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Radikal pragmatisch gegen das Aussterben

Nach einer Woche Protest: Die Klimabewegung Extinction Rebellion hat ihre Blockadeaktionen in Berlin am Sonntagabend vorerst beendet. Ihr Ansatz wird kontrovers diskutiert. Handelt es sich gar um eine Klima-Sekte? Dass der "Aufstand gegen das Aussterben" sich nicht in gängige politische Schablonen pressen lässt, ist genau seine Stärke.


Menschen mit Banner
Vor einer Woche: Extinction Rebellion blockiert eine Hauptstraße in Berlin. (Foto: Friederike Meier)

Vor einem Jahr entstand in Großbritannien eine neue Umweltbewegung. Mittlerweile hat sie Ableger in über 70 Ländern und organisiert dort oftmals die größten Aktionen zivilen Ungehorsams in Jahrzehnten.

Ihr Name ist apokalyptisch: Extinction Rebellion (XR), auf Deutsch Aufstand gegen das Aussterben. Und ihre Botschaft ist es auch: Wenn nicht sofort radikale Maßnahmen gegen die Klima- und Artenkrise eingeleitet werden, ist das Überleben der Menschheit in Gefahr.

Damit gelingt es dieser Bewegung, Tausende Menschen so weit zu radikalisieren, dass sie bereit sind, sich verhaften zu lassen. Gleichzeitig hat XR nur Vordenker, aber keine wirklichen Anführer und keine erkennbare Struktur. Trotzdem erscheint die Bewegung gut organisiert, was sich am ziemlich einheitlichen und durchdesignten Auftreten rund um die Welt zeigt.

Auch politisch lässt sich XR schwer verorten, denn die Kritik kommt von rechts und links. Sicher ist bislang nur eins: Die XR-Aktivisten agieren strikt gewaltfrei und sind ausgesucht respektvoll.

"Sagt die Wahrheit"

XR ist daher vielen ein Rätsel. Um dieses aufzulösen, lohnt ein Blick auf die große Diskrepanz zwischen dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand und dem gesellschaftlichen Konsens.

Der Konsens besagt, dass die Welt bis zum Jahr 2050 klimaneutral sein muss, um eine Klimakatastrophe abzuwenden. Aus Sicht der Wissenschaften wäre das aber viel zu spät, wie die Kombination von drei Studien zeigt.

Die "Heißzeit-Studie" sagt, dass zwischen 1,5 und zwei Grad Erwärmung Kipppunkte liegen könnten, ab denen sich die Klimaerwärmung selbst verstärkt und nicht mehr gestoppt werden kann.

Um das zu verhindern, müssen gemäß dem Weltklimarat IPCC die globalen Emissionen in den nächsten elf Jahren halbiert werden und bis 2050 auf netto null sinken. Bei dieser Rechnung lässt der IPCC aber eine Klimahypothek von 100 Milliarden Tonnen CO2 außen vor, die der Atmosphäre entzogen werden müssen.

Eine Studie von Joeri Rogelj integriert diese Hypothek ins CO2-Budget der Menschheit. Das Resultat: Um die Klimaüberhitzung mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit auf 1,5 Grad zu begrenzen muss die Welt schon im Jahr 2038 klimaneutral sein und für eine Zwei-Drittel-Wahrscheinlichkeit sogar schon im Jahr 2030.

Die erste Forderung von Extinction Rebellion lautet daher: "Sagt die Wahrheit". Zudem dient der Gegensatz von Konsens und Wahrheit auch der Mobilisierung.

Dabei zeigt die Vielfalt der verschiedenen XR-Untergruppen, dass ein Teil aller gesellschaftlichen Gruppierungen den wissenschaftlichen Kenntnisstand verstanden hat. Bei XR sind Christen, Juden und Moslems, Polizisten und Punks, Reichere und Ärmere, Vegetarier und Fleischesser, Konservative und Linke sowie Junge und Alte dabei.

Das politische System ergänzen

Der Gegensatz zwischen Konsens und Kenntnisstand habe aber noch eine weitere Konsequenz, sagt Roger Hallam, ein Vordenker von XR: "Wenn man rund um die Wahrheit mobilisiert, ergibt sich eine Polarisierung." Diese Polarisierung hat allerdings nichts mit links oder rechts zu tun, sondern zieht sich quer durch die Gesellschaft.

Dafür erklärt die Polarisierung die schnelle Mobilisierung und Radikalisierung der Rebellen: Wer überzeugt ist, dass die Menschheit innerhalb von Jahren und nicht Jahrzehnten klimaneutral sein muss, um ihr Überleben zu sichern, ist oft bereit, für diese Überzeugung verhaftet zu werden. Dies gilt umso mehr, da jahrzehntelange Klimademonstrationen und -petitionen nicht gereicht haben, um die Regierungen zu wirksamem Klimaschutz zu zwingen.

Für Verwirrung sorgt auch, dass Extinction Rebellion nicht sagt, wie dieser Klimaschutz aussehen soll. Die Bewegung hat keine konkreten Forderungen, was besonders von Veganern und Kapitalismuskritikern beklagt wird. XR fordert vielmehr eine Änderung des politischen Systems: Dem Parlament soll eine Versammlung aus zufällig ausgewählten Bürgern beigestellt werden, die dann über die konkreten Maßnahmen entscheiden.

Da niemand weiß, wie diese Entscheidungen ausfallen werden, entzieht sich aber auch diese Forderung dem Rechts-links-Schema. Entkräften lässt sich damit indes die Behauptung mancher Kommentatoren, XR sei antidemokratisch, denn geloste Bürgerversammlungen gab es schon im alten Griechenland.

Nicht irrational, nur pragmatisch

Schnell erklärt sind dafür das einheitliche Auftreten und die schnelle Verbreitung von Extinction Rebellion: Die Bewegung folgt einem Franchise-Modell. Wer sich zu den zehn XR-Prinzipien bekennt, kann eine Ortsgruppe gründen und dabei auf einen großen Fundus an Materialien zurückgreifen. Dazu zählen Kursmaterialien, ein Handbuch, Designmaterial sowie Anleitungen zur Selbstorganisation.

Dadurch wird auch die Befürchtung entkräftet, XR sei ein Endzeitkult. Wenn ganz unterschiedliche Menschen selbständig Ortsgruppen gründen, entsteht daraus kaum eine Sekte.

Letztlich lässt sich XR viel einfacher erklären – mit einem XR-Slogan: "Das ist ein Notfall." XR ist eine Notoperation am Herzen der Gesellschaft angesichts einer lebensbedrohlichen Krise. Es geht nicht um eine andere Ideologie, sondern um eine Intervention, die wirkt.

Gail Bradbrook, die "Mutter" des Aufstands, sagt: "Wenn du einen besseren Plan hast, dann sag es uns." Und genau das ist wohl des Rätsels Lösung: XR ist Pragmatismus in einer Ausnahmesituation.

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