Im Strom einer unsentimentalen Geschichte

Seit gestern ist der Stromkonzern Eon am Ziel: Die einstige RWE-Tochter Innogy ist nun endgültig Teil des Stromriesen. Gegen den Megadeal zwischen Eon und RWE läuft noch eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof.


Detailaufnahme eines Strommastes.
Farb- und geruchlos fließt der Strom durchs Netz. (Foto: Kai Gentle/​Pixabay)

Am 29. Juni 2016 hob sich der Vorhang: "Bunt, fröhlich und innovativ" – das sei Innogy, die neue Marke von RWE, verkündete der Konzern. Selten gab es eine größere PR-Explosion. Der Markenname, gedichtet aus "Innovation" und "Energy" und "Technology".

Für RWE-Chef Peter Terium dichtete seine Pressekohorte teenagerhaft weiter: Schon beim "ersten Mal", als er den Innogy-Auftritt gesehen habe, sei er "begeistert" gewesen. Innogy als "sehr farbenfrohe" Marke sei eher "untypisch" für die Strombranche. Terium: "Auch das macht uns einzigartig."

Ja, darum geht es in der Branche. Einzigartig zu sein. Das ist schwer im Geschäft mit Strom. Kann es ein größeres Allerweltsprodukt geben? Was aus der Steckdose kommt, ist genau reguliert, Stromstärke, Frequenz. Die Kennzeichnung von Haushaltsstrom – für alle gleich vorgeschrieben. Auch der Preis ist größtenteils staatlich festgetackert: Netzentgelte, EEG-Umlage, Steuern. Basta. 

Um Strom zu verkaufen, muss man kein Kraftwerk haben. Um grünen Strom zu verkaufen, muss man kein Windrad und keine Solarzelle besitzen. "Branding" ist am Ende (fast) alles – und aller Erfahrung nach gilt: Je hipper und schicker die Marke, desto mehr lohnt es sich, hinter den Namen und auf das Geschäftsmodell zu schauen.

Denn die Strombranche ist im Kern unsentimental: Im März 2018, keine zwei Jahre nach dem "ersten Mal", gab RWE bekannt, die 40.000 Innogy-Beschäftigten unter das Dach des Erzrivalen Eon verschieben zu wollen. Die beiden größten deutschen Energiekonzerne hatten einen Deal der neuen Art ausgetüftelt: Eon übernahm mit Innogy die Netze und den Vertrieb von RWE und reichte RWE dafür seine Ökostromanlagen rüber, zudem wurde RWE größter Anteilseigner von Eon.

Die Branche sah rot: Nach der Übernahme von Innogy wird Eon auf zwei Dritteln der Fläche Deutschlands zum größten Stromanbieter – bei einem Marktanteil bei über 70 Prozent der Kunden, ließ der größte Ökostromerzeuger des Landes, Lichtblick, durch die Beratungsgesellschaft LBD ausrechnen. Künftig verfüge Eon direkt oder indirekt über mehr als 160 Strom-Marken und 840 Strom-Tarife. "Ein Energiekonzern – zwei Namen" titelte der Autor dieser Zeilen damals dazu.

Lichtblick forderte die zuständige EU-Kommission auf, den Megadeal zu untersagen. "Lichtblick schwärzt Eon in Brüssel an", meldete der Brancheninformationsdienst EID im Februar 2019. Tatsächlich war der Ökostromer in der Branche der einzige große Anschwärzer bei dem Deal. Den winkte die EU-Kommission im Laufe des Jahres 2019 durch.

Elf deutsche Stromversorger klagen

Mittlerweile klagen andere: Elf deutsche Stromversorger erhoben letzte Woche Klage vor dem Europäischen Gerichtshof gegen die Genehmigung des Eon-RWE-Deals – eine Nichtigkeitsklage gemäß Artikel 263 des Vertrages über die Arbeitsweise der EU. Mit dieser Art Klagen wird die Rechtmäßigkeit von Handlungen der Unionsorgane überprüft.

Die elf Unternehmen sind Eins Energie, Enercity, Energieverbund Dresden, GGEW, Mainova, Naturstrom, Teag sowie die Stadtwerke Frankfurt am Main, Halle, Hameln und Leipzig.

Die wortreichen Klagen der elf über die Fusion kommen einem ziemlich bekannt vor: RWE werde der "mit Abstand größte Erzeuger und Großhändler von Strom", Eon der "mit Abstand größte Betreiber von Verteilnetzen" und das "Meteringunternehmen mit den meisten Daten". Gleichzeitig werde RWE der "größte und einflussreichste Einzelaktionär von Eon".

Durch die Beteiligung von RWE an Eon und die Übertragung des Netz- und Endkundengeschäfts von Innogy auf Eon werde der Energiemarkt "vertikal demarkiert" und gesichert, dass beide Unternehmen "zueinander nie wieder in Konkurrenz treten", betont Rechtsanwältin Ines Zenke, die acht der elf Kläger vertritt und Partnerin der weitere Kläger vertretenden Kanzlei Becker Büttner Held ist.

Neu an der Geschichte ist eigentlich nur: Die EU-Kommission reichte erst im Februar dieses Jahres die schriftliche Begründung für den Freigabeentscheid nach – ein Jahr nach der Genehmigung des Deals. Diese enorme Verzögerung sei "äußerst ungewöhnlich", sagt Anwältin Zenke. Und trotz der langen Zeit sei die Begründung "mit 22 Seiten sehr knapp" und lasse eine Reihe der gegen die Freigabe vorgebrachten Argumente einfach aus. Zenke weiter: "Die Freigabe ist für mich an keiner Stelle nachvollziehbarer geworden."

Im Ergebnis der Klage kommt nicht nur eine Rückabwicklung der Fusion infrage. "Natürlich könnte die Kommission auch zu dem Schluss kommen, dass weitere Auflagen notwendig sind, um die Fusion freizugeben", sagte sie. Aktuell sei das noch "völlig offen".

Zu den Auflagen der EU-Kommission gehörte übrigens, dass sich Eon in Deutschland von wesentlichen Teilen seines Heizstromgeschäfts trennen muss. Ende April gingen schließlich 260.000 Eon-Heizstromkunden an – den Ökostromer Lichtblick. Der stieg damit zum fünftgrößten Stromversorger in Deutschland auf.

Die Übernahme der Eon-Kunden sei ein "Meilenstein für unsere Klima- und Wachstumsstrategie", erklärte Lichtblick-Geschäftsführer Gero Lücking. Die Ex-Eon-Kunden erhielten nun ausschließlich Ökostrom, betonte er in einer gemeinsamen Presseerklärung mit Eon. Für Lichtblick jedenfalls kam so noch etwas Gutes aus dem einst gehassten Eon-RWE-Deal heraus.

Die Strombranche ist im Kern unsentimental.

Redaktioneller Hinweis: Gero Lücking gehört dem Herausgeberrat von Klimareporter° an.

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