Auch "neuer" Steinkohle wird der Ausstieg bezahlt

Die erste Ausschreibung zur Steinkohle-Stilllegung endet doppelt überraschend: Die Kraftwerkseigner wollten deutlich mehr als die ausgeschriebenen 4.000 Megawatt loswerden. RWE und Vattenfall setzen sich mit nagelneuen Kraftwerks-Blöcken durch.


Steinkohlekraftwerk in Hamburg-Moorburg an der Elbe mit großem Kühlturm.
Eine Fehlinvestition, die absehbar war: Das Vattenfall-Kohlekraftwerk Moorburg in Hamburg ist erst seit 2015 in Betrieb. (Foto: Jakob Schumacher/​Wikimedia Commons)

Letzte Woche hatte die EU-Kommission grünes Licht für die deutsche Variante des Steinkohle-Ausstiegs gegeben. Heute konnte die Bundesnetzagentur das Ergebnis der ersten Ausschreibung zur Kraftwerksstilllegung bekannt geben.

Die ausgeschriebene Kapazität von 4.000 Megawatt war dabei deutlich überzeichnet. Am Ende erhielten elf Gebote, die zusammen nahezu 4.800 Megawatt Leistung erbringen, einen Zuschlag, wie die Behörde heute mitteilte.

Bei den letztlich erfolgreichen Geboten stellten die Betreiber in Aussicht, pro Megawatt stillzulegender Leistung als "Prämie" zwischen rund 6.000 und 150.000 Euro zu verlangen.

Der von der Bundesnetzagentur vorgegebene Höchstpreis für die Ausschreibung lag bei 165.000 Euro pro Megawatt und wurde damit nicht erreicht. Die Gesamtkosten für die Stilllegung der elf Blöcke liegen laut Netzagentur bei 317 Millionen Euro, das sind rund 66.300 Euro pro Megawatt.

Wie viel jeder Betreiber konkret erhält, teilte die Bundesnetzagentur nicht mit. Die Zuschlagserteilung hängt nicht allein vom Gebotswert ab, sondern unter anderem vom Verhältnis der verlangten Zahlung zur voraussichtlichen CO2-Reduzierung. Wie viel Treibhausgase durch die Stilllegungen eingespart werden, ist noch nicht konkret zu beziffern. Viele der Steinkohleanlagen liefen zuletzt nur stark gedrosselt.

In Einzelnen dürfen nunmehr fünf große Steinkohleblöcke 2021 keinen Strom mehr ins Netz einspeisen: die Vattenfall-Blöcke Moorburg A und B (je 800 Megawatt), das Uniper-Kraftwerk Heyden (875) sowie die beiden RWE-Kraftwerke Ibbenbüren (794) und Westfalen/​Hamm (764 Megawatt).

Hinzu kommen sechs mittlere und kleinere Blöcke: das Steag-Kraftwerk Walsum 9 (370 Megawatt), Block 6 des Kraftwerks Bremen-Hafen (303), der Kohleblock im Heizkraftwerk Industriepark Höchst (51), das Heizkraftwerk Jülich (23) sowie die beiden Südzucker-Kraftwerke Warburg (4,6) und Brottewitz (vier Megawatt).

Besonderes Aufsehen erregt, dass mit der RWE-Anlage Westfalen/​Hamm und dem Vattenfall-Kraftwerk Moorburg drei große Blöcke stillgelegt werden, die erst 2014 und 2015 den Betrieb aufnahmen und mit Milliarden-Aufwand gebaut wurden.

"So wird der Kohleausstieg unnötig teuer"

Zwar sei die Stilllegung der elf Blöcke "gut und richtig", habe aber einen "bitteren Beigeschmack", kommentiert die Energieökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin das Auktionsergebnis gegenüber Klimareporter. "Die Bundesregierung hätte in der Vergangenheit durch eine effektive Regulierung mit der überfälligen Reparatur des Emissionsrechtehandels und vorausschauenden Planungen den Neubau von Kohlekraftwerken insbesondere in den letzten zehn Jahren verhindern müssen."

"Vor allem die jüngeren Kraftwerke in Hamm und Moorburg hätten nie ans Netz gehen dürfen", betont Kemfert. Diese Investitionsruinen seien abzusehen gewesen und hätten vermieden werden müssen und können. "Nun müssen üppige Entschädigungen gezahlt werden. Der Kohleausstieg wird durch eine verfehlte Energiepolitik der Vergangenheit enorm teuer."

Für den Ökostromer Greenpeace Energy unterstreichen die Stilllegungs-Zuschläge für Steinkohle die Fragwürdigkeit von Ausschreibungen als Klimaschutz-Instrument. Schließlich hätten sich noch etliche weitere Kraftwerke beworben, die aber nicht zum Zuge gekommen seien, sagte Unternehmensvorstand Sönke Tangermann.

"Offensichtlich ist der Druck unter den Betreibern groß, weil ihre Kohlemeiler bereits unrentabel sind oder es bald werden", so Tangermann. "Der Staat vergoldet den Betreibern also die Abschaltung von Kraftwerken, die sich wirtschaftlich ohnehin nicht mehr richtig rechnen."

Den Steinkohleausstieg hätte man deutlich billiger haben können, meint auch Oliver Krischer, Fraktionsvize der Grünen im Bundestag. Wegen niedriger Strompreise und einer geringen Nachfrage nach Kohlestrom schrieben viele Kohlekraftwerke rote Zahlen.

"Die meisten der Kohlekraftwerke, die jetzt einen Zuschlag für die Stilllegung bekommen haben, wären zeitnah auch alleine aus dem Markt gegangen", sagte Krischer. Die Versorgungssicherheit sei nicht gefährdet, weil es immer noch große Überkapazitäten gebe und die Betreiber vielfach auf diese Versteigerung gewartet hätten.

Redaktioneller Hinweis: DIW-Ökonomin Claudia Kemfert gehört dem Herausgeberrat von Klimareporter° an.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

klimareporter° wird herausgegeben vom gemeinnützigen Klimawissen e.V. – Ihre Spende macht unabhängigen Journalismus zu Energiewende und Klimawandel möglich.

Spenden Sie hier