Klima-Brücken ins Jahr 2030

Bis 2030 entscheidet sich, ob die Welt den Pfad erreicht, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, sagt die Wissenschaft. Welche Brücken Politik und Gesellschaft dafür bei CO2-Emissionen, Landnutzung und urbaner Entwicklung nehmen müssen, lassen Debatten auf dem Klimagipfel in Katowice nur erahnen.


Bauern säen Mais auf einem Terrassenfeld mithilfe von Ochsen.
Kleinbauern in Peru: Die Landnutzung muss weltweit intensiviert werden, das soll aber nachhaltig und klimastabilisierend geschehen – eine Art Quadratur des Kreises. (Foto: Goldengreenbird/Wikimedia Commons)

Zu einem nichtoffiziellen Treffen kamen am Montag auf der Klimakonferenz COP 24 in Katowice mehrere Industriestaaten zusammen. Sie hatten etwas zu feiern. Die Rede ist von der High Ambition Coalition, einem informellen Zusammenschluss fortschrittlicher Industrieländer aus Europa und einiger Schwellenländer wie Mexiko sowie der kleinen Inselstaaten.

Diese Koalition hatte maßgeblich dazu beigetragen, dass das 1,5-Grad-Ziel überhaupt im Paris-Abkommen steht und der Weltklimarat den dazugehörigen Bericht schreiben ließ. In den zwei Monaten seit seinem Erscheinen ist der IPCC-Sonderbericht zum eigentlichen Referenzrahmen der internationalen Klimapolitik geworden, wie der Chef des Schweizer Bundesamtes für Umwelt, Marc Chardonnens, beobachtet hat: "Der IPCC-Bericht wirkte als stille Macht hinter den Statements der Minister."

Lange Zeit galt das Zwei-Grad-Ziel als ultimativer Referenzpunkt in den Klimaverhandlungen. Nun ist es das viel anspruchsvollere 1,5-Grad-Ziel – es ist nötig, damit viele Inselstaaten weiterbestehen können und zumindest ein Teil der Korallenriffe erhalten bleibt.

Als in Katowice aber eine Entscheidung anstand, den Bericht in einer offiziellen Erklärung zu "begrüßen", kam es zum Knall: Die Ölnationen stellten sich quer und erklärten sich allerhöchstens bereit, den Sonderbericht "zur Kenntnis zu nehmen".

Im Grunde sei sein Land gar nicht gegen den 1,5-Grad-Bericht, erklärte Alexej Kokorin vom WWF Russland. Ihn aber zur Arbeitsgrundlage für den weltweiten Klimaschutz aufzuwerten sei realitätsfern, schließlich steuere die Welt derzeit eine Erderwärmung von drei Grad an. Möglicherweise stecke hinter der Ablehnung ganz einfach "Taktik und weniger Strategie", vermutet Christoph Bals von Germanwatch.

Boden wird immer mehr zur knappen Ressource

Allerdings bleibt die Frage, wie realistisch es überhaupt noch ist, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Die ganze Größe dieser Aufgabe machten am Dienstag auf dem Klimagipfel Elmar Kriegler und Johan Rockström vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung klar, eingeladen von der Global Environment Facility (GEF).

Im Grunde müssten die globalen CO2-Emissionen bis 2030 um 45 Prozent sinken. Das sei, so Kriegler, "sehr, sehr ehrgeizig". Denn tatsächlich bewegten wir uns mit den derzeit versprochenen Klimaplänen der Staaten gerade mal auf eine Drei-Grad-Welt zu.

Auch wenn Kriegler einen gewissen "Overshoot" bei den Emissionen für tolerierbar hält – ein vorübergehendes Zuviel an Treibhausgasen in der Atmosphäre, das später durch "negative Emissionen" wieder ausgeglichen werden muss –, würde ein Verfehlen des Ziels nicht nur hunderte Millionen Menschen in Armut stürzen, sondern voraussichtlich irreversible Entwicklungen beim Meerespiegel und anderen Klimafaktoren anstoßen.

Bioenergie will "maßvoll" wachsen

Das 1,5-Grad-Ziel trieb in Katowice auch die Bioenergie-Branche um. Deren Anteil am weltweiten Energieverbrauch liegt seit Jahren laut der World Bioenergy Association bei 13 Prozent. Derzeit stellt sogenannte Bioenergie drei Prozent der weltweiten Verkehrs-Energie, das entspricht 80 Millionen Tonnen Erdöl, knapp zwei Prozent der globalen Ölförderung.

 
Diese irgendwie ersetzen zu wollen, den Anspruch hegt die Branche logischerweise nicht. Heinz Kopetz, Ex-Präsident der World Bioenergy Association, wäre schon mit einem "maßvollen" Wachstum in den nächsten Jahren zufrieden. So könne man "aus dem Stand" den Bioenergie-Anteil in den Kraftstoffen in Europa von derzeit fünf auf zehn Prozent erhöhen – und zwar mit Rohstoffen aus Europa selbst, wie er betont.

 

Wie die Zukunft des Agrosprits aussieht, wenn genügend überschüssiger Ökostrom da ist, um synthetische Kraftstoffe herzustellen, ist für Kopetz offen. Mit Ökostrom Treibstoffe zu erzeugen, ist für ihn noch Utopie. "Im Moment haben wir in Europa noch 70 Prozent Strom aus Kohle und Atom. Wir müssen erstmal den Strom erneuerbar erzeugen, bevor wir Treibstoffe auf dieser Basis herstellen", sagte Kopetz gegenüber Klimareporter°.

Auch wenn Kriegler und Rockström betonten, dass alle Bereiche so grundlegend wie nachhaltig umgebaut werden müssen, so schälen sich doch drei zentrale Felder heraus: Umbau des Energiesystems, völlige Änderung der Landnutzung sowie eine nachhaltige Urbanisierung.

Gerade die Nutzung der Landfläche scheint mehr und mehr zum Ringen um eine knappe Ressource zu werden. In Zukunft kommen allerhand Ansprüche auf das knappe Gut Boden zusammen: Versorgung mit Nahrung, Tierfutter, (Textil-)Fasern, Bioenergie, die Rolle als CO2-Senke, für Biodiversität und noch andere Aufgaben für das Ökosystem.

Wie das alles zusammengehen soll, ist unklar. Die Debatten darüber stehen erst am Anfang. Für Perus Umweltministerin Fabiola Muñoz geht es zunächst einmal darum, wie sie auf dem GEF-Podium erklärte, die anhaltende Entwaldung ihres Landes zu stoppen. Für Muñoz müssen dafür alle zu einer Zusammenarbeit finden: die privaten Firmen, die Regierung, die Indigenen des Landes und die Nichtregierungsorganisationen.

Raphael Edou, Stadtrat von Cotonou, dem Regierungssitz Benins, erläuterte auf der Veranstaltung den Klimaschutzplan, mit dem die Stadt zum Beispiel das Müllproblem in den Griff bekommen will. Wie Muñoz muss auch Edou angesichts der desolaten Lage der öffentlichen Haushalte auf Public-Private-Partnership setzen. Wenn man ein Problem habe, schaue man, ob man einen Investor finde und wie man dann daraus ein Geschäft machen kann, schilderte Edou realitätsnah die Lage.

Rockström möchte seinerseits die Geschäftspolitik generell in Richtung Nachhaltigkeit ändern. Was auf lokaler Ebene mitunter schon ganz gut zu funktionieren scheint – Politik, Unternehmen und die Zivilgesellschaft zusammenzubringen –, läuft auf weltweiter Ebene noch gar nicht. Rockström wetterte auf dem Panel gegen das "lineare" Wachstumsdenken der globalen Ökonomie und forderte, damit zu brechen, indem man sie, so sein Bild, in einen Kreis "umbiegt".

Alle Beiträge zur Klimakonferenz COP 24 in Polen finden Sie in unserem Katowice-Dossier

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