Ineffizient und ungerecht

Aus Angst vor Versorgungsengpässen durch den Ukraine-Krieg kassiert die EU-Kommission Teile ihres "Green Deal" vorerst ein. Dagegen regt sich Protest. Die Forderungen sind nicht neu – sie weiter zu ignorieren, wäre ein großer Fehler.


Ein Blühstreifen in der Landschaft
Unbewirtschaftete ökologische Ausgleichsflächen sind wichtig für die Biodiversität. (Foto: Gabriela Brändle/​Agroscope/​Flickr)

Was bedeutet der Ukraine-Krieg für die Klimapolitik? Gelingt der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen nun schneller, weil die Abhängigkeit von Energielieferungen aus Staaten wie Russland endlich als Sicherheitsrisiko erkannt wurde? Oder passiert das Gegenteil, weil wieder mehr Kohle verbrannt wird, um Erdgas aus Russland zu ersetzen?

Wie es mit der Energiewende weitergeht, darüber lässt sich bislang nur spekulieren. Bei der Agrarwende, einem klimapolitisch ebenfalls sehr wichtigen Bereich, hat aber die EU bereits die Weichen neu gestellt. Leider nicht zum Guten.

Aus Angst vor Versorgungsengpässen durch ausbleibende Getreidelieferungen aus Russland und der Ukraine hat die EU-Kommission Teile ihres "Green Deal" vorerst einkassiert. Auf stillgelegten Ackerflächen, die dem Artenschutz dienen sollten, dürfen nun doch wieder Nahrungs- und Futterpflanzen angebaut werden.

Auch die neue Pestizidverordnung und das Renaturierungsgesetz wurden auf unbestimmte Zeit verschoben. Der Umbau zu einer klima- und biodiversitätsfreundlicheren Landwirtschaft ist damit erstmal ausgebremst.

Dagegen protestieren nicht nur Umweltschutzorganisationen, sondern nun auch mehr als 600 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Sie kritisieren die Maßnahmen als "kurzsichtig" und warnen: "Wir würden uns damit noch weiter von einem robusten Ernährungssystem entfernen, das künftigen Schocks standhält und eine gesunde und nachhaltige Ernährung sichert."

Globale Lebensmittelknappheit, argumentieren sie, werde keineswegs durch mangelnde Produktion verursacht, sondern dadurch, dass Lebensmittel ungleich verteilt und ineffizient genutzt werden.

Produktion für die Tonne

Tatsächlich zeigen Studien, dass die Nahrungsmittel, die weltweit produziert werden, für alle Menschen reichen würden – auch wenn die Weltbevölkerung weiter wächst. Allerdings wird mit Lebensmitteln bislang äußerst verschwenderisch umgegangen.

In der EU beispielsweise landen fast zwei Drittel des Getreides nicht auf dem Teller, sondern werden als Tierfutter genutzt. Ein Drittel aller produzierten Lebensmittel wird einfach weggeschmissen.

Verena Kern ist stellvertretende Chefredakteurin von Klimareporter°.

Was die Forschenden nun fordern, ist ganz schlicht: Es braucht mehr Nachhaltigkeit in unserer Ernährung. Also Verringerung des Fleischkonsums, mehr Anbau von Leguminosen wie Erbsen und Bohnen (dies würde auch die Abhängigkeit von energieintensivem Stickstoffdünger reduzieren), weniger Lebensmittelverschwendung.

Diese Forderungen sind nicht neu. Durch den Krieg sind sie aber aktueller denn je. Es wäre höchste Zeit, damit anzufangen.

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