Deutschland braucht nicht mehr Windräder

Wenn Deutschland sich zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien versorgen will, brauchen wir mehr Windstrom – aber auch mehr Windräder? Nein, zeigt eine neue Analyse der Energy Watch Group. Das Lieblingsargument der Windkraftgegner:innen, die Energiewende "verschandele" die Landschaft immer weiter, stimmt nicht.


Zwei Windräder stehen auf freiem Feld, am Himmel dunkle Wolken, knapp hinter dem Horizont ein Gehöft.
Moderne Windräder kommen auf rund fünf Megawatt. (Foto: Drew Hays/​Unsplash)

Obwohl Gegner:innen der erneuerbaren Energien stark in der Minderheit sind, dominieren ihre Argumente häufig die öffentliche Debatte.

So befürworten 83 Prozent der Bundesbürger:innen den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien. 51 Prozent der Befragten halten Windkraft in der Nachbarschaft sogar für "sehr gut" oder "eher gut". Die öffentliche Akzeptanz für erneuerbare Energien ist somit deutlich größer, als der durch eine laute Minderheit von Windkraftgegner:innen geprägt Diskurs es vermuten ließe.

Eines der Hauptargumente der Windkraftgegner:innen ist meist die Angst vor einer "Verschandelung" der Landschaft. Weit verbreitet ist der Glaube, eine Vollversorgung mit 100 Prozent erneuerbaren Energien resultiere unweigerlich in einer erheblichen Zunahme der Anzahl von Windkraftanlagen.

Um diesen diffusen Ängsten wissenschaftlich zu begegnen, hat die Energy Watch Group überschlägig berechnet, wie viele Windkraftanlagen an Land notwendig wären, um eine vollständige Energieversorgung Deutschlands in den Sektoren, Strom, Wärme, Verkehr und Industrie zu jeder Jahresstunde nur aus erneuerbaren Energien bis 2030 sicherzustellen.

Das Ergebnis: Die Annahme, dass 2030 in Deutschland mehr Windräder stehen als zum heutigen Zeitpunkt, ist nicht korrekt. Im Gegenteil – die Zahl der Windkraftanlagen könnte sogar von derzeit rund 30.000 auf rund 24.000 Anlagen sinken.

Aus dem von der Energy Watch Group bereits im letzten Jahr vorgestellten Deutschland-Szenario ergibt sich eine zu installierende Windkraftleistung von etwa 110.000 Megawatt bis 2030 zur Erzeugung von 300 Milliarden Kilowattstunden Strom.

Heutige Anlagen leisten ein Mehrfaches

In der Studie bisher nicht berücksichtigt wurde insbesondere das Potenzial von Biokraftstoffen für den Verkehrssektor sowie von oberflächennaher Erdwärme. Diese Energiequellen könnten bis 2030 jedoch absehbar eine Einsparung von gut 100 Milliarden Kilowattstunden Strom aus Wind und Photovoltaik ermöglichen, sodass der tatsächliche Windstrombedarf im Jahr 2030 gegenüber dem Deutschland-Szenario auf etwa 250 Milliarden Kilowattstunden sinkt.

Erforderlich sind hierfür Anlagen mit einer Kapazität von rund 92.000 Megawatt im Jahr 2030, bestehend aus 28.000 Megawatt heute vorhandener Anlagen sowie 64.000 Megawatt Neuanlagen, die einerseits auf bereits genutzten Windenergieflächen (28.000 Megawatt) und andererseits auf neuen Windenergieflächen (36.000 Megawatt) zu errichten sind.

Hans-Josef Fell

ist Präsident der Energy Watch Group. Als langjähriger Bundestags­abgeordneter der Grünen war er Mitautor des Erneuerbare-Energien-Gesetzes von 2000 und einer der wichtigsten Vorantreiber der Energie­wende in Deutschland und Europa.

Heute drehen sich in Deutschland etwa 30.000 Windkraftanlagen an Land. Die Offshore-Windkraftanlagen sind hier nicht eingerechnet. Viele der heutigen Windanlagen sind zu einer Zeit gebaut worden, in der es die modernen, hochleistungsfähigen Windräder noch nicht gab. Viele der älteren Windmühlen leisten daher weniger als ein Megawatt, im Durchschnitt hat der in Deutschland im Jahre 2021 installierte Windpark eine mittlere Nennleistung von 1,8 Megawatt pro Anlage.

Den günstigsten Strom produzieren heute jedoch Anlagen mit einer Nennleistung um fünf Megawatt. Bis 2030 wird daher ein erheblicher Teil der heute existierenden Windräder "repowert" werden. Indem alte Anlagen durch leistungsstärkere Nachfolgemodelle ersetzt werden, werden langfristig wesentlich weniger Windkraftanlagen benötigt, um die gleiche heutige Leistung zu erreichen.

Erneuerbare Vollversorgung möglich

Wenn man davon ausgeht, dass bis 2030 nur besonders alte Windkraftanlagen ersetzt werden – diejenigen, bei denen es sich wirtschaftlich rentiert – werden anstelle der heute vorhandenen 30.000 Anlagen bereits 15.000 Anlagen die gleiche Leistung erbringen können.

Für den notwendigen Bedarf an neu gebauten und modernisierten Anlagen von 64.000 Megawatt ergeben sich bei einer durchschnittlichen Anschlussleistung von fünf Megawatt pro Anlage 11.140 neue und erneuerte Windkraftanlagen. In Summe müssten demnach bei einer Versorgung von ganz Deutschland mit 100 Prozent erneuerbaren Energien in allen Energiesektoren – Strom, Wärme, Verkehr, Industrie – bis 2030 etwa 24.000 Windkraftanlagen installiert sein, wesentlich weniger als die heute installierten 30.000 Anlagen.

Porträtaufnahme von Thure Traber.
Foto: privat

Thure Traber

ist leitender Wissenschaftler bei der Energy Watch Group und arbeitet zur Trans­formation des Energie­systems auf 100 Prozent erneuerbare Energien und zu klima­freundlicher Ressourcen­wirtschaft, um aktuelle Forschungs­ergebnisse in die globale Energie- und Klimapolitik zu tragen. Zuvor forschte der Ökonom am Deutschen Institut für Wirtschafts­forschung (DIW) und an Dänemarks Technischer Universität (DTU). 

Auch der hierfür nötige Flächenbedarf bewegt sich in einem vertretbaren Rahmen. Damit sich die leistungsstarken Windkraftanlagen nicht gegenseitig zu viel Wind wegnehmen, braucht jedes Windrad der Fünf-Megawatt-Klasse in einem Windpark deutlich mehr Raum als die kleineren, älteren Windkraftanlagen. Gleichzeitig ist, wie erläutert, auch der Ertrag dieser modernen Anlagen weitaus höher, sodass sich der durchschnittliche Flächenbedarf im Ergebnis kaum ändert.

Die von der Bundesregierung angestrebte Ausweisung von zwei Prozent der Landesfläche in Deutschland reicht für die beschriebenen 24.000 Windkraftanlagen aus. Damit wird also nicht nur das Regierungsziel von 80 Prozent Ökostrom bis 2030 möglich, sondern sogar eine 100-Prozent-Umstellung der gesamten Energieversorgung in Deutschland.

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