Politik muss Ergebnisse des IPCC aufgreifen

In wenigen Tagen erscheint der Sonderbericht zum 1,5-Grad-Ziel. Der Weltklimarat hat alle wichtigen Forschungsarbeiten darüber zusammengetragen, ob und wie sich die Erderwärmung auf 1,5 Grad begrenzen lässt und wie der Klimawandel die Erde verändert. Die Politik darf die Ergebnisse nicht ignorieren und die Zusammenfassung des Berichts nicht verwässern.


Plenarsitzung des IPCC 2014 in Kopenhagen
Anfang Oktober soll der Sonderbericht zum 1,5-Grad-Ziel verabschiedet werden. (Foto: IPCC)

In der ersten Oktoberwoche treffen sich Wissenschaftler und Regierungsvertreter im südkoreanischen Incheon, um die Zusammenfassung des Sonderberichts des Weltklimarates IPCC zum 1,5-Grad-Ziel zu verabschieden. Der Startschuss zu diesem klimawissenschaftlichen Meilenstein war das Mandat der Regierungen beim Klimagipfel von Paris. Es geht vor allem um vier wichtige Fragen:

1. Wie lässt sich das 1,5-Grad-Ziel erreichen?

Der Bericht wird sich stark auf die Frage konzentrieren, was zu tun ist, um durch Emissionsreduktionen die globale Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Wie schnell, in welchen Branchen, mit welchen technologischen, politischen und Lebensstil-Lösungen und zu welchen Kosten, Risiken und Nutzen?

Ein wichtiger Schritt, der durch den IPCC-Bericht und eine kritische Auseinandersetzung mit bisherigen Szenarien angestoßen wurde, war die Entwicklung neuer Szenarien. Die Szenarien beschreiben Wege zur Einhaltung der 1,5-Grad-Grenze mit einer viel geringeren Abhängigkeit von der oft problematischen CO2-Entfernung und dem vorübergehenden Überschreiten des 1,5-Grad-Temperaturziels als in früheren Modellen.

Ein gemeinsames Merkmal dieser Szenarien ist, dass wir CO2- und andere Treibhausgasemissionen sehr, sehr schnell umfassend reduzieren müssen. Wir können damit nicht erst in zehn oder 15 Jahren beginnen, sondern müssen das jetzt tun.

Eine umfassende Verringerung der Emissionen würde die Notwendigkeit reduzieren, sich auf spekulative und potenziell riskante Technologien zur Entfernung von Kohlendioxid aus der Atmosphäre zu verlassen. Vieles davon kann mit heute bereits verfügbaren Technologien erreicht werden – vor allem durch den beschleunigten Übergang zu erneuerbaren Energiequellen.

Frühere IPCC-Debatten haben gezeigt, dass Regierungen oft versuchen, klare Aussagen zu verwässern, indem sie hervorheben, dass die Wissenschaftsorganisation kein politisch-normsetzendes Mandat hat. Wir könnten nun eine ähnliche Reaktion in Südkorea sehen. Da beispielsweise die Kohleverbrennung eine der bedeutendsten Quellen für CO2-Emissionen ist, wäre eine logische Konsequenz im Bericht, einen starken Rückgang der Kohleemissionen (bis zum Ausstieg) zu empfehlen.

Es ist dann aber die Aufgabe der politischen Entscheidungsträger, auf globaler, nationaler und lokaler Ebene, Richtlinien für die Bewältigung solcher Transformationen zu entwickeln und nicht zu versuchen, wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse zu verbergen.

Es ist auch wichtig, die Ergebnisse in Bezug auf Landwirtschaft und Landnutzung genauer zu betrachten. Organisationen wie Care setzen sich für landwirtschaftliche Praktiken ein, die ein nachhaltiges, produktives, gerechtes und widerstandsfähiges Ernährungssystem fördern, mit besonderem Schwerpunkt auf Kleinbäuerinnen und deren Familien.

Dies sind Schlüsselkriterien, die angesichts der 1,5-Grad-Grenze bei einem verstärkten Klimaschutz im Landwirtschaftsbereich Anwendungen finden sollten.

2. Was lernen wir über die Auswirkungen des Klimawandels?

Der IPCC-Bericht hat vor allem die Aufgabe, alle relevanten Forschungsarbeiten zusammenzutragen, die die unterschiedlichen Auswirkungen des Klimawandels auf verschiedene Temperaturniveaus untersuchen. Als Leitfaden soll er politischen Entscheidungsträgern und Institutionen dabei helfen, die Auswirkungen einer Begrenzung der Erwärmung auf 1,5 Grad zu verstehen.

Sven Harmeling

Zur Person

Der Geograf, Umweltökonom und Politikwissenschaftler Sven Harmeling leitet den Bereich Klimapolitik bei der Entwicklungsorganisation Care International. Seit vielen Jahren begleitet er für Nichtregierungsorganisationen die UN-Klimaverhandlungen. (Foto: CARE)

Nach bisher veröffentlichten Studien deutet vieles darauf hin, dass stark negative Klimafolgen dadurch vermieden werden könnten. Aber es wird auch wichtig sein, die Wahrheit über die katastrophalen Risiken einer Erwärmung von drei Grad oder mehr zu benennen, die angesichts der gegenwärtigen kollektiven Bemühungen im Rahmen des Pariser Klimaabkommens als realistisches Gefahrenszenario angesehen werden muss. Ein Blick auf die Unterschiede der Klimafolgen nur zwischen 1,5 Grad und zwei Grad reicht nicht aus, um ein adäquates Bild der Klimawirklichkeit zu zeichnen.

Als Reaktion auf die Risiken sind mehr Klimaschutzmaßnahmen notwendig, aber natürlich auch ein massiver Schub für Klimaanpassung und Widerstandsfähigkeit, besonders für die ärmsten und am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen, wobei viele Lösungen Synergien mit den Zielen für nachhaltige Entwicklung bieten.

Es gibt auch viele Belege dafür, dass geschlechtsspezifische Maßnahmen erforderlich sind, die der IPCC-Bericht hervorheben sollte.

3. Wie werden die Verluste und Schäden berücksichtigt?

In den vorbereitenden Diskussionen gab es einige Kontroversen darüber, wie der Sonderbericht mit dem Thema "Verluste und Schäden" (Loss and Damage) umgehen sollte.

Die Schäden und Verluste durch den Klimawandel, die trotz der Anpassungsbemühungen auftreten, haben ihren eigenen Artikel im Paris-Abkommen. Sie werden nach einem besonderen Mechanismus im Rahmen der UN-Klimakonvention behandelt und hinterlassen auch ihre Spuren in der wissenschaftlichen Literatur.

Viele gefährdete Länder werden bei ihren Bemühungen zur Verringerung dieser Klimawandel-Auswirkungen an ihre Grenzen stoßen, selbst wenn die Unterstützung durch Industrieländer massiv aufgestockt würde. Es wäre alarmierend, wenn der IPCC-Bericht diese Klimarealität ignorieren würde.

4. Ist die Welt solidarisch bei der Klimafinanzierung?

Der Sonderbericht wird auch ein Kapitel zur "Stärkung der globalen Antwort auf den Klimawandel" enthalten. Es wird interessant sein zu sehen, wie die IPCC-Synthese zu der enormen Finanzierungslücke zwischen der Unterstützung durch die Industrieländer und den Anpassungskosten der Entwicklungsländer Stellung nimmt. Auf bis zu 300 Milliarden US-Dollar bis 2030 wird diese Lücke zurzeit geschätzt.

Auch wenn eine ganze Reihe von Instrumenten benötigt wird, um Finanzmittel für nachhaltige und 1,5-Grad-kompatible Ansätze bereitzustellen, zu mobilisieren und umzuschichten: Die Finanzhilfen der Regierungen der Industrieländer spielen aufgrund ihrer Verpflichtungen im Rahmen der UN-Klimakonvention und des Paris-Abkommens weiterhin eine wichtige Rolle, sowohl in der Praxis als auch in der politischen Debatte.

Aber das IPCC hat auch eine Chance, das Potenzial innovativer Quellen aufzuzeigen, um neue und zusätzliche öffentliche Mittel zu generieren.

Dass der Bericht ignoriert wird, darf niemand hinnehmen

Insgesamt ist es wichtig, dass der Bericht auf der Tagung in Südkorea angenommen und nicht von manchen Ländern blockiert wird, um schnelle Klimaschutzmaßnahmen zu untergraben. Der Sonderbericht ist eine enorme wissenschaftliche Leistung, die eine Welle neuer wissenschaftlicher Veröffentlichungen ausgelöst und verarbeitet hat.

Der einvernehmliche Charakter der Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger hat seine Vorzüge, da er den Stand der Debatte widerspiegelt, der von allen Regierungen akzeptiert wird. Aber wir müssen uns auch über die Art der möglichen und teils schmerzhaften Kompromisse und Abschwächungen im Klaren sein, für die letztendlich in erster Linie die Regierungen verantwortlich zu machen sind.

Deshalb sind gerade auch die zugrunde liegenden wissenschaftlichen Kapitel von hohem Wert und liefern Regierungen und allen anderen viel mehr wertvolle Informationen als die Zusammenfassung allein. Die Ergebnisse des Berichts zu ignorieren und einen desaströsen Business-as-usual-Pfad weiterzugehen kann jedenfalls nirgendwo akzeptiert und hingenommen werden.

Bei der kommenden UN-Klimakonferenz COP 24 in Katowice im Dezember sollte die Staatengemeinschaft beschließen, die nationalen Klimapläne bis 2020 nachzubessern. Und die Erkenntnisse des IPCC müssen auch ihren Widerhall in der deutschen Politik finden, angesichts der Vielzahl an klimapolitischen Versäumnissen.

Unterstützen Sie
unabhängigen Journalismus!

Klimareporter wird herausgegeben vom Klimawissen e.V. Ihre Spende macht unabhängigen Journalismus zu Energiewende und Klimawandel möglich. 

Spenden Sie hier