Anzeige
naturstrom.de – weil es beim Klimawandel um alles geht

1,5-Grad-Ziel erfordert Abschied von der Kohle

Die Erderwärmung kann auf 1,5 Grad begrenzt werden. Doch dafür ist ein weltweiter Kohleausstieg nötig, zeigt ein neues Papier des Weltklimarats IPCC, das nun an die Öffentlichkeit gelangte.


Hier ist das Kohlekraftwerk Waukegan in Illinois, USA, zu sehen
Auslaufmodell Kohle: Hier das Kraftwerk Waukegan in Illinois (USA). (Foto: Cheepshot/Flickr)

Mit dem Kohleausstieg tut Deutschland sich schwer, um es vorsichtig zu formulieren. Trotz Energiewende verschleppt die Bundesregierung seit Jahren die Entscheidung, wann und wie der überfällige Abschied von der Kohle vonstattengehen soll.

Auch die neue große Koalition macht mit dem gemächlichen Tempo weiter. Sie packt das Thema nicht direkt an, stattdessen soll eine Kommission die Brocken aus dem Weg räumen, die der Politik offenbar zu heikel sind. Selbst bei deren Einsetzung kam es wegen koalitionsinterner Streitigkeiten zu neuen Verzögerungen.

Formal ist das personell aufgeblähte und mit einem wenig konkreten Mandat ausgestattete Gremium zwar inzwischen eingesetzt worden. Wann die Kohlekommission ihre Arbeit aufnehmen wird, das ist jedoch nach wie vor unklar.

Dass dieser sehr großzügige Umgang mit Zeit nicht auf der Höhe der realen Probleme ist, zeigt nun ein geleaktes Papier des Weltklimarats IPCC zum 1,5-Grad-Ziel, das der Nachrichtenagentur Reuters vorliegt.

Demnach ist ein "schnelles und weitreichendes" ("rapid and far-reaching") Handeln erforderlich, wenn die Erderwärmung auf 1,5 Grad begrenzt und damit ein katastrophaler Klimawandel verhindert werden soll. Auf dieses Ziel hat sich die Staatengemeinschaft 2015 im Pariser Klimaabkommen verständigt.

Der IPCC prüft derzeit, welche Möglichkeiten zur Verfügung stehen und welchen Maßnahmen erforderlich wären, um dieses Ziel noch zu schaffen. Der Sonderbericht zum 1,5-Grad-Ziel soll im Herbst dieses Jahres vorliegen.

Bei dem durchgestochenen Papier handelt es sich um die neueste Version der "Zusammenfassung für Entscheidungsträger". Sie wird seit Anfang des Monats zum zweiten und letzten Mal der sogenannten Government Review unterzogen. Die Regierungen dürfen dabei Feedback geben, ohne jedoch die wissenschaftlichen Inhalte der zugrundeliegenden Berichte zu verändern.

Bereits Anfang des Jahres war eine frühere Version durchgesickert. Die neue Version ist "robuster", rund 25.000 Kommentare von Forschern wurden eingearbeitet. Und das Papier macht auch deutlich, was die Staaten der Welt für das 1,5-Grad-Ziel tun müssen.

Eine der wichtigsten Punkte: eine beschleunigte Energiewende. Die Nutzung erneuerbarer Energien – einschließlich Wasserkraft – müsste demnach zwischen 2020 und 2050 um 60 Prozent steigen. Zur Jahrhundertmitte müsste der Anteil der Ökoenergien bei 49 bis 67 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs liegen.

Gleichzeitig müsste die Nutzung der Kohle um zwei Drittel sinken. Der Kohleausstieg ist laut IPCC-Papier also eine Notwendigkeit, um die Pariser Klimaziele einhalten zu können.

Auch im Verkehrssektor sind demnach große Veränderungen erforderlich. Die Emissionen, die bislang noch steigen, müssen rapide sinken. Zudem muss die Landwirtschaft klimafreundlich gestaltet und die globale Entwaldung gestoppt werden. Großflächige Aufforstungsmaßnahmen sind eine weitere Empfehlung des IPCC-Papiers. Geoengineering, wie etwa das Versprühen von Chemikalien in der Atmosphäre, lehnt der Bericht hingegen ab.

"Das ist der Weckruf"

Werden die empfohlenen Maßnahmen rasch und umfassend eingeleitet, kann das 1,5-Grad-Ziel noch erreicht werden, sagen die Wissenschaftler. In der Januar-Version klang das noch etwas pessimistischer.

Allerdings muss der Ausstoß von Treibhausgasen dann auch tatsächlich schon bald deutlich sinken. Geschieht dies nicht, wird – bei der jetzigen Menge an jährlichen Emissionen – das 1,5-Grad-Limit schon in der 2040er Jahren überschritten.

Was das bedeuten würde, zeigt der Bericht ebenfalls auf. Bei zwei Grad Erwärmung dürften die Korallenriffe der Welt nicht zu retten sein, der Meeresspiegelanstieg wäre zehn Zentimeter höher als bei 1,5 Grad Erwärmung.

Auch das wirtschaftliche Wachstum wäre bei einem Plus von zwei Grad geringer – und zwar sowohl in den Entwicklungsländern als auch in den entwickelten Ländern. Dürren, Hitzewellen, Überflutungen würden häufiger auftreten und gravierender ausfallen als bei 1,5 Grad. Dies würde die Versorgung mit Nahrungsmitteln in vielen Gegenden der Welt kritisch werden lassen.

"Das ist der Weckruf, auf den wir reagieren müssen", meint Ann-Kathrin Schneider vom Umweltverband BUND. "Die Wissenschaft sagt uns, dass wir nur noch sehr wenig Zeit haben, um die Krise abzuwenden." Nun müsse die Politik handeln.

Auch Sven Harmeling von der Entwicklungsorganisation Care fordert mehr Entschlossenheit. "Es bedarf einer schnelleren Verringerung der CO2-Emissionen vor allem durch die Umstellung auf erneuerbare Energien, in Deutschland und weltweit", sagt Harmeling.

Am kommenden Montag, wenn in Berlin der Petersberger Klimadialog beginnt, wäre gleich eine Gelegenheit, die Botschaft des IPCC-Papiers ernst zu nehmen.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

klimareporter° wird herausgegeben vom gemeinnützigen Klimawissen e.V. Ihre Spende macht unabhängigen Journalismus zu Energiewende und Klimawandel möglich.

Spenden Sie hier