"Für manche Deutsche ist Energiewende Lebenssinn"

Was passiert, wenn ein Ukrainer das erste Mal einen Windpark in Deutschland besichtigt? Die Antwort: Welten treffen aufeinander. Schwer zu sagen, welche von beiden Seiten die Energiewende des jeweils anderen Landes abenteuerlicher findet.


Ein Windrad am Horizont vor der untergehenden Sonne.
Ein Windrad im Gebiet Cherson im Süden der Ukraine. (Foto: Sergij Golownjow)

An einem kalten Februartag blicke ich von einer Terrasse einer Holzmühle aus auf die 35 Windräder des Windparks Hollich Sellen im Kreis Steinfurt in Nordrhein-Westfalen. Ich bin als ukrainischer Journalist eingeladen. Auf meine Frage, wem die Windräder gehören, bekomme ich eine überraschende Antwort: ungefähr tausend Eigentümern. In Deutschland, so erklärt es unser Dolmetscher, heißt so etwas Bürgergenossenschaft. 30 Millionen der 80 Millionen Euro Investitionskosten kämen von den örtlichen Bewohnern.

In der Ukraine wäre so etwas undenkbar. Zwar verabschiedete das ukrainische Parlament im Jahr 2008 ein Gesetz zur Förderung erneuerbarer Energien. Zum Hauptprofiteur des neuen Gesetzes wurde aber letztlich ein Mann: Andrij Kljujew, der letzte Chef der Präsidialverwaltung von Wiktor Janukowytsch, der das Unternehmen Activ Solar betrieb.

Im Jahr 2014 entfielen auf Activ Solar bereits 87 Prozent der gesamten Solarstromkapazität im Land. Allzu viel ist das allerdings nicht: In der Ukraine sind die erneuerbaren Energiequellen für ganze anderthalb Prozent der Stromproduktion verantwortlich. Nicht eingerechnet große Wasserkraftwerke, die etwa sieben Prozent erzeugen.

30 Prozent Kreditzinsen für private Windradbetreiber

Überhaupt kommen Investitionen in erneuerbare Energien fast ausschließlich von Konzernen ukrainischer Oligarchen wie Rinat Achmetows DTEK, Maxim Jefimows Wind Parks of Ukraine oder Aquanova von Ihor Tynnyj.

Ich frage mich: Wie können einfache Deutsche Zehntausende von Euro in Windkraftanlagen investieren? Die Antwort, die ich zu hören bekomme, ist banal: Deutsche Banken geben ihnen dafür Kredite zu zwei Prozent Zinsen über eine Laufzeit von zehn Jahren. Nach 15 Jahren Betriebszeit treten die Windkrafträder in ihre Rentabilitätsphase ein. Weitere fünf Jahre erwirtschaften die Betreiber Gewinne.

Als die Betreiber des Windparks in Hollich erfahren, dass ein Kredit an eine Privatperson in der Ukraine schon mal mit 30 Prozent jährlich verzinst werden kann, können sie es kaum fassen.

Zwar ist die Förderung für Windenergie in der Ukraine höher als in Deutschland – neue Windräder erhalten in der Ukraine etwa zehn Cent pro Kilowattstunde, in Deutschland inzwischen im Durchschnitt unter fünf Cent. Allerdings profitieren die Windpark-Eigentümer in Deutschland 20 Jahre lang von der Förderung.

Deutschland: Energiewende als Weltanschauung

Doch die hohen Zinsen sind nicht der einzige Grund, warum ukrainische Bauern nicht in Windkraft investieren. Der Verlust ihrer kompletten Ersparnisse beim Zerfall der Sowjetunion, die betrügerischen Schneeball- und Pyramiden-Skandale der 1990er Jahre und die jüngste Welle der Banken-Insolvenzen haben die Ukrainer nachhaltig gelehrt, ihrem Staat nicht zu vertrauen.

"Was, wenn große Konzerne plötzlich beschließen würden, ihre eigenen Windparks im Kreis Steinfurt bauen zu wollen?", frage ich die Betreiber. "Könnten sie das machen?

Der Autor

Sergij Golownjow ist Chefredakteur des ukrainischen Online-Portals Business Zensor. Zuvor arbeitete er lange als Journalist für die Nachrichtenmagazine Levyj Bereg und Forbes Ukraina. Er gilt als einer der kompetentesten unabhängigen Energiejournalisten im Land und ist für seine scharfe Kritik an ukrainischen Oligarchen bekannt. (Foto: privat)

"Wir würden ihnen keine Genehmigung erteilen", antworten diese, sichtlich von der Frage überrascht.

Wechselt in Deutschland die Regierung, wird die langjährige Planung lediglich korrigiert. Sie bleibt geltendes Recht. In der Ukraine dagegen verabschiedet jede neue Regierung ihre eigene Strategie alle zwei bis drei Jahre, mit dem Ergebnis, dass viele der unzähligen Vorhaben gar nicht realisiert werden.

Die Energiewende, das lerne ich, ist in Deutschland für manche Bürger zu einem neuen Lebensinhalt geworden, einem neuen Sinn, fast einer Religion. Zu diesen Menschen gehören auch unsere Reisebegleiter von der Umweltorganisation Germanwatch: Sie fahren mit Fahrrädern oder gehen zu Fuß, um die Emissionen von Verbrennungsmotoren zu vermeiden. Sie verzichten nach Möglichkeit auf Flüge, weil diese Unmengen von Kohlendioxid in die Atmosphäre freisetzen. Sie achten darauf, dass ihre Lieferanten "grüne" Energie benutzen, und kaufen keine billige Kleidung, weil man sie schneller wegwerfen muss. So haben sie es mir erzählt.

Sie haben sogar oft eine eigene Tasse dabei, um bei einem Coffee to go auf Pappbecher zu verzichten.

Ukraine: Frierende Statisten bei der Windparkeröffnung

Je mehr ich von dem Bürgerwindpark höre, desto neugieriger werde ich. Denn das hat kaum etwas zu tun mit Windkraftanlagen in der Ukraine. Die es inzwischen durchaus gibt. Die meisten Solar- und Windparks stehen im Süden des Landes – in den Küstenregionen des Asowschen und Schwarzen Meeres. Zum einen gibt es dort mehr Sonne. Zum anderen sorgt die Nähe zu Meeren und Steppen für starken Wind. Deshalb ist die Stromerzeugung im Süden schlichtweg effizienter und profitabler.

Doch für das Stromnetz des Landes ist die Abhängigkeit von den Wetterverhältnissen in einer Region, in der sich die Erzeugungsanlagen ballen, alles andere als gut. So sorgt eine Wolkenfront über dem Chersoner Gebiet schon mal für den Ausfall von mehreren hundert Megawatt Leistung. Eine gleichmäßige Verteilung der Anlagen über das ganze Land würde das Problem lösen. Doch dafür fehlt es an finanziellen Anreizen.

Darüber hinaus sorgt die Konzentration der Stromerzeugung in einer Region zwangsläufig für ungleiche Verteilung. Während im Saporoger Gebiet im Südosten, wo die meisten Atom-, Kohle-, Wasser- und Windkraftwerke stehen, Strom im Überfluss erzeugt wird, kann er schon mal irgendwo im Gebiet Sumy 500 Kilometer weiter nördlich dringend fehlen. Genau deshalb plant der Netzbetreiber Ukrenergo eine Stromtrasse, die den stromreichen Süden mit dem Kernland verbindet.

Die Reise

Zwölf ukrainische und russische Journalisten sind im Februar 2018 nach Deutschland gereist. Ihr gemeinsames Thema: die Steinkohle. Während in Deutschland der Abschied vom schwarzen Anthrazit nun endgültig vollzogen wird, kündigt er sich im russischen Kusbass und dem ukrainischen Donbass erst allmählich an. Sinkende Rentabilität, wachsendes Bewusstsein für Umweltschutz und das Damoklesschwert des Pariser Klimaabkommens steigern das Interesse an Alternativen. Die Reise wurde von der Umweltorganisation Germanwatch organisiert und mit Mitteln des Auswärtigen Amtes unterstützt.

 

Zurück in ihrer Heimat, schrieben die Teilnehmer der Reise rund 30 Artikel über ihre eigenen Kohleregionen und über ihre Erfahrungen und Beobachtungen in Deutschland – darunter auch dieser Text, der eine gekürzte und übersetzte Version des Originals ist. Entstanden ist eine ungewohnt offene Sicht auf die deutsche Energiepolitik von außen und ein Einblick in die Gegenwart der Steinkohlereviere und der erneuerbaren Energieformen in Russland und der Ukraine.

Mit ähnlichen Problemen hat auch Deutschland zu kämpfen. Allerdings befinden sich die überschussreichen Stromerzeuger aus den erneuerbaren Energiequellen dort im Norden – entlang der Küsten von Nord- und Ostsee. Um das Energienetz ins Gleichgewicht zu bringen, soll eine Strommagistrale vom Norden in den Süden gebaut werden.

Die Eröffnung eines Windparks in der Ukraine ist etwas ganz Besonderes: Am 29. September 2017 erlebte ich die Eröffnung des 60 Millionen teuren 70-Megawatt-Windparks Nowotrojizke in der Chersoner Steppe. Das Projekt wurde von Vindkraft Ukraina realisiert, einem großen Player auf dem Energiemarkt. Das Unternehmen gehört dem schwedischen Investor Carl Sturén, einem Miteigentümer des Lebensmittelriesen Chumak.

Eine Bühne wurde aufgebaut und weiße Zelte wurden aufgespannt, in denen der Vizeenergieministerin, den Chefs staatlicher Energieagenturen sowie Parlamentsabgeordneten und lokalen Verwaltungsbeamten heiße Getränke, Wein und Champagner gereicht wurden. Offenbar hatte jemand von Letzteren beschlossen, für Öffentlichkeit zu sorgen und dafür Statisten aus der örtlichen Bevölkerung zu rekrutieren.

Während die Beamten und die Journalisten ihren Wein genossen, froren die herbeigekarrten Dorfbewohner im Wind neben der Straße. Doch als die feierlichen Reden gehalten wurden, applaudierte die Menge nach jedem Auftritt der hohen Gäste.

Die Redner sprachen darüber, wie wichtig das Projekt für das Land sei. Denn es handle sich ja um eine Investition in den Umweltschutz. Und es sei außerdem eine Investition in die regionale Wirtschaft! Dabei werden im größten Windpark des Landes in Botijewe, den die Windkraftsparte der DTEK-Holding betreibt, gerade einmal 20 Leute beschäftigt.

Ob den Applaudierenden klar war, dass sie selbst in den kommenden zwölf Jahren über ihre Stromrechnung die Millionen-Investitionen abzahlen müssen?

"Veranstaltet ihr eine große Feier, wenn ihr mal wieder ein Windrad in Betrieb nehmt?", frage ich die Betreiber des Bürgerwindparks in Deutschland.

"Natürlich, wir treffen uns, trinken Bier."

Die Dorfbewohner haben dort tatsächlich was zu feiern. Denn jedes neue Windrad steigert auch ihre Einnahmen – und nicht nur ihre Stromkosten.

In Deutschland zahlen die Bürger, in der Ukraine die Unternehmen

Dass die Deutschen viel mehr für ihren Strom bezahlen als die Ukrainer, wundert mich weniger als die Tatsache, wer für den Strom bezahlt. Diese Frage handhaben Deutschland und die Ukraine grundverschieden. Für die einfachen Haushalte kostet der Strom in Deutschland viel mehr als für die mittelständischen und großen Unternehmen.

Der Tarif für die Bevölkerung liegt bei etwa 30 Cent pro Kilowattstunde. Für einen mittleren gewerblichen Verbraucher sind es nur 17 Cent – und für die großen Unternehmen gar nur fünf Cent. Die energieintensive Industrie ist von den meisten Steuern und sonstigen Abgaben sogar befreit, um ihre Konkurrenzfähigkeit nicht zu gefährden.

In der Ukraine ist die Situation genau entgegengesetzt: Der höchste Tarif für die Haushalte liegt für eine Kilowattstunde bei fünf Eurocent. Der durchschnittliche regionale Preis für Unternehmen mit geringem Verbrauch liegt hingegen bei acht Cent.

Der niedrige Strompreis für die Bevölkerung verdankt sich in der Ukraine der staatlichen Subventionierung. In diesem Modell zahlt die Wirtschaft den Löwenanteil durch den erhöhten "Grünen Tarif". Allerdings wird früher oder später der Strompreis für die Haushalte angehoben werden müssen. Andernfalls wird sich weder die erneuerbare Energiegewinnung entwickeln noch die gesamte Wirtschaft. Auch die ukrainischen Festpreise für Strom, die eine staatliche Kommission zur Regulierung des Energiesektors festlegt, haben mit einem selbstregulierenden Energiemarkt nichts zu tun.

Bei all dem Eifer um die Dekarbonisierung der Energieproduktion beeilt sich die deutsche Regierung allerdings nicht gerade, den Braunkohlesektor einzuschränken. Braunkohle wird über Tage gefördert, ist deshalb billig und bringt den Erzeugern satte Gewinne. Insgesamt wird deshalb in Deutschland mehr Strom produziert als verbraucht. Etwa acht Prozent des erzeugten Stroms werden ins Ausland verkauft.

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