Wälder schützen heißt Landrechte verteidigen

Der Kampf um den Amazonaswald ist ein Kampf um das Leben heutiger und künftiger Generationen. Kleinbäuerliche Gemeinschaften schützen die Ökosysteme mit ihrer gesamten Lebensweise. Kein Geld und keine Arbeitsplätze können die Zerstörung der Natur für Erdöl oder Palmöl wiedergutmachen.


Portrait Jani Silva
Für den Schutz ihrer Heimat Putumayo, einer Amazonas-Region, riskiert die Umwelt- und Friedensaktivistin Jani Silva ihr Leben. (Foto: Nubia Acosta)

Mein Name ist Jani Silva und ich bin eine Campesina, eine Kleinbäuerin, aus Kolumbien. Ich bin 57 Jahre alt und lebe in dem Reservatsgebiet La Perla Amazónica im südlichen Departamento Putumayo.

Schon als kleines Mädchen habe ich immer nach meinen Überzeugungen gehandelt und mich für meine Ansichten starkgemacht. Deshalb setze ich mich heute für den Schutz der Amazonasregion und ihrer Biodiversität ein.

Wegen meines Einsatzes für den Schutz unserer Siedlungsgebiete, der Umwelt und unserer Lebensweise werde ich mit dem Tod bedroht. Die bewaffneten Gruppen in der Region wollen unsere Anbaupflanzen, unseren Lebensraum und unsere Gemeinschaft kontrollieren.

Hier werden Ölbohrungen durchgeführt, die sich auf unser Land auswirken, biologische Korridore zum Schutz amazonischer Tierarten zerstören und unsere Lebensweise als Campesinos bereits dramatisch verändert haben.

Trotz aller Hindernisse und Schwierigkeiten sind wir überzeugt, dass unser Kampf wichtig und notwendig ist. Die Menschheit muss verstehen, dass wir, das Leben und das Wasser untrennbar sind. Dass der Kampf um den Schutz der Amazonasregion ein Kampf um das Leben heutiger und künftiger Generationen ist.

Wir, die Campesinos, sind Amazonien. Unser Lebensraum ist alles, was wir haben, und alles, was wir sind. Hier verbringen wir unser Leben, ziehen unsere Kinder groß und sehen unsere Enkelkinder aufwachsen. Wir kämpfen darum, hier bleiben zu können. Wir verteidigen das Leben, wir verteidigen ein Ökosystem, wir verteidigen unsere Geschichte und unsere Kultur als Campesinos.

Wir tragen eine riesige Verantwortung, da alle Menschen den Sauerstoff atmen, den unsere Wälder und Feuchtgebiete produzieren. Die Bedrohung unseres Lebensraums richtet sich nicht nur gegen unsere Gemeinschaft, sondern gegen die ganze Welt, gegen das Wasser, die Bäume und alle vom Aussterben bedrohten Tierarten. Wir dürfen nicht nur an unser eigenes Land denken, wir müssen auch an andere Länder denken und an alle, die uns brauchen. Alle Ökosysteme sind wichtig, denn gemeinsam machen sie das Ganze aus, das zum Schutz des Lebens auf der Erde nötig ist.

Unser gemeinsames Zuhause, die Gemeingüter, die Umwelt – dies gehört uns allen. Deshalb bin ich der Ansicht, dass wir uns alle für die Verteidigung der Landrechte stark machen sollten. Wir müssen allen klarmachen, dass das, was wir haben, für das Leben auf dem gesamten Planeten unverzichtbar ist. Es darf nicht zerstört oder verseucht werden. Deshalb sollte es nicht nur eine Gruppe von Aktivist:innen geben, sondern eine ganze Welt von Aktivist:innen – denn nur gemeinsam können wir das Leben aller verteidigen.

Die größten Hürden sind Gier und Apathie. Wir können hier nicht einfach alles dem Erdboden gleichmachen und weiter überall Ölpalm- und Reisplantagen anlegen. Unser Boden ist sehr artenreich und darf nicht mit Monokulturen bepflanzt werden. Wir wollen die Pflanzenvielfalt und Biodiversität erhalten, die hier schon immer existiert. Als Campesinos müssen wir diesen Lebenszyklus aufrechterhalten und den Wald wiederherstellen, die Natur respektieren und das Wasser sauber halten.

Kein sauberes Trinkwasser mehr

Wir überlegen jeden Tag, wie wir die Bedingungen für unsere Gemeinschaft verbessern können. Wir bleiben nachts wach und denken darüber nach, wie wir im besten Interesse aller handeln können. Wie wir gegen die Wirtschaftsinteressen ankämpfen können, die uns bedrohen, darunter auch Interessen, die von einer Regierung unterstützt werden, die uns vergessen hat und einfach unser Siedlungsgebiet zur Ausbeutung freigegeben hat.

Der Schaden an der Natur kann mit Geld nicht wiedergutgemacht werden. Auch nicht mit Arbeitsplätzen. Sondern nur mit wahrem Respekt gegenüber der Natur. Ich bin davon überzeugt, dass Veränderungen möglich sind. Aber wir müssen für sie kämpfen.

Jani Silva

ist Menschen­rechts­aktivistin bei der Nicht­regierungs­organisation Asociación para el Desarrollo Integral Sostenible de la Perla Amazónica (Adispa). Die Organisation setzt sich im südwestlichen Kolumbien für Frieden und Umwelt­schutz ein.

 

Bewaffnete Gruppen haben die Aktivistin in der Vergangenheit schon mehrfach mit dem Tode bedroht. Der Fall von Jani Silva ist Teil des Brief­marathons 2020, einer alljährlichen weltweiten Kampagne von Amnesty International. 

In Kolumbien sagt man, dass diejenigen mit Geld und Macht immer gewinnen. Doch wir werden niemals aufgeben. Wir sind zwar nicht viele, doch wir haben schon große Siege errungen. Zum Beispiel haben wir die Ölindustrie drei Jahre lang daran gehindert, sich hier noch weiter auszubreiten.

Doch jetzt hat unsere Gemeinschaft kein sauberes Trinkwasser mehr. Wir müssen Regenwasser auffangen, weil die Flüsse, die uns früher das ganze Jahr über mit Fisch und Wasser versorgt haben, mit Rückständen der Ölindustrie verseucht sind. Früher haben wir darin gebadet, doch wenn wir jetzt das Wasser berühren, verursacht es Blasen auf der Haut. Wir haben keine saubere Trinkwasserquelle mehr und viele Familien haben nicht genug Wasser, um ihren Durst zu stillen.

Ich werde derzeit wieder mit dem Tod bedroht. Es soll neue Pläne geben, mich zu ermorden und mich so für immer zum Schweigen zu bringen. Sie wollen mich mürbe machen und mir keine ruhige Minute mehr lassen. Doch das Schlimmste sind nicht die Drohungen, sondern das aufzugeben, wofür ich lebe.

Ich bin eine Campesina, ich liebe mein Land, ich liebe meine Hühner und mein Zuhause. Ich liebe es, barfuß zu laufen. Ich liebe die ländliche Umgebung und den Fluss. Der schönste Moment des Tages war für mich, aufzustehen, eine Tasse Kaffee zu trinken und mir mit meiner Familie den Sonnenaufgang anzusehen. Wegen der Drohungen, die ich erhalten habe, kann ich diese Dinge nicht mehr tun. Ich musste wegziehen. Ich kann nicht mehr in meinem ländlichen Zuhause leben und versuche, das Haus, in dem ich mich aufhalte, nicht zu verlassen.

Ein Leben in Angst, in ständiger Sorge, ist kein Leben. Ein Leben in Unterdrückung ist kein Leben. Wir alle müssen unsere Stimme erheben und wir brauchen Menschen, die sich für diejenigen starkmachen, die die Landrechte schützen. In der Zwischenzeit verteidige ich weiterhin meinen Lebensraum, meine Familie, die Zukunft meiner sieben fabelhaften Enkelkinder und das Leben selbst.

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