"Signifikante Lücke"

Die erste Bestandsaufnahme nach dem Pariser Klimaabkommen ging heute zu Ende. Geschwindigkeit und Ausmaß des Klimaschutzes der Staaten reichten bei Weitem nicht aus, heißt es im Enddokument des sogenannten Talanoa-Dialogs.


Talanoa
Eine Talanoa-Runde auf der Weltklimakonferenz. (Foto: Kiara Worth/​IISD/​ENB)

Die Weltgemeinschaft hat auf der UN-Klimakonferenz in Katowice ihre erste Bestandsaufnahme nach dem Pariser Klimagipfel beendet. Am Mittwochabend wurde eine Erklärung veröffentlicht, der zufolge die Geschwindigkeit und das Ausmaß des bisherigen Klimaschutz nicht ausreichen, um die Erderwärmung auf höchstens zwei Grad und möglichst auf 1,5 Grad zu begrenzen. Es gebe "eine signifikante Lücke" zwischen Maßnahmen und Zielen.

"Das Fenster zum Handeln schließt sich schnell – wir müssen mehr tun und wir müssen es jetzt tun", heißt es in dem Text, den der Präsident des Klimagipfels Michał Kurtyka aus Polen zusammen mit dem Präsidenten des Vorjahresgipfels, Voreqe Bainimarama aus Fidschi, aufgesetzt hatte.

Bezug auf 1,5-Grad-Bericht

Das Dokument mit dem Titel "Talanoa Call for Action" bezieht sich auch auf den 1,5-Grad-Bericht des Weltklimarates IPCC, ohne ihn aber zu bewerten. Zuvor hatte es eine heftige Auseinandersetzung gegeben, ob der Bericht "begrüßt" oder nur "zur Kenntnis genommen werden soll". Für Letzteres hatten die Ölnationen USA, Russland, Saudi-Arabien und Kuweit plädiert, für Ersteres die afrikanischen Staaten, die EU, die Inselstaaten und Kanada.

Das Talanoa-Papier soll ein Stimmungsbild geben, wo die Welt im Kampf gegen den Klimawandel steht. Ein Jahr lang hatten sich Verhandler aller Länder in dem besonderen Format ausgetauscht.

"Talanoa" ist ein Begriff von den Fidschi-Inseln für "sich unterhalten". Es steht für eine Gesprächsmethode, um Konflikte zu lösen. Dabei gelten bestimmte Regeln: Die Beteiligten sollen im Beisein eines Moderators Geschichten über sich erzählen, die ihre Wahrnehmung des Problems illustrieren – unverblümt und ohne Anschuldigungen. Gleichzeitig sollen sie einander respektvoll zuhören. Unehrlichkeit und Hinterlist werden mit Ausschluss sanktioniert. Das soll Vertrauen zwischen den Streitparteien aufbauen und ihnen die Perspektive des jeweils anderen begreiflich machen.

Auf Pazifik-Inseln wie Fidschi ist Talanoa Alltag. Die Strategie wird angewandt, wenn sich Firmenchefs und Angestellte streiten, wenn Dorfbewohner sich über jugendliche Rowdys beschweren – aber auch bei echten Staatskrisen.

Abschlussdokument soll nur "zur Kenntnis genommen" werden

Internationale Talanoa-Sitzungen starteten im Mai, manche Länder haben die Dialogform sogar für sich selbst ausprobiert. Die "politische Phase" des Dialogs begann am gestrigen Dienstag in Katowice. Vertreter der Staaten kamen zusammen, für Deutschland Bundesumweltministerin Svenja Schulze. Außerdem gibt es ein Online-Portal, auf dem auch Einzelpersonen Beiträge hochladen können.

Eine allzu große Rolle dürfte der Bericht allerdings kaum spielen, was die anstehende Überprüfung der nationalen Klimaverpflichtungen angeht. Denn konkrete Vorgaben für die Staaten, ihre nationalen Klimapläne zu verschärfen, entwachsen aus dem Papier nicht. Die Länder "können den Text zur Kenntnis nehmen", heißt es in dem Dokument selbst.

Für wichtiger als das Abschlussdokument hält Eliza Northrop von der US-Denkfabrik World Resources Institute die Talanoa-Gespräche an sich. "Normalerweise stehen Redner auf der Klimakonferenz hinter einem Mikro und einem Schild mit dem Organisationsnamen", so die Expertin im Interview mit Klimareporter°. "Es gibt bekannte Konfliktlinien und Allianzen. Diese festgefahrenen Strukturen hat der Dialog aufgebrochen."

Den einjährigen Talanoa-Dialog sieht Northrop als "historischen Prozess, der Unternehmen, Städten und der Zivilgesellschaft die Gelegenheit gegeben hat, mit den Regierungen an einem Tisch zu sitzen".

Klimawissenschaft soll "vorbehaltlos" anerkannt werden

Auch Rixa Schwarz von der Entwicklungsorganisation Germanwatch betont, wie wichtig es gewesen sei, die herkömmlichen und oft starren Verhandlungsprozesse einmal zu verlassen. "Hier war ein anderes Setting nötig", sagt sie. "Talanoa hat ein sehr viel besseres Verständnis für die Klimakrise unter allen Ländern vermittelt."

Umweltverbände erhoffen sich von dem Dokument nun Rückenwind und sehen in ihm einen "Impuls". "Es geht darum, eine Dynamik aufzubauen, um bis 2020 eine Ambitionswelle zu schaffen", sagt Joachim Fünfgelt von Brot für die Welt. Die Erwähnung des 1,5-Grad-Berichts und der nötigen Klimaanstrengung vor 2020 sowie das Bekenntnis zur globalen Gerechtigkeit im Papier begrüßt er ausdrücklich.

"Gemeinsam müssen wir die Schwere der Herausforderung anerkennen, die vor uns liegt", sagte der Premierminister von Fidschi, Voreqe Bainimarama, der den Talanoa-Dialog ins Leben gerufen hatte. Er wies auf die Forderung im IPCC-Bericht hin, dass die Staaten ihre Klimaschutzanstrengungen verfünffachen müssten, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen.

Bainimarama forderte, den Rat der Wissenschaft "vorbehaltlos zu akzeptieren" und bis 2050 die weltweiten Emissionen auf netto null zu drücken – was im Talanoa-Abschlussdokument nicht auftaucht.

Alle Beiträge zur Klimakonferenz COP 24 in Polen finden Sie in unserem Katowice-Dossier

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