Klimaschutz bringt Gesundheit und Entwicklung' – klimareporter°

"Klimaschutz bringt Gesundheit und Entwicklung"

Wir müssen viel häufiger betonen, dass Klimaschutz auch mehr Gesundheit und Entwicklung für die Welt bringt, sagt Johan Rockström, der ab Herbst zusammen mit Ottmar Edenhofer das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung leiten wird. Auf Klimaleugner hingegen sollten wir keine Zeit verschwenden.


Es ist wichtig, nicht nur von den negativen Folgen des Klimawandels zu sprechen, sondern auch die positiven Auswirkungen der Dekarbonisierung zu betonen, sagt Johan Rockström. (Foto: Susanne Götze)

Klimareporter: Herr Rockström, ab Herbst bilden Sie zusammen mit Ottmar Edenhofer die neue Doppelspitze des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Warum haben Sie sich dafür entschieden?

Johan Rockström: Das PIK ist als Forschungsinstitut tief verankert in dem physikalischen Verständnis, wie das Klimasystem funktioniert. Darauf basierend beschäftigt es sich aber auch mit den Folgen des Klimawandels und besonders mit ökonomischen Fragestellungen von der CO2-Bepreisung bis hin zur Ungleichheit. Diese Mischung ist weltweit ziemlich einmalig, und ich möchte sie ausbauen helfen, deshalb hat mich das PIK sehr angezogen.

Ich habe mit Kollegen das Konzept der planetaren Belastungsgrenzen entwickelt. Um einen sicheren Handlungsraum für die Menschheit in einem widerstandsfähigen Erdsystem zu erhalten, sollten diese Grenzen nicht überschritten werden. Doch um innerhalb dieser Grenzen zu bleiben, müssen wir nicht nur die Physik des Systems Erde verstehen. Wir müssen auch aus sozialwissenschaftlicher Perspektive nach Lösungswegen suchen für eine nachhaltige Entwicklung. Ich nenne das Welt-Erde-Analyse.

Mit diesem Begriff erkennen wir an, dass wir eine grundsätzliche Veränderung unserer Gesellschaften anstoßen müssen, wenn wir diesen sicheren Handlungsraum erhalten wollen. Ottmar Edenhofer ist eher in der Weltseite verwurzelt, sozialwissenschaftlich, während ich von der Erdseite komme, naturwissenschaftlich. Zusammen können wir mit unserer Forschung beide Seiten verbinden.

In Ihrem Konzept der planetaren Belastungsgrenzen ist nicht das Klima die Grenze, die am weitesten überschritten wurde, sondern es sind die Biodiversität und die Stickstoff- und Phosphor-Kreisläufe. Warum haben Sie sich trotzdem entschieden, Ihren Schwerpunkt auf den Klimawandel zu legen?

Wir haben in unserer Forschung neun planetare Belastungsgrenzen definieren können, die das System Erde bestimmen. Tatsächlich sind derzeit Bereiche wie die Biodiversität und der Stickstoff- und Phosphorkreislauf in einem noch schlechteren Zustand als das Klimasystem. Doch hier ist entscheidend, dass alle neun Grenzen, zum Beispiel in den Bereichen Wasser und Land, am Ende auch mit dem Klima in Wechselwirkung stehen. In einer aktuellen Studie nennen wir den Klimawandel und die Biodiversität sogar "Kern-Grenzen", weil sie das Endergebnis der Interaktionen zwischen all den anderen Grenzen sind.

Das heißt, was am Ende darüber entscheidet, wie sehr sich die Erde erwärmt und was mit ihr passiert, ist nicht nur die Menge an CO2-Emissionen durch die Verbrennung fossiler Rohstoffe, sondern auch die Widerstandsfähigkeit und Gesundheit des Erdsystems als Ganzem.

Was müssen wir jetzt tun, damit wir innerhalb der Klima-Grenze bleiben?

Einerseits haben wir das Pariser Klimaabkommen, mit dem sich fast alle Länder der Welt verpflichtet haben, die Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius zu begrenzen. Es ist enorm wichtig, diesen Prozess weiter am Leben zu halten und wissenschaftlich zu unterstützen, um konkrete Wege für die Dekarbonisierung aufzuzeigen.

Forschung wie die von Ottmar Edenhofer, der auch das Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change in Berlin leitet, hat gezeigt, wie wichtig es ist, dass CO2-Ausstoß einen Preis bekommt. Wenn wir einen weltweiten CO2-Preis von 30 oder besser 50 US-Dollar pro Tonne CO2 anstreben würden, könnten wir genug Anreize für einen grundlegenden Wandel setzen. Aber es braucht auch Klimaschutz von unten: Städte, Firmen und Regionen müssen zeigen, dass die Dekarbonisierung der Wirtschaft mit einer Weiterentwicklung und mehr Gesundheit verbunden ist.

Es ist eine aufregende Chance für die Forschung am PIK, nicht nur die negativen Folgen des Klimawandels zu untersuchen, sondern auch die positiven Auswirkungen der Dekarbonisierung zu erforschen. Und wissenschaftliche Belege dafür zu liefern, dass es zu einer besseren Entwicklung der Gesellschaft beiträgt, wenn Wachstum von der Verbrennung fossiler Rohstoffe entkoppelt werden kann.

Können Sie ein Beispiel nennen?

(Foto: M. Axelsson/​Azote)

Zur Person

Johan Rockström ist ein schwedischer Nachhaltigkeits-Wissenschaftler, der besonders für sein Konzept der planetaren Belastungsgrenzen bekannt ist. Ab Herbst wird der derzeitige Direktor des Stockholm Resilience Center zusammen mit Ottmar Edenhofer das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) leiten.

Nehmen Sie Afrika: Hier wurde die Technologie der Festnetztelefone geradezu übersprungen, die Menschen sind von einem Leben ohne Telefon gleich zum Leben mit Mobiltelefonie gewechselt. Einen ähnlichen Sprung könnte es doch auch bei der Energieversorgung geben. Von einem Zustand, in dem vielerorts kein Strom für alle verlässlich verfügbar ist, zu 100 Prozent dezentraler Photovolkaik-Anlagen – stellen Sie sich das vor! Das könnte eine Energie-Revolution in Afrika werden, die Modernität und soziale Entwicklungen bringt.

Mittlerweile gibt es nicht nur in den USA, sondern auch im deutschen Bundestag Abgeordnete, die leugnen, dass der Klimawandel menschengemacht ist. Wie sollte die Wissenschaft darauf reagieren?

Die Leugnung des Klimawandels ist in der Gesellschaft weiterhin nur eine Randerscheinung, selbst in den USA. Ich kann Ihnen eine Statistik nennen. Die Yale-Universität befragt seit mehr als zehn Jahren die US-Bürger nach ihrer Einstellung zum Klimawandel. Die Daten von 2017 zeigen, dass der Prozentsatz der Menschen, der an einen menschengemachten Klimawandel glaubt, konstant bei 70 Prozent geblieben ist. Doch wenn Klimaleugner überproportional viel Platz in den Medien bekommen, erscheint das öffentlich manchmal natürlich anders.

Skeptisch zu sein ist ein essenzieller Teil der Wissenschaft und etwas sehr Gesundes – Wissenschaft lebt von der Debatte. Das hat mit Klimaleugnern, die behaupten, es gebe keinen Treibhauseffekt, jedoch nichts zu tun. Sie könnten dann auch die Schwerkraft infrage stellen, das ist das gleiche Level von Ignoranz. Deshalb kann ich es auch nicht wirklich ernst nehmen, wenn jemand den menschengemachten Klimawandel leugnet. Wenn es im deutschen Bundestag Klimaleugner gibt, ist das schade, aber man sollte dem nicht zu viel Gewicht beimessen und seine Energie lieber auf konstruktive Debatten auf der Basis wissenschaftlicher Fakten konzentrieren.

Sind Sie optimistisch, dass wir innerhalb der Klima-Grenze bleiben können?

Es gibt Gründe, optimistisch zu sein, und Gründe, pessimistisch zu sein.

Der Klimawandel ist kein Randthema mehr, er hat die gesamte Gesellschaft durchdrungen. Das stimmt mich sehr positiv. Und der Grund dafür ist nicht etwa nur die Klimawissenschaft, sondern dass Klimaschutz heute auch wirtschaftlich attraktiv ist. Die fossilen Energien wurden von den erneuerbaren überholt, was vor ein paar Jahren noch niemand gedacht hätte. Und die erneuerbaren wachsen exponentiell.

Gleichzeitig wächst aber auch der weltweite Energiebedarf und bisher wachsen auch die fossilen Energien mit, während die natürlichen Kohlenstoffsenken in den Ökosystemen schwächer werden.

Es bleibt deshalb extrem wichtig, dass die Wissenschaft die Gesellschaft objektiv über die Risiken des Klimawandels und die Chancen des Klimaschutzes aufklärt. Anders gesagt: Am PIK gibt es in den kommenden Jahren viel zu tun, und ich bin begeistert, dieses großartige Institut gemeinsam mit Ottmar Edenhofer in die Zukunft führen zu können.

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