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Ja, Thunberg hat nicht "bitte" gesagt

Seit zwei Wochen polarisiert Greta Thunbergs Rede auf dem New Yorker Klimagipfel: Hat der emotionale Auftritt der 16-Jährigen etwa nicht auf das Konferenzparkett gepasst? Das ist angesichts des politischen Versagens in der Klimakrise eine zynische Debatte.


Greta Thunberg vor grauer Wand
"How dare you": Greta Thunbergs Rede in New York hält sich seit zwei Wochen in der medialen Debatte. (Foto: Anders Hellberg/​Wikimedia Commons)

Der Welt ist ein Satz unter die Haut gegangen. "How dare you", sagte Greta Thunberg an die Staatenlenker der Welt gerichtet, die sich in New York zu einem Klima-Sondergipfel getroffen hatten. "Wie können Sie es wagen?"

Aus der 16-jährigen Klimaaktivistin sprachen Trauer, Wut, Entrüstung – rohe Emotionen, wie sie das politische Parkett nicht oft erlebt. Dass Thunberg deshalb mal wieder ein Gewitter aus scharfer, teils persönlicher Kritik erlebt, zeigt umso mehr, wie nötig die rhetorische Intervention war. Wann soll denn die Zeit gekommen sein, aus der Etikette zu fallen?

Die Welt ist dabei, ihr Ziel zu verfehlen, die Erderhitzung bei 1,5 Grad gegenüber vorindustriellem Niveau zu stoppen. Dazu haben sich die Regierungen mit dem Paris-Abkommen eigentlich verpflichtet.

Zwar steht in dem Vertrag auch das Zwei-Grad-Ziel wie eine Art doppelter Boden. Dass der nur eingebildet ist, wissen wir aber, seit der Weltklimarat im Auftrag der Pariser Vertragsstaaten untersucht hat, was das halbe Grad für einen Unterschied macht. Zwischen 1,5 und zwei Grad liegt das Potenzial für irreversible und unkontrollierbare Veränderungen im Klimasystem.

Was wäre nötig, um nicht über 1,5 Grad zu kommen? Ein Forschungsteam um Joeri Rogelj von der britischen Universität Imperial College hat vor Kurzem die Menge an Kohlendioxid ermittelt, die dafür höchstens noch in die Atmosphäre gelangen darf.

Unglaublich wenig Zeit

Wenn wir als Menschheit weiter so wirtschaften wie bisher, also jährlich mehr als 40 Milliarden Tonnen Kohlendioxid freisetzen, reicht das Budget noch sechs Jahre. Wenn wir dann sofort aufhören würden, irgendwelche CO2-Emissionen zu verursachen, hätten wir eine Chance von zwei Dritteln, die 1,5-Grad-Marke nicht zu reißen.

Der Übergang zur Klimaneutralität ließe sich natürlich weniger hart gestalten, indem ab sofort kontinuierlich Treibhausgase eingespart werden. Dann würde das Budget etwas länger reichen, nämlich bis Ende 2030.

Aber Achtung: Das gilt für die gesamte Menschheit. Im Paris-Abkommen hat man sich darauf geeinigt, dass Fairness berücksichtigt werden muss. Länder, die besonders gegen Armut zu kämpfen haben, sollen mehr Zeit bekommen als andere. Das bedeutet, dass reiche Länder wie Deutschland eine noch steilere Kurve hinbekommen müssen.

Selbst wenn man sich mit einer Fifty-fifty-Wahrscheinlichkeit zufriedengibt, das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, muss man sich mittlerweile wahnsinnig beeilen. Geht man wieder von einer linearen Absenkung der Emissionen aus, wäre nach Rogeljs Budget-Rechnung noch bis Ende 2038 Zeit, um die Menschheit klimaneutral zu machen.

Susanne Schwarz ist Redakteurin bei Klimareporter°.

Als politische Handlungsanweisung ist die Logik der CO2-Budgets umstritten. Schließlich geht es dabei um angeblich noch erlaubte Treibhausgasemissionen – statt um die logische Konsequenz, dass die fossile Energiegewinnung beendet werden muss.

Wie man auch rechnet und schaut, klar ist in jedem Fall: Die Bundesregierung, die Deutschland erst im Jahr 2050 klimaneutral machen will, hat das 1,5-Grad-Ziel mehr oder weniger offen aufgegeben. In anderen Industrieländern sieht es nicht besser aus. Soll Greta Thunberg da vor ihrer Forderung nach einer Zukunft erst das Zauberwort aufsagen?

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