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Österreich erhält Lob fürs Klimaticket

Alle öffentlichen Verkehrsmittel von der Tram bis zur Fernbahn können jetzt in Österreich mit einem preiswerten "Klimaticket" genutzt werden. Ein großer Schritt nach vorn, der aber allein die immensen CO2-Emissionen des Landes nicht genug senken kann.


Zwei Straßenbahnen in Graz, die dort Variobahn heißen.
Auch Grazer:innen können nun für drei Euro pro Tag die "Öffis" benutzen und mit der Bahn im ganzen Land umherfahren. (Foto: Armin Ademovic/​Wikimedia Commons)

"Bereits 106.109 Menschen haben sich ein Klimaticket geholt!", verkündete Österreichs grüne Umweltministerin am 29. Oktober auf Twitter. "Mich freut diese Nachfrage riesig!" Leonore Gewesslers Freude gilt dem erst kürzlich angelaufenen Klimaticket, einer landesweit gültigen Jahreskarte für den öffentlichen Verkehr zum Preis von 1.095 Euro.

Der gesamte öffentliche und auch der private Schienenverkehr sowie jeder sonstige öffentliche Personentransport kann damit genutzt werden – in jeder Region wie auch österreichweit. Die U-Bahn in Wien genauso wie der Zug nach Graz oder der Postbus in Tiroler Tälern.

Seit dem 26. Oktober ist es möglich, vom ostösterreichischen Kittsee an der slowakischen Grenze bis ins 700 Kilometer entfernte Feldkirch an der Schweizer Grenze zu reisen, für umgerechnet drei Euro pro Tag. Das Klimaticket gilt als großer Wurf der Grünen in der österreichischen Bundesregierung.

Nachdem die konservative ÖVP in den letzten Monaten durch Korruptionsskandale im medialen Fokus stand und sich mehr durch klienteltreue als verantwortungsbewusste Politik hervortat, brauchte der grüne Regierungspartner dringend einen Erfolg. Den können die Grünen mit dem Klimaticket jetzt auch über die Grenzen des Landes hinaus feiern.

"Wer das kaputte Bahnnetz Großbritanniens reparieren will, muss nach Österreich schauen", titelte das britische Magazin Wired. Und der US-Sender CNN betonte, die österreichische Lösung hebe sich im internationalen Vergleich positiv heraus – aufgrund ihres niedrigen Preises.

Pkw-intensive Mobilität

Österreicher:innen kommen – nach der Schweiz – in Europa auf die meisten Zug-Kilometer pro Kopf und Jahr. Das klingt gut. Dass sie aber gerade mal 16 Prozent ihrer Strecken mit den "Öffis", wie man sie hierzulande nennt, zurücklegen, klingt dann schon weniger gut. Noch immer werden 60 Prozent der Individualwege in Österreich mit dem Pkw zurückgelegt.

Um den Zielen des Pariser Klimaabkommens gerecht zu werden, plant das Umweltministerium unter Gewessler, die CO2-Emissionen des Verkehrs von 24 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent (Stand 2019) auf "nahezu null" im Jahr 2040 zu senken. So zumindest steht es im "Mobilitätsmasterplan 2030".

Kein leichtes Unterfangen, sind doch in den letzten 20 Jahren die zurückgelegten Personenkilometer um mehr als 30 Prozent und die Güterverkehrsleistung sogar um über 70 Prozent gestiegen.

Verkehrsexpert:nnen erwarten vom Klimaticket aber tatsächlich eine positive Wirkung auf den Individualverkehr in Österreich. "Angesichts der sich dramatisch verschärfenden Klimakrise ein wichtiger Schritt", begrüßt Michael Schwendinger vom umweltorientierten Verkehrsclub Österreich (VCÖ) das Klimaticket.

Schwierige Verhandlungen

Dabei ist die Einführung einer solchen Jahreskarte alles andere als eine neue Idee. Schon 2007 stand bei der damaligen rot-schwarzen Koalition die "Einführung eines für alle öffentlichen Verkehrsmittel in Österreich gültigen Fahrausweises" unter dem Titel "Österreich-Ticket" im Regierungsprogramm.

Die Pläne versandeten aber. Erst 2018 brachte ein FPÖ-Verkehrsminister das österreichweite Ticket erneut aufs Tablett. Auch sein Vorstoß blieb erfolglos. Im Wahlkampf 2019 warb dann die SPÖ überraschend mit dem "1-2-3-Klimaticket", einer Idee, welche die ÖVP-Grünen-Koalition dann ein Jahr später übernommen hat.

Zwar wurde aus dem eigentlichen Plan Gewesslers nichts, Regionaltickets für einen Euro pro Tag, Tickets für Großregionen für zwei und ein bundesweit gültiges Ticket für drei Euro pro Tag anzubieten. Die Verhandlungen zwischen den Playern aus Bundesländern, Stadtregierungen, privaten Transportunternehmen und dem Umweltministerium gestalteten sich als zu schwierig.

Nach vielen Monaten der Verhandlungen kam es dann aber dann doch zu einer Übereinkunft, und übrig blieb das Drei-Euro-Klimaticket als einheitliche Lösung.

Das gelingt aber nur mit einer massiven Subventionierung von geschätzten 150 Millionen Euro pro Jahr – gegen die nun die Kritiker:innen wettern. Laut dem Verkehrssprecher der liberalen Neos Johannes Margreiter hilft das Klimaticket "vor allem jenen finanziell, die ohnehin bereits mit den Öffis fahren".

Etwas gedämpft war die Freude sonst nur bei den Konsument:innen angesichts der langen Warteschlangen an den Verkaufsstellen. Bis zum 31. Oktober wurde das Klimaticket nämlich noch verbilligt (für 949 Euro) verkauft. Der Ansturm war erwartungsgemäß groß.

Im ländlichen Raum fehlt oft das Angebot

Bei allem Zuspruch liegt Österreich aber auch mit dem Klimaticket noch weit hinter den selbst gesteckten Klimazielen.

Zuletzt hieß es in einem Rechnungshofbericht vom April dieses Jahres: "Die Klimaziele 2030 und 2050 würde Österreich nach Einschätzung des Umweltbundesamts auf Basis der bis Ende 2019 verbindlich umgesetzten Maßnahmen deutlich verfehlen. Im Jahr 2030 würde die Treibhausgas–Reduktion lediglich einen Wert von 21 Prozent anstelle der vorgegebenen 36 Prozent betragen; im Jahr 2050 wären es 55 statt der erforderlichen 80 bis 100 Prozent."

Da ist das Klimaticket zwar ein Schritt in die richtige Richtung, es gibt aber noch viel zu tun. So fordern etwa die Verkehrsexpert:innen vom VCÖ, auch Fahrrad- und Carsharing-Möglichkeiten ins Klimaticket einzubeziehen.

Und die Arbeiterkammer Oberösterreich kritisiert: "Viele Menschen im ländlichen Raum können das Klimaticket wegen der schlechten Anbindung an den öffentlichen Verkehr gar nicht nutzen." Daher müsse "unverzüglich ein groß angelegtes Ausbauprogramm für den öffentlichen Verkehr folgen."

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