlussfolgert Clausen. Der hohe Energieverbrauch der für virtuelle Treffen nötigen Computerzentren sei zwar ein Problem, verglichen mit einer realen Reise komme aber eine klare Verbesserung heraus.

"Es gibt fürchterlich viele Rebound-Gefahren"

Nach Angaben von VCD-Klimachef Michael Müller-Görnert rechnet sich eine Videokonferenz sogar schon dann, wenn zum Meeting fünf Kilometer mit dem Auto gefahren wird. "Schon kleine Reisen lassen sich prima ersetzen", meint Müller-Görnert.

Etwa ein Drittel aller Geschäftsreisen könnte auch nach Corona dauerhaft wegfallen, schätzen Clausen und Müller-Görnert. Damit könnten jährlich etwa drei Millionen Tonnen Treibhausgase eingespart werden, so viel, wie auch ein ordentliches Tempolimit einbringt.

Wie bei anderen Umwelteffekten der Coronakrise fragt sich letztlich, wie nachhaltig der Trend sein wird. In der Umfrage sagten 20 Prozent, dass sie wohl künftig gar keine Geschäftsreisen mehr machen würden. Der Anteil der Vielreisenden könnte sich immerhin von 32 auf 17 Prozent halbieren, bilanziert Clausen.

Er warnt aber auch: "Es gibt fürchterlich viele Rebound-Gefahren." So könnte die gewonnene Freizeit für zusätzliche Fahrten genutzt werden, vielleicht werde im Homeoffice mehr geheizt oder es müsse eine größere Wohnung her – oder man ziehe gleich ganz ins Grüne, was dann den Arbeitsweg wieder verlängere.

Dennoch glaubt Clausen: "In Zukunft wird die Zahl der Dienstwagen abnehmen und auch die Größe der Büroflächen." Bei den Geschäftsreisen werde es künftig einen positiven Klimaeffekt geben, zeigt sich der Experte sicher. Ob das beim Homeoffice auch so sein wird, da wollte sich Clausen nicht festlegen.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

klimareporter° wird herausgegeben vom gemeinnützigen Klimawissen e.V. – Ihre Spende macht unabhängigen Journalismus zu Energiewende und Klimawandel möglich.

Spenden Sie hier