Schon erschöpft

Viel Zeit bleibt nicht mehr, um die Ziele des Pariser Klimaabkommens noch zu schaffen. Zu viele Politiker erkennen die Dramatik der Lage nicht und verlassen sich auf "Wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist"-Optionen.


Hier ist das Braunkohlekraftwerk Jänschwalde in der Lausitz zu sehen
Gehört zu den fünf klimaschädlichsten Kohlekraftwerken Europas: Jänschwalde in der Lausitz. (Foto: GuenterHH/Flickr)

Ein Streit um des Kaisers Bart? Ob die globale Erwärmung nun bei 1,5 Grad oder bei zwei Grad gegenüber vorindustrieller Zeit gestoppt wird, macht das einen Unterschied? Kann das sein? Für uns normale Zeitgenossen, die wir zwar Sensoren für das Wetter, aber nicht für das Klima besitzen, ist das schwer zu verstehen.

Tatsächlich aber bedeutet ein halbes Grad mehr oder weniger bei der Erdmitteltemperatur viel. Man muss wissen: Der Unterschied zwischen einer Warmzeit (in der wir leben) und einer Eiszeit (die letzte ging vor 10.000 Jahren zu Ende) beträgt nur fünf Grad. Wenn wir jetzt 1,5, zwei oder sogar drei oder vier Grad auf die Warmzeit draufsatteln, bedeutet das in jedem Fall zunehmend dramatische Veränderungen – und jedes halbe Grad weniger macht sie erträglicher.

Viel Zeit, um die Kurve Richtung 1,5 bis zwei Grad zu kriegen, wie es im Pariser Klimaabkommen verankert ist, bleibt nicht mehr. Zu Recht haben Forscher des Berliner Mercator-Instituts jetzt gewarnt, dass Politiker gerne ambitionierte Klimaziele ausgeben, dann aber die Umsetzung schleifen lassen.

Damit bringen sie sich – und uns Bürger – in eine Zwickmühle. Denn sie scheinen sich darauf zu verlassen, dass es schon noch möglich sein wird, das überschüssige Kohlendioxid wieder aus der Atmosphäre zu entfernen – mit großflächiger Aufforstung, dem Verpressen von CO2 in tiefe Erdschichten und anderen Technologien.

Praktisch alle diese "Wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist"-Optionen haben gewaltige Nachteile, vor allem, wenn sie in großem Stil eingesetzt werden müssen. Sie benötigen zusätzliche Energie, teils verbrauchen sie Fläche, die für den Nahrungsmittel-Anbau in einer Welt mit bis zu zehn statt heute 7,5 Milliarden Menschen gebraucht wird, oder sie bringen Risiken fürs Grundwasser.

Die Politiker, die sich in Sonntagsreden gerne für das 1,5-Grad-Limit aussprechen, blenden diese Konflikte aus, weil sie offenbar die Dramatik der Lage nicht erkennen.

Joachim Wille ist Chefredakteur des Online-Magazins Klimareporter°.

Auch die hiesigen Politiker übrigens. Würde Deutschland entsprechend seinem Anteil an der Weltbevölkerung dazu beitragen, das 1,5-Grad-Limit einzuhalten, hätte es seit dem letzten Sonntag überhaupt kein Kohlendioxid mehr ausstoßen dürfen, wie das Öko-Institut ausgerechnet hat. Das deutsche CO2-Budget dafür ist schon erschöpft.

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