Anzeige
GeoTherm Offenburg, Messe 2+3 Juni

Atomausstieg in Großbritannien

Die Regierung in London verspricht eine nukleare Renaissance. Tatsächlich werden in Großbritannien viel mehr Reaktoren stillgelegt als neu gebaut. Gleichzeitig gibt es einen Windkraft-Boom vor allem vor den Küsten.


AKW Hinkley Point
Hinkley Point A (links, stillgelegt) und B stehen am Bristolkanal gegenüber von Cardiff. (Foto: Richard Baker/​Wikimedia Commons)

Großbritannien ist eines der Hoffnungsländer für die Atombranche. Am Standort Hinkley Point im Südwesten der Insel werden derzeit zwei neue große Reaktoren gebaut. Zudem unterstützt die Regierung in London die Entwicklung von Mini-AKW, die ab Mitte der 2030er Jahre Strom liefern sollen. Von der Öffentlichkeit viel weniger beachtet, läuft in dem Land aber ein Rückbau der Atomkraft, dessen Tempo gerade dem deutschen AKW-Ausstieg ähnelt.

Die Briten waren, zusammen mit Russland und den USA, Vorreiter beim Bau von AKW. Der weltweit erste kommerzielle Reaktor zur Stromproduktion ging dort 1956 ans Netz.

Seither sind in dem Land 45 AKW gebaut worden, von denen bereits 34 nach Ende ihrer Laufzeit oder aufgrund von Störfällen abgeschaltet wurden. Das geht aus den Daten der Internationalen Atomenergie-Organisation hervor, die das Internationale Wirtschaftsforum Regenerative Energien (IWR) in Münster ausgewertet hat.

Allein seit Mitte 2021 haben die britischen Betreiber laut IWR vier Reaktoren mit einer Gesamtleistung von rund 2.500 Megawatt abgeschaltet, zuletzt traf es vor einigen Tagen das AKW Hunterston B2 nahe der schottischen Kleinstadt West Kilbride.

Doch der Ausstieg geht schon in diesem Jahr weiter. Bis Juli sollen die beiden älteren AKW-Blöcke des Kraftwerks Hinkley Point B mit zusammen 840 Megawatt vom Netz gehen.

Binnen eines Jahres wird die Atomstrom-Kapazität dann also um rund 3.400 Megawatt gesunken sein – eine ähnliche Größenordnung wie in Deutschland. Hier wurden zuletzt im Dezember drei Reaktoren mit zusammen 4.200 Megawatt abgeschaltet. Das Aus für die letzten drei kommt Ende 2022.

Neubauprojekte rechnen sich nicht

In Großbritannien wurde seit 1956 eine Atomkapazität von 15.700 Megawatt aufgebaut, davon ist inzwischen mehr als die Hälfte, 7.900 Megawatt, wieder stillgelegt worden. Weitere Abschaltungen sind für 2024 und 2028 geplant. Bis 2030 gehen nach den bisherigen Plänen sämtliche Alt-AKW bis auf drei vom Netz.

Damit wird klar: Auch mit den beiden neuen Hinkley-Point-Blöcken C1 und C2 mit zusammen 3.200 Megawatt, die 2026 fertig sein sollen, wird die Atomkraft auf der Insel bei Weitem nicht zur alten Größe zurückfinden.

Die lange umstrittene Bauentscheidung für Hinkley Point C fiel 2014 erst, nachdem die britische Regierung dem Betreiber eine hohe Einspeisevergütung von umgerechnet rund elf Cent pro Kilowattstunde plus Inflationsausgleich über 35 Jahre garantiert hatte. Dieser Satz liegt etwa doppelt so hoch wie die Vergütungen, die es für Wind- und Solarenergie gibt.

Gebaut werden die Reaktoren vom französischen Energieversorger EDF und dem chinesischen Atomkonzern CGN, zwei Unternehmen in Staatseigentum. Das Budget und die Bauzeit wurden bereits deutlich überschritten.

Zwei weitere AKW-Neubauprojekte, in Wales und im Nordwesten Englands geplant, wurden 2019 abgesagt. Die japanischen Konzerne Toshiba und Hitachi, die sich hier engagiert hatten, gaben auf. Die Projekte wurden ihnen zu teuer.

Die Entscheidung über ein weiteres AKW-Projekt der EDF mit zwei Reaktoren in der Grafschaft Suffolk nordwestlich von London wurde jüngst verschoben, sie soll nun bis zum Sommer fallen.

Neue Atomkraft-Versprechen mit Mini-AKW

Und die von London anvisierten Klein-AKW? Ob sie die Nuklear-Renaissance bringen können, steht derweil noch in den Sternen.

Der britische Turbinenbauer und Rüstungskonzern Rolls-Royce hat die Regierung in London und Privatinvestoren zwar überzeugt, umgerechnet knapp eine halbe Milliarde Euro in die Entwicklung dieser Anlagen zu stecken. Kritiker bezweifeln aber, dass sie den Atomstrom billiger als die klassischen Atomkraftwerke liefern können, auch wenn der Konzern das verspricht.

Rolls-Royce hat für die Mini-AKW (Fachbegriff: Small Modular Reactor, SRM), die Strom für je eine Million Haushalte liefern sollen, umgerechnet über zwei Milliarden Euro veranschlagt. Stromkosten von fünf Cent pro Kilowattstunde seien dann möglich, also weniger als die Hälfte des Hinkley-Point-Tarifs.

Auch in anderen Ländern wird übrigens an SRM-Konzepten gearbeitet, darunter von Firmen in den USA, China und Kanada. Bisher gibt es aber noch kein baureifes Design.

Zuletzt haben die Regierungen von Frankreich und Belgien bekannt gegeben, Forschungsgelder in die SRM-Entwicklung stecken zu wollen. Paris ist mit einer Milliarde Euro dabei am spendabelsten. Experten glauben jedoch nicht, dass damit bereits ein baureifes Konzept entstehen kann.

IWR-Chef Nobert Allnoch geht nicht von einer grundsätzlichen Renaissance der Atomenergie in Großbritannien aus. "Atomstrom aus dem geplanten Kernkraftwerk Hinkley Point C ist in Großbritannien am Markt schon jetzt mehr als doppelt so teuer wie Strom aus Windenergie", sagte er gegenüber Klimareporter°.

Von einer Plattform aus wird ein Offshore-Windrad errichtet.
Das damals größte Windrad und der größte Windpark der Welt wurden 2018 vor der Küste von Aberdeen in Schottland errichtet. (Foto: Iweta Siedem/​Shutterstock)

Diese Mehrkosten für die Stromerzeugung müssten letztendlich die britischen Stromverbraucher tragen. Strom aus erneuerbaren Energien sei derzeit allemal wirtschaftlicher als Strom aus neuen AKW.

Viel mehr Meeres-Windkraft

Unterdessen geht Großbritannien mit dem Ausbau der Offshore-Windkraft stark voran, die bisher bereits gut 18 Prozent des im Land verbrauchten Stroms liefert. Vor der Küste Schottlands sollen gigantische Windparks entstehen.

Die schottische Regierung hat diese Woche eine Auktion für bis zu 25.000 Megawatt Anschlussleistung abgeschlossen. Es werden danach 17 Offshore-Windparks entstehen, überwiegend mit schwimmenden Windrädern.

Die bisher in britischen Gewässern insgesamt installierte Leistung von 10.000 Megawatt wird sich damit mehr als verdreifachen. Zu den Zielen der Regierung in London gehört, bis 2030 rund 40.000 Megawatt Meeres-Windkraft zu erreichen, eine Marke, die nun voraussichtlich übertroffen wird.

Zum Vergleich: In Deutschland geht der Ausbau der Offshore-Windkraft derzeit nur langsam voran. Die neue Ampel-Regierung hat das Ausbauziel für 2030 allerdings von 20.000 auf 30.000 Megawatt angehoben.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

klimareporter° wird herausgegeben vom gemeinnützigen Klimawissen e.V. – Ihre Spende macht unabhängigen Journalismus zu Energiewende und Klimawandel möglich.

Spenden Sie hier