Desertec in der Gobi

China will gigantische Solar- und Windparks in der Wüste bauen. Gleichzeitig hält das Land aber an der extrem treibhausgasintensiven Kohle fest und baut weiter neue Kohlekraftwerke. Umweltexperten sehen große klimapolitische Risiken auf China zukommen.


Über einer ebenen Wüstenlandschaft mit wenigen trockenen Pflanzen braut sich am dunklen Himmel ein Sturm zusammen.
Sturm in der Wüste Gobi: Wind und Sonne gibt es hier genug. (Foto: Martin Vorel/​Libreshot)

China plant den Bau von gigantischen Solar- und Windkraftwerken in der Wüste Gobi und anderen Wüstenregionen. Insgesamt sollen dort bis 2030 Anlagen mit einer Spitzenleistung von 450.000 Megawatt entstehen.

Das ist mehr als die in der gesamten EU seit dem Jahr 2000 aufgebaute Solar- und Wind-Kapazität, die 385.000 Megawatt beträgt, und mehr als doppelt so viel, wie sämtliche Anlagen zur Stromerzeugung in Deutschland an installierter Leistung vorhalten.

Laut dem staatlichen Planungsbüro in Peking ist das Projekt Teil der Bemühungen des Landes, die erneuerbaren Energien voranzubringen und die Klimaziele zu erreichen. Allerdings hält China weiter an der Kohleverstromung fest.

Bei der Vorstellung des Plans sagte der Direktor der Nationalen Entwicklungs- und Reformkommission NDRC, He Lifeng, unlängst, China werde in den Wüstengebieten mit den 450.000 Megawatt "die größte Solar- und Windenergieerzeugungskapazität der Geschichte aufbauen".

Ende vergangenen Jahres hatte das Land rund 635.000 Megawatt dieser Öko-Energien installiert. Allein das Wüstenstrom-Projekt wird diese Kapazität um etwa 70 Prozent erhöhen. Für das gesamte Land sind bis 2030 rund 1,2 Millionen Megawatt angepeilt.

Beobachter zeigen sich beeindruckt von Pekings Plänen. Die 450.000 Megawatt seien "wirklich riesig", sagte Dimitri De Boer, China-Experte der Umweltorganisation Client Earth. "Das wäre der Löwenanteil der neu installierten Solar- und Windkraft-Kapazitäten bis 2030."

Dies werde für Chinas unterentwickelte westliche Regionen einen großen wirtschaftlichen Aufschwung bedeuten, sagte De Boer dem Onlineportal Climate Home.

Die Gobi ist eine Wüste mit 2,3 Millionen Quadratkilometern Ausdehnung, sie ist damit etwa so groß wie Grönland. Ihre Hauptflächen gehören zu China und zur Mongolei. In dem Trockengebiet gibt es viel Sonne und Wind.

Laut den Pekinger Angeben ist dort der Aufbau von etwa 100.000 Megawatt Solarkapazität bereits im Gange. Allerdings müssen auch große neue Trassen für Hochspannungsleitungen gebaut werden, um den in der Wüste erzeugten Strom in die chinesischen Siedlungs-Schwerpunkte im Osten transportieren zu können.

"Wenn es jemand kann, dann China"

Das Gobi-Projekt erinnert damit an die Desertec-Idee, die in den 2000er Jahren für Nordafrika entwickelt worden war. Hier sollten ebenfalls große Solar- und Windparks gebaut werden, um den Strom dann über Fernleitungen auch nach Europa zu transportieren. Das vor allem von deutschen Konzernen und Banken vorangetriebene Projekt wurde 2014 aufgegeben, unter anderem wegen des Aufwands und der Kosten der Übertragung.

Fachleute trauen China aber zu, die technischen Probleme zu lösen. Der britische Energieexperte Simon Nicholas sagte, das Land sei weltweit führend bei der Stromübertragung über große Entfernungen mit Ultrahochspannungs-Gleichstrom-Leitungen. "Wenn es also jemand kann, dann China", so Nicholas.

Peking plant allerdings nicht nur das gigantische Erneuerbaren-Zentrum in der Wüste. Gleichzeitig sollen auch neue Kohlekraftwerke gebaut werden, die eine stabile Grundlast-Versorgung liefern sollen, während Sonne und Wind den restlichen Energiebedarf decken. Dies sei notwendig, um den stabilen Betrieb des Netzes zu gewährleisten, argumentiert die Entwicklungskommission.

Eine schnelle Abkehr von der klimaschädlichen Kohleverstromung ist also nicht in Sicht. Chinas Vizepremier Han Zheng unterstrich das unlängst mit den Worten, man wolle an der "grundlegenden Rolle der Kohle als Garant für die Energieversorgung" festhalten. Chinas Provinz Innere Mongolei, zu der der größte Teil der Wüste Gobi gehört, ist der größte Kohleproduzent des Landes.

Chinas Energiestrategie ist entscheidend für den globalen Klimaschutz, weil das Land, in dem 22 Prozent der Weltbevölkerung leben, mit Abstand die meisten Treibhausgase ausstößt. Der chinesische Anteil liegt hier bei fast 30 Prozent. Laut Präsident Xi Jinping soll der "Peak" der Emissionen bis 2030 und Klimaneutralität bis 2060 erreicht werden.

Die dunkle Seite der chinesischen Klimastory

Bereits Mitte der 2010er Jahre hatte der CO2-Ausstoß des Landes stagniert, woraufhin viel Experten bereits eine Trendwende erhofften. Zumal China begonnen hatte, seine Photovoltaikindustrie zur weltweiten Nummer eins auszubauen – eine Position, die das Land inzwischen unangefochten hält. Die Hoffnung erfüllte sich jedoch nicht, der CO2-Ausstoß stieg erneut an, vor allem wegen der wieder zunehmenden Kohleverbrennung.

Im vergangenen Jahr kündigte Xi an, sein Land werde den Kohleverbrauch im Zeitraum bis 2025 "kontrollieren" und 2026 mit der Reduzierung des Verbrauchs beginnen. Vorige Woche hob er in einer Rede auf der jährlichen Versammlung des chinesischen Parlaments allerdings die Bedeutung dieses Energieträgers hervor.

Vor einer Delegation aus der Inneren Mongolei sagte Xi, China sei "reich an Kohle, arm an Öl und knapp an Gas" und könne sich "nicht von der Realität entfernen". Der grüne Wandel sei ein allmählicher Prozess, und China könne bei den fossilen Energieträgern "nicht einfach auf die Bremse treten".

Umweltschützer sehen die Pro-Kohle-Bekenntnisse kritisch. Li Shuo von Greenpeace Ostasien sagte: "Die Risiken, mit denen China jetzt konfrontiert ist, sind so hoch wie seit Jahren nicht mehr, und die Unsicherheiten, die sie für Chinas Klimapolitik mit sich bringen, nehmen weiter zu." Es sei offensichtlich, dass zumindest aktuell "die Vorliebe für Kohle zurückkehrt".

Die Mega-Solarpläne für die Gobi kommentierte Li so: "Das ist die positive Seite der chinesischen Klimageschichte. Die Menschen sollten sich an große Zahlen gewöhnen." Chinas Herausforderung bestehe aber darin, die Kohleseite der Geschichte zu stoppen, die in ebenso großen Zahlen wachse.

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