"Viele Autos zu verkaufen ist nicht unser Ziel"

Ein Münchner Start-up stellt ein Elektroauto her, das sich an der Sonne auflädt. Relativ günstig soll der "Sion" auch noch sein. Doch seinem Unternehmen geht es gar nicht darum, möglichst viele Fahrzeuge zu verkaufen, sagt Mitgründer Jona Christians im Interview. Teil 5 unseres Kurzdossiers.


Das Bild zeigt ein schwarzes Elektroauto mit Solarzellen auf der Motorhaube auf einer Straße.
Das Elektroauto "Sion" von Sono Motors hat auf der gesamten Außenfläche Solarzellen. (Foto: Sono Motors)

Klimareporter°: Herr Christians, es gibt mittlerweile einige Start-ups, die versuchen, günstige E-Autos anbieten. Was ist das Besondere an Ihrem Sion?

Jona Christians: Was ihn von anderen Autos unterscheidet, ist, dass auf dem Dach und an den Seiten Solarzellen integriert sind. Wenn das Auto einen Tag unter Münchner Verhältnissen an der Sonne lädt, kann man allein damit 30 Kilometer fahren. Wenn ich das auf meinen Arbeitsweg anwende – bei mir sind das acht Kilometer, bei vielen Menschen um die 22 – dann habe ich allein diesen Weg schon dadurch abgedeckt.

Es ist uns aber wichtig, dass man mit dem Fahrzeug mehr machen kann, als von A nach B zu fahren. Zum Beispiel gibt es ein bidirektionales Ladegerät, mit dem ich Strom aus dem Fahrzeug entnehmen kann, wenn ich beispielsweise am See einen Grill anschließen will.

Außerdem sind mehrere Sharing-Systeme schon integriert, die man aber auch ausstellen kann. Es gibt einerseits Stromsharing. Wenn ich im Urlaub bin und das Auto steht in der Sonne herum, kann ich den Strom, der dabei entsteht, verkaufen. Andere können dann ihr Elektroauto oder ihren Roller damit laden.

Die zweite Funktion ist das Carsharing, um das Auto beispielsweise während der Arbeit an andere zu vermieten. Als vermietende Person bekomme ich dann die Einnahmen. Im dritten System kann ich meine Fahrten teilen. Wenn ich eine Fahrt freigebe, wird sie anderen Nutzern angezeigt.

Sono Motors bietet nur ein einziges Modell an. Warum haben Sie sich für ein Familienauto entschieden und nicht für ein kleines Stadtauto?

Einerseits haben wir die technische Vorgabe der Solarfläche. Je größer die ist, desto mehr Energie kann ich gewinnen. Andererseits gibt es schon Elektrofahrzeuge im niedrigen Preissegment, bei denen man aber oft Abstriche beim Raumbedarf machen muss.

Wir sehen den Sion nicht als Zweitwagen, sondern er muss Verbrenner ersetzen können. Deswegen muss ein gewisser Platz vorhanden sein, auch für Familien. Es gibt fünf Sitze, drei Erwachsene können auf der Rückbank sitzen.

Der Sion ist viel günstiger als Elektroautos von den etablierten Autokonzernen. Was läuft bei den bisherigen Anbietern von E-Autos falsch?

Bei den bestehenden Modellen wurden Verbrenner zu Elektroautos umgebaut, decken aber noch nicht die Möglichkeiten ab, die mit der E-Mobilität drin sind.

Das Bild zeigt den Mitgründer von Sono Motors, Jona Christians
Foto: Sono Motors

Zur Person

Jona Christians (24) studiert Physik und Informatik an der Uni München. Zusammen mit Laurin Hahn und Navina Pernsteiner hat er 2016 Sono Motors gegründet. Angefangen hatte alles mit einem Prototyp, den Christians und Hahn selbst zusammenbauten – in der sprichwörtlichen Garage.

Wir verwenden Teile, die bereits entwickelt sind und keine neuen Kosten verursachen. Wir achten nicht darauf, dass wir die größte Beschleunigung oder die größte Motorperformance haben. So können wir unseren Preis im unteren Segment erreichen.

Kritiker merken an, dass die Klimabilanz von Elektroautos wegen der aufwendigen Herstellung der Akkus nicht gut ist. Wie sieht das beim Sion aus?

Wir arbeiten mit einer Partnerorganisation zusammen, Atmosfair, und kompensieren dort die Emissionen, die während der Produktion entstehen. Das ist schon im Kaufpreis enthalten.

Und wie hoch sind diese Emissionen für ein Fahrzeug?

Für die Produktion selbst entstehen zehn bis 15 Tonnen CO2, die kompensiert werden. Über den gesamtem Fahrzeugzyklus gesehen ist es aber auch abhängig von dem Strom, den ich tanke, wie umweltfreundlich der Sion ist. Der Sion erzeugt ja seinen Strom zum Teil selbst, sodass hier echter Ökostrom verwendet wird.

Es gibt auch die Befürchtung, dass die Menschen durch Carsharing in den Städten mehr Auto fahren. Teilen Sie die?

Die Menschen wollen mobil sein, und das ist nicht so sehr an ein bestimmtes Fahrzeug gekoppelt. Eigentlich wollen sie nur von A nach B. Wir sehen uns deshalb auch nicht als Autoproduzent in Konkurrenz zu BMW.

Es kann nicht so weitergehen, dass jedes Jahr 100 Millionen Fahrzeuge produziert werden, auch wenn das alles einmal Elektroautos sein sollten. Wir sehen es deshalb nicht als unsere Aufgabe, möglichst viele Fahrzeuge zu verkaufen, sondern ein System anzubieten, das einen mit den ressourceneffizientesten Verkehrsmitteln von A nach B bringt. Das könnte also eine App werden, die verschiedene Verkehrsmittel kombiniert.

In Deutschland verkaufen sich E-Autos weiterhin schlecht. Bislang wurde erst ein Fünftel der E-Auto-Prämie abgerufen. Sind Sie trotzdem optimistisch, dass Sie genug verkaufen können?

Wir haben eine Produktionskapazität und werden im kommenden Jahr starten. Man kann den Sion auf unserer Website gegen eine Vorauszahlung vorbestellen. Gerade haben wir 4.780 Vorbestellungen. Und es kommen auch immer schneller neue dazu.

Sie sagten eben aber, dass Ihr Hauptinteresse nicht ist, möglichst viele Autos zu verkaufen. Wie wollen Sie denn Ihr Unternehmen finanzieren?

Unseren Profit für die Unternehmensfinanzierung wollen wir mit den Sharing-Services verdienen. Deshalb ist langfristig für uns die Vermietung entscheidend.

Das heißt, relativ wenige Leute sollen eure Autos kaufen, dafür sollen die dann möglichst viel geteilt werden?

Genau. Unser Ziel ist, dass jeder gekaufte Sion zu 90 Prozent ausgelastet ist und nicht wie ein Auto heute oft zu 90 Prozent rumsteht. Wenn wir das erreichen – was zugegebenermaßen optimistisch ist – könnte ein Sion neun andere Autos ersetzen.

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