Michael Braungart ist der Begründer des Konzepts "Cradle to Cradle": Produkte sollen so gestaltet werden, dass die verwendeten Materialien immer wieder eingesetzt werden können. (Bild: Bjørn Kassøe Andersen/​Wikimedia Commons)

Ein Buch für den Kompost. Wobei das jetzt nicht inhaltlich gemeint ist, sondern rein physisch: "Dieses ist das erste Buch in der Menschheitsgeschichte, welches gezielt für biologische Kreisläufe entwickelt wurde", ist auf der letzten Seite zu lesen. Das Druckerzeugnis könne folglich "bedenkenlos im Kompost entsorgt werden".

Wenn man jemandem eine solche Aussage abnimmt, dann Michael Braungart. Der Hamburger Chemiker ist der Begründer des Konzepts "Cradle to Cradle", was auf Deutsch "von der Wiege zur Wiege" heißt: Produkte werden derart gestaltet, dass sie ohne Gifte auskommen, mit der Folge, dass die eingesetzten Stoffe immer und immer wieder verwertet werden können.

Zusammen mit dem US-amerikanischen Architekten William McDonough hat Braungart sein Konzept, an dem er mit diversen Firmen seit Jahren arbeitet, nun für die interessierte Öffentlichkeit aufbereitet: "Intelligente Verschwendung" heißt das Buch – wobei über den Titel noch zu reden sein wird.

Der Grundgedanke des Prinzips ist schnell erzählt: Jedes Produkt ist zugleich Rohstoff für Neues – die Natur hat es über Jahrmillionen vorgemacht, sie kennt keinen Müll. Also schreibt auch Braungart: "Sie haben keinen Mülleimer. Sie haben ein Zwischenlager für Nährstoffe." Oder auch: "Hören Sie auf, an Abwasser zu denken, denken Sie stattdessen an Nährstoffmanagement."

Eine einfache Idee – die Umsetzung aber ist kompliziert

So banal der Grundgedanke ist, im Alltag von Produktentwicklern ist er nur mühsam umzusetzen. Zum einen, weil viele Erzeugnisse unserer technisierten Welt von diesem Idealbild Lichtjahre entfernt sind – zum Beispiel der Fernseher mit seinen laut Braungart 4.360 verschiedenen Substanzen. Zum anderen aber auch, weil in vielen Chefetagen und Entwicklungsabteilungen das Bewusstsein für Stoffkreisläufe noch dürftig ist.

Ein Beispiel für ein Cradle-to-Cradle-Produkt: Stühle, gefertigt aus alten Autofelgen. Ist es das, was die Welt heute braucht? (Bild: Tatoli Ba Kultura/​Wikmedia Commons)

Und so soll das Buch auch eine Motivationsschrift sein: Cradle-to-Cradle-Produkte, so ist zu lesen, stünden für "Schönheit, Gesundheit, Fairness und Rentabilität". Immer wieder wechselt Braungart vom nüchternen Analytiker ("Das Problem, das die Menschen haben, besteht darin, dass sich gewisse Materialien und Stoffe an der falschen Stelle befinden") zum Motivationstrainer für eine große Vision: "Benutzen wir die Filter in unseren Köpfen und nicht am Ende des Rohres."

In der Chemie, so viel ist, klar, macht Michael Braungart niemand etwas vor. Doch er provoziert auch gerne – und das nimmt dem Buch dann leider ein Stück seiner Unanfechtbarkeit. So propagiert das Autorenteam ganz hemmungslos die Verschwendung.

Vordergründig mag das schlüssig sein: Wenn die Kleidung sich biologisch abbaut, ohne Schadstoffe zu hinterlassen, dann leidet die Umwelt nicht unter der Verschwendung. Im Gegenteil können die alten Kleider sogar den Boden düngen. Upcycling nennt Braungart dieses Prinzip und verkündet schon auf dem Buchtitel vollmundig den "Weg in eine neue Überflussgesellschaft".

Der Haken: Woher kommt die Energie?

Aber es gibt einen Haken: Auch die Produktion ökologisch unschädlicher Ware braucht zwangsläufig Energie – und so kommen die Autoren nicht umhin, sich auch auf das Feld der Energiewirtschaft zu begeben. Dass sie die Antwort in den erneuerbaren Energien sehen, ist schlüssig, weil nur diese – über menschliche Zeiträume betrachtet – auf Stoffkreisläufen beruhen.

 

Aber die Autoren mogeln sich um den Sachverhalt herum, dass auch die erneuerbaren Energien physisch limitiert sind und nicht jeden ausufernden Lebensstil ermöglichen können; oft genug haben Studien das schließlich schon dargestellt. Die "intelligente Verschwendung" wird zur Fiktion, sobald die Warenwirtschaft Energie benötigt.

Das zeigt sich gut beim Thema Mobilität, das im Buch – wohl wissend? – außen vor bleibt: Eine Wirtschaft, die Waren im Überfluss erzeugt und verwertet, würde auch zusätzliche Verkehrsströme erzeugen – doch wie sollen diese ökologisch zu bewältigen sein, wo das doch schon mit dem heutigen Verkehr aus schlichter Knappheit an Energieressourcen nicht gelingt?

Vorschläge für effizienteres Wirtschaften

Die Autoren verkennen, dass der ökologische Wandel nur gelingen kann, wenn beides zusammengeht. Wenn also einerseits die Stoffkreisläufe funktionieren, zugleich die Menschen aber auch effizient wirtschaften.

Ohne Not bauen Braungart und McDonough stattdessen einen Widerspruch auf und polemisieren sogar auf übelste Weise.

Das Buch

Michael Braungart, William McDonough: Intelligente Verschwendung. The Upcycle: Auf dem Weg in eine neue Überflussgesellschaft. Oekom‑Verlag, München 2013. 208 Seiten, 17,95 Euro.

Das Bestreben nach Effizienz habe "auf die Spitze getrieben vielerlei Konsequenzen", ist da zu lesen: "Die Zubereitung von Spaghetti al dente wäre vorgeschrieben, denn so würden 20 Prozent Ihres Stromverbrauchs eingespart."

Oder: "Alle müssen kurze Haare haben, um den Wasser- und Shampoo-Bedarf zu verringern", und "italienischer Prosecco würde zugunsten französischen Champagners verboten, denn die kleinen Bläschen im Champagner setzen weniger CO2 frei." Selten hat man so etwas Dümmliches gelesen.

Ohnehin endet der Ausflug des Buches ins Themenfeld von Energie und Physik im Fiasko. Mal ist von Sonnenkollektoren die Rede, wo die Photovoltaik gemeint ist. Mal taucht das Wort "Stromstärke" auf, wo es Spannung heißen müsste. Und auch den Schmetterlingseffekt aus der Chaostheorie bemühen die Autoren in einem Zusammenhang, wo er definitiv nicht hingehört.

Gleichwohl: Betrachtet man allein die Ideen zu den stofflichen Kreisläufen, so ist das Buch eine anregende Lektüre – sie könnte eine spannende Debatte über die Zukunft der Industriegesellschaft befeuern.