China baut wieder Kohlekraftwerke

Zwei Jahre lang hat die Regierung in Peking viel dafür getan, den rasanten Zubau an Kohlekraftwerken einzudämmen. Nun sind viele der eingefrorenen Projekte wieder angelaufen. Was ist der Grund für den Politikwechsel?


Kohlekraftwerk in China
Doch kein Auslaufmodell? Kohlekraftwerk in China. (Foto: Harald Groven/​Flickr)

Viele Kohlekraftwerks-Projekte, die von der chinesischen Zentralregierung gestoppt worden waren, sind offenbar in aller Stille wieder aufgenommen worden.

Eine Analyse der US-Umweltorganisation Coalswarm kommt zu dem Ergebnis, dass 46.700 Megawatt neuer Kohlekraftwerke auf Satellitenbildern des kalifornischen Unternehmens Planet Labs sichtbar sind. Die Kraftwerke erzeugen entweder schon Strom oder gehen demnächst in Betrieb. Wenn alle Anlagen arbeiten, dürfte das die Kohleverstromung in China um vier Prozent erhöhen.

Eines der größten Probleme, mit dem Chinas Kohlesektor seit 2016 zu kämpfen hatte, war zu viel Erzeugungskapazität, nicht zu wenig. Was hat sich also verändert?

Nach einer Delle zieht der Strombedarf wieder an

Chinas Strombedarf ist nach einer Flaute wieder gestiegen. Darauf deuten kürzlich veröffentlichte Wirtschaftsdaten für das erste Halbjahr 2018 hin, aber auch jüngste politische Anpassungen.

Wie der Leiter der Planungsabteilung der Nationalen Energiebehörde Li Fulong auf einer Pressekonferenz am 30. Juli erklärte, ist der Kohleverbrauch in China im ersten Halbjahr um 3,1 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gestiegen. Haupttreiber waren die Kohlekraftwerke. Die Zahlen des Nationalen Statistikamts zeigen für den gleichen Zeitraum einen Anstieg des Stromverbrauchs um 9,4 Prozent.

Inzwischen hat der Sommer in vielen Regionen zu vorübergehender Stromknappheit geführt. In den ost- und zentralchinesischen Provinzen Shandong, Henan, Hunan, Hubei und Zhejiang übertraf die Nachfrage das Angebot. In Shandong wurde der Fehlbetrag auf 3.000 Megawatt geschätzt.

Die Politik hat deshalb die Beschränkungen für die Kohlekraftwerke gelockert. Schon im Mai erlaubte die Nationale Energiebehörde den Provinzen Shaanxi, Hubei, Jiangxi und Anhui, den Bau von Kohlekraftwerken wieder aufzunehmen. Auch in vier anderen Provinzen wurden die Einschränkungen etwas gelockert.

"Eine Erholung der Stromnachfrage in der Industrie scheint die Einstellung der politischen Entscheidungsträger verändert zu haben, die jetzt größere Überkapazitäten akzeptieren", sagt Lauri Myllyvirta, Energieanalyst bei Greenpeace.

Einige der Anlagen seien fast fertiggestellt, würden aber keine Energie erzeugen und damit auch keine Einnahmen bringen, während die aufgenommenen Darlehen weiterhin zurückgezahlt werden müssen, erläutert Yuan Jiahai, Professor an der North China Electric Power University in Peking. Das habe dazu geführt, dass Unternehmen und Regionalregierungen sich für einen Politikwechsel einsetzen, da sie unter Druck stehen, ihre Projekte zum Laufen zu bringen.

Mangelhafte politische Regulierung

In den letzten zwei Jahren lag der Schwerpunkt im Kohlesektor auf der Kapazitätsreduktion, weil es Bedenken wegen der raschen Expansion des Sektors und seines Beitrags zur Luftverschmutzung gab.

Stromfressende Branchen wie der Bausektor waren zu Beginn des Jahrhunderts rasch gewachsen. Bis 2013 erlebte China zwölf Jahre lang einen rasanten Anstieg des Kohle- und Strombedarfs. Das führte zu Überinvestitionen in die Kohleverstromung im ganzen Land und schließlich zu Überkapazitäten und finanziellen Risiken.

Die blinde Expansion verschlimmerte auch die Luftverschmutzung und verursachte in einigen Regionen Wasserknappheit. Die chinesische Regierung war also aus wirtschaftlichen und ökologischen Gründen gezwungen, den Kohlesektor zu zügeln.

Im April 2016 gab Chinas Reformkommission – die wichtigste Wirtschaftsplanungsbehörde des Landes – zusammen mit der Energiebehörde eine Anweisung an die Provinzen heraus, die Kohlekapazität insgesamt zu begrenzen. Fast die Hälfte aller chinesischen Provinzen wurde aufgefordert, den Bau neuer Kohlekraftwerke zu verschieben. Im vergangenen Jahr stoppte die Energiebehörde die Arbeiten an über 100 im Bau befindlichen Anlagen.

Nachfrage steigt, Überkapazitäten bleiben

Wird der diesjährige plötzliche Anstieg der Stromnachfrage Chinas Politik der Reduzierung von Kohlekraftwerken aus den vergangenen zwei Jahren beenden?

Festzuhalten ist, dass die Politik der Kapazitätsreduzierung den Trend zu Überkapazitäten nur vorübergehend abgeschwächt hat. Die Auslastungsraten der Kohlekraftwerke haben sich 2016 von einem 50-Jahres-Tief leicht erholt, liegen aber noch immer bei rund 5.500 Stunden pro Jahr und sind damit noch nicht einmal auf das Niveau von 2015 zurückgekehrt. Mit anderen Worten: Es gibt immer noch zu viel Kohlekraft.

Laut Energie-Planungschef Li Fulong schreibt die Hälfte der chinesischen Kohlekraftwerke nach einer Erhöhung der Kohlepreise Verluste. Die Branche ist allgemein in einer schlechten Verfassung und versucht sich immer noch vom Minus-Jahr 2017 zu erholen.

Neue Kohlekapazitäten aufzubauen, nur um einige Stunden Spitzenlast abzudecken, würde nach Überzeugung von Energieforscher Yuan Jiahai die Kosten auf lange Sicht erhöhen.

"Sobald der industrielle Aufschwung an Kraft verliert, wird sich der Blick wieder auf die Überkapazitäten richten", sagt Lauri Myllyvirta von Greenpeace. "Aber im Moment scheint das kein Thema zu sein."

Der Text ist zuerst in englischer Sprache bei unserem Partnermedium China Dialogue erschienen.

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