Mobilitätswende braucht häufigere Taktung von Bus und Bahn

Ein Drittel aller Bundesbürger:innen wünscht sich eine bessere Anbindung an Bus und Bahn, ergibt eine Umfrage von Verkehrs- und Umweltverbänden. Diese fordern von der Politik eine Angebotsoffensive im ÖPNV – finanziert aus umgewidmeten Geldern für den Straßenbau und für die Subventionierung von fossilem Verkehr.


Bushaltestelle an einer Landstraße, ein Auto fährt vorbei.
Das Vorhandensein einer Haltestelle nützt wenig, wenn kaum ein Bus fährt. (Foto: Thierry Jové/​Pixabay)

Jede dritte Person fühlt sich nicht besonders gut an den öffentlichen Nahverkehr angebunden. Noch mehr Menschen stören sich daran, dass Bus oder Bahn zu selten an der nächstgelegenen Station halten. Laut einer repräsentativen Umfrage im Auftrag von Umwelt- und Verkehrsorganisationen wünschen sich viele eine häufigere Taktung von Bus und Bahn.

Für die Allianz pro Schiene, den Umweltverband BUND und den Deutschen Verkehrssicherheitsrat befragte das Meinungsforschungsinstitut Kantar dafür bundesweit mehr als 2.000 Erwachsene und Jugendliche. Die Wahrnehmung, wie gut die Menschen den ÖPNV erreichen können, ist allerdings je nach Region sehr unterschiedlich.

In Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Bayern und Sachsen-Anhalt fühlen sich besonders viele Menschen an ihrem Wohnort schlecht an Bus und Bahn angebunden. Dagegen meinen viele Befragte in Thüringen, Nordrhein-Westfalen und Hessen, dass sie die öffentlichen Verkehrsträger gut erreichen können – nur in den Stadtstaaten ist die Zufriedenheit noch höher.

Der Befund sei "hochbrisant", kommentiert Dirk Flege vom Verkehrsbündnis Allianz pro Schiene das Ergebnis der Umfrage. Das Gefühl und die Tatsache, wer wie gut an Bus und Bahn angebunden ist, sei ein Politikum.

Mehr als zwei Drittel der Menschen in Deutschland fühlten sich gut an den öffentlichen Nahverkehr angebunden und könnten demnach vom 49‑Euro-Ticket profitieren, so Flege weiter. Das sei ein starkes verkehrspolitisches Signal.

Mit der Entfernung zur nächstgelegenen Bus- oder Bahnhaltestelle ist der überwiegende Teil der Befragten (85 Prozent) zufrieden. Darüber, ob die Menschen den ÖPNV wählen, entscheidet laut Umfrage auch viel weniger die Entfernung zur Haltestelle, sondern vor allem die Taktung: 35 Prozent sind nicht damit zufrieden, wie häufig Busse und Bahnen bei ihnen fahren.

Dabei habe sich die Zahl der Abfahrten in den vergangenen fünf Jahren nicht verbessert oder sogar noch verschlechtert, sagte ein Großteil der Befragten. Antje von Broock vom BUND fordert deshalb "eine Angebotsoffensive im ÖPNV".

"Der Bund muss bei der Infrastruktur umschichten"

Um die Taktung im Nahverkehr zu erhöhen, bräuchte es aber mehr Geld. Dabei ist noch nicht einmal geklärt, wo das Geld für das 49-Euro-Ticket herkommen soll.

Anfang des Monats hatten sich der Bund und die Länder darauf geeinigt, dass sie sich die Kosten von drei Milliarden Euro teilen wollen. Außerdem soll der Bund die sogenannten Regionalisierungsmittel, die er den Bundesländern jährlich zur Finanzierung des Nahverkehrs zur Verfügung stellt, um eine Milliarde erhöhen. In diesem Jahr zahlte der Bund den Ländern Regionalisierungsmittel in Höhe von 9,4 Milliarden, damit diese Busse und Bahnen bei den Verkehrsunternehmen bestellen können.

Doch die Gelder reichen nicht aus, um das 49-Euro-Ticket bundesweit aufzulegen und die Einnahmeverluste der Verkehrsunternehmen auszugleichen, kritisiert Helmut Dedy vom Deutschen Städtetag. "Die zugesagten Bundesmittel sind ein Trostpflaster. Das reicht nicht, um alle aktuellen ÖPNV-Angebote zu retten, geschweige denn auszubauen", sagte Dedy.

Umstieg bei Mobilität soll Klimawende bringen

Trotz Abgasvorschriften und immer effizienterer Autos sind die gesamten CO2-Emissionen des Pkw-Verkehrs zwischen 1995 und 2020 nur um zehn Prozent gesunken, vor allem weil mehr Pkws auf der Straße sind und mehr gefahren wird. Die Politik beschränkt sich bislang auf Appelle, das Auto häufiger stehen zu lassen und sich für eine klimafreundlichere Mobilität zu entscheiden.

"Es muss massiv nachgelegt werden", fordert auch Dirk Flege von der Allianz pro Schiene. Für das Eisenbahn-Bündnis ist klar, wo das Geld für einen Ausbau von Bus und Bahn herkommen soll: "Wir sind der Meinung, dass der Bund bei der Infrastruktur, die gebaut wird, umschichten muss. Wir brauchen keine neuen Autobahnen mehr in Deutschland, wir brauchen aber neue Schienenstrecken, da ist Geld umzuverteilen", sagt Flege.

Bisher steckt Deutschland die meisten Verkehrsinfrastrukturmittel in die Straße. 12,7 Milliarden Euro will das Bundesverkehrsministerium im kommenden Jahr für Autobahnen und Bundesstraßen ausgeben. Für Bundesschienenwege sind neun Milliarden Euro vorgesehen.

Knackpunkt Subventionen

Außerdem müssen die Subventionen abgebaut werden, mit denen Verkehr auf Grundlage fossiler Brennstoffe gefördert wird, fordern Expert:innen. Dem Umweltbundesamt zufolge entfällt fast die Hälfte aller fossilen Subventionen auf den Verkehr. 2018 waren das 30 Milliarden Euro.

Mit einem Drittel des Geldes ließe sich das ÖPNV-Angebot ausbauen und der dafür notwendige Personalausbau stemmen: Laut der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi braucht es jährlich etwa zehn bis zwölf Milliarden Euro, um mehr Menschen vom Umstieg auf Bus und Bahn zu überzeugen.

Auf Länderebene gibt es bereits Ansätze und Initiativen, um die Zahl der ÖPNV-Nutzer:innen zu erhöhen. So will Baden-Württemberg mit einer Mobilitätsgarantie mehr Fahrgäste in Busse und Bahnen locken.

Aktionstag für Mobilitätswende

Am kommenden Dienstag will die Gewerkschaft Verdi gemeinsam mit Fridays for Future vor dem Bundesfinanzministerium in Berlin für eine auskömmliche ÖPNV-Finanzierung demonstrieren.

Zwischen fünf und 24 Uhr soll dann jede Einwohner:in mit öffentlichen Verkehrsmitteln garantiert von A nach B kommen. Alle Orte sollen zu gängigen Verkehrszeiten alle 15 Minuten, im ländlichen Raum alle 30 Minuten per ÖPNV erreichbar sein.

"Wenn wir die Mobilitätsgarantie ernst nehmen, wird das den Busverkehr im ländlichen Raum revolutionieren", glaubt Flege. Große Busse könnten nicht überall kostendeckend für den Zubringerverkehr eingesetzt werden, dafür brauche es neue Ansätze wie fahrerlose Kleinbusse.

Das 49-Euro-Ticket kann für Flege nur ein Zwischenschritt sein. "Das eigentliche Ziel muss ein Klima-Ticket wie in Österreich sein, über das alle öffentlichen Verkehrsmittel – auch Fernzug und Fernbus – buchbar sind".

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