Strafgelder, Schutzgut Diesel und die richtigen Produkte zur richtigen Zeit

Kalenderwoche 21: Dass die Autokonzerne nun endlich die Kehrtwende beschließen und klimaneutral werden wollen, hat nicht zuletzt mit den CO2-Grenzwerten der EU zu tun, sagt Andreas Knie, Sozialwissenschaftler, Mobilitätsforscher und Mitglied des Kuratoriums von Klimareporter°.


Andreas Knie. (Foto: InnoZ)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Kuratoriums erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Andreas Knie, Sozialwissenschaftler mit den Schwerpunkten Wissenschaftsforschung, Technikforschung und Mobilitätsforschung. Sein Steckenpferd ist das Verkehrswesen von morgen.

Klimareporter°: Herr Knie, der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen und die Allianz pro Schiene haben Anfang der Woche ein Programm zur Schienenreaktivierung vorgestellt. Danach könnten mehr als 3.000 Gleiskilometer den Regional- und Nahverkehr der Bahn verbessern, wenn sie wieder befahrbar wären. Ist das sinnvoll? Schließlich war ein Grund für die Stilllegung der Fahrgastmangel.

Andreas Knie: Grundsätzlich ist die Verbesserung des Schienenangebotes richtig und in vielen Relationen auch notwendig. Aber nicht jedes Projekt ist sinnvoll.

Wir brauchen vor allen Dingen mehr und bessere Schienenverbindungen zwischen den großen Städten. Wenn sich die Zahl der Fahrgäste bündeln lässt – dann kann die Bahn ihre Vorteile ausspielen.

Dazu kommen Pendlerrelationen. Bei der Feinverteilung im Raum spielt die Schiene keine Rolle mehr, hier haben wir heute andere Optionen wie das Ridesharing und in wenigen Jahren auch automatische Fahrzeuge.

Die Staaten der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation IMO haben sich auf höhere Effizienzstandards geeinigt. Einfache, schnell wirkende Maßnahmen zur CO2-Minderung – wie ein Tempolimit für Schiffe – fielen aber durch. Regiert hier die gleiche Ignoranz wie in Deutschland zu Lande bei den Autos?

Endlich sind auch die Schiffe dran! Bisher ist der Schiffsverkehr ja praktisch von allen Emissionsstandards freigestellt worden. Dass hier was passiert, ist längst überfällig.

Aber in der Tat: Auch hier blockiert, verzögert und taktiert die Bundesregierung erneut und immer wieder aufgrund der falschen Annahme, die eigene Wirtschaft damit schonen zu können. Es ist immer das gleiche Muster: Die Bundesregierung erklärt den Diesel zum Schutzgut und schaufelt damit der Industrie das Grab.

Große Autokonzerne wie VW und Daimler, die in dieser Woche ihre Hauptversammlungen abhielten, setzen jetzt auf E-Mobilität – die Daimler-Marke Mercedes soll bis 2039 klimaneutral werden. Wie kommt es zu der Kehrtwende?

Was in Deutschland immer gerne übersehen wird: Die EU hat sich auf die Einführung von CO2-Grenzwerten geeinigt, die die deutsche Autoindustrie mit ihren Verbrennungsmotoren nicht einhalten kann. Ab 2022 drohen daher enorme Strafzahlungen – auch in wichtigen Exportmärkten wie China sind bereits ab 2020 Strafzahlungen zu erwarten.

Es ist daher mehr als überfällig, nicht mehr die Energie auf die Lobbyarbeit zur Verhinderung von schärferen Grenzwerten zu verwenden, sondern die technologischen Kompetenzen auszuspielen und offensiv mit den richtigen Produkten zur richtigen Zeit zu erscheinen.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Die City-Maut ist als neues Thema wiederentdeckt worden. Interessanterweise können sich Preistheoretiker und Ordnungspolitiker gleichermaßen auf eine solche Perspektive als Anreiz zur Veränderung des Verhaltens der Menschen verständigen.

Selbst bisher so unterschiedlich argumentierende Wissenschaftseinrichtungen wie das RWI in Essen oder das WZB in Berlin haben sich auf eine Einführungsempfehlung geeinigt. In der Bundespolitik sind nun mehrere Parteien dafür offen.

Jetzt werden Städte gesucht, die es wagen, Raum und Zeit nach ökologischen und sozialen Kriterien neu zu bepreisen und die damit erzielten Einnahmen für eine Qualitätsoffensive des Nahverkehrs zu nutzen.

Fragen: Jörg Staude

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