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Mehr Lebensgenuss in der autofreien Stadt

Warum Warnungen vor dem Klimawandel Handeln verhindern und was es stattdessen braucht.


Gelebte Verkehrswende: Fußgängerzone in Ulm
Gut fürs Klima und für die Gesundheit von Stadtbewohnern: Eine autofreie Straße in Ulm. (Foto: Stux/​Pixabay)
 

Warum der Klimaschutz nicht so schnell vorankommt, wie es notwendig wäre, liegt für Tatiana Herda Muñoz auf der Hand. Die Botschaften der Klimawissenschaftler kommen nicht an. Die frühere Klimaschutzmanagerin von Mainz wollte ältere Bewohner der Stadt für die energetische Sanierung ihrer Eigenheime gewinnen. Doch zur eigens organisierten Veranstaltung kam – niemand.

Als sie den Rentnerinnen und Rentnern bei einer Kaffeefahrt mit ihren Argumenten auf den Leib rücken wollte, merkte Muñoz schnell, dass die Senioren zwar gerne Kekse essen und Apfelsaft trinken, aber nichts über das Dämmen ihrer Häuser erfahren wollten.

Also hörte sich Muñoz die Sorgen der Senioren an – und merkte nach einer Weile, dass sie an den Rentnern vorbeigeredet hatte. "Erst wenn man die Menschen versteht, kann man sich Strategien ausdenken, sie zum Klimaschutz zu bewegen", sagt Muñoz heute, inzwischen als Ortsvorsteherin von Mainz-Hechtsheim tätig.

Je mehr sie den Leuten zuhörte, desto mehr wurde Muñoz klar, dass sie es anders machen musste. So versuchte sie es bei den Mitgliedern eines Fastnachtsvereins, die ihr anfangs noch kritisch begegneten. Aber dass sich ein Karnevalsumzug besser in einer Fußgängerzone durchführen lässt, überzeugte auch die Vereinsmitglieder, die nun gemeinsam mit ihr für eine autofreie Straße trommeln.

Fakten reichen nicht aus

Welche Kommunikation es braucht, damit Gesellschaften engagiert gegen den Klimawandel vorgehen, fragt sich auch Marie-Luise Beck vom Deutschen Klima-Konsortium. Die Wissenschaft solle zwar weiter Klima-Projektionen vorlegen und den Anteil des Klimawandels am Extremwetter berechnen, aber Informationen und Fakten allein reichten nicht aus. "Wir können nicht bei der Beschreibung der Wetterphänomene stehen bleiben", sagt Beck. Es brauche eine andere Breite und eine andere Sprechfähigkeit als bislang.

Mike Schäfer, Professor für Wissenschaftskommunikation an der Universität Zürich, kann das bestätigen. "Ein großer Teil der Klimawandel-Kommunikation konzentriert sich auf mögliche negative Folgen wie extreme Wettereignisse, steigende Meeresspiegel, Verlust an Biodiversität und Ähnliches", sagt Schäfer. Eine entsprechende Berichterstattung bringe zwar Aufmerksamkeit, aber sie lähme auch viele Menschen, die das Gefühl hätten, den übermächtigen Naturgewalten nichts entgegensetzen zu können.

Klima-Kommunikations-Kongress

Ab Dienstag wollen deshalb rund 500 Wissenschaftler aus Natur- und Geisteswissenschaften mit Klimaschutz- und Kommunikations-Praktikern auf einem Kongress in Karlsruhe darüber diskutieren, wie über Klima und Klimaschutz gesprochen und geschrieben werden kann, damit die notwendigen Verhaltensänderungen in der Gesellschaft möglich werden, um den Ausstoß an Treibhausgasen massiv zu verringern und die Erhitzung des Planeten zu stoppen.

Die Berichterstattung übers Klima hat in den vergangenen ein, zwei Jahren merklich zugenommen. Einer der Gründe dürften die häufigeren Wetterextreme sein wie etwa der Hitzesommer 2018. Aber auch die Fridays-for-Future-Proteste – inspiriert vom Schulstreik der 16-jährigen Schwedin Greta Thunberg – haben die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Klimakrise gelenkt.

Die vielen guten Seiten sichtbar machen

Warum die Jugendbewegung so erfolgreich dabei ist, liegt für den Soziologen Harald Welzer auf der Hand. "Fridays for Future hat dem Klima-Thema eine weitere Dimension hinzugefügt", sagt Welzer, der auch an dem zweitägigen Klimakommunikations-Kongress teilnehmen wird.

Die Bewegung stelle die Gerechtigkeit für junge und kommende Generationen in den Vordergrund – und der soziale Aspekt spreche mehr Menschen an. Doch nun sei eine tief greifende Transformation der Gesellschaft erforderlich, die mit der bisherigen Kommunikation nicht gelingen könne.

Bisher, so sieht es Welzer, haben sich die Botschaften der Klimawissenschaftler zu sehr an den eigenen Maßstäben orientiert. Was ihnen selbst einleuchte, müsse aber nicht bei anderen verfangen. Ähnlich argumentiert auch die klassische Reklametheorie: "Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler."

Covering Climate Now

Klimareporter° beteiligt sich wie rund 250 andere Zeitungen und (Online-) Magazine weltweit an der Initiative "Covering Climate Now". Die teilnehmenden Medien verpflichten sich, vor allem in der Woche vor dem New Yorker UN-Klimagipfel am 23. September über die Klimakrise zu berichten. Wir freuen uns über die Bewegung in der Medienlandschaft. Klimaschutz braucht guten und kritischen Journalismus.

Den negativen Botschaften will Welzer deshalb konkrete Bilder und Entwürfe der Zukunft entgegensetzen. "Eine autofreie Stadt ist auch dann gut, wenn es keinen Klimawandel gäbe", nennt Welzer ein Beispiel.

Auch Kommunikationsforscher Schäfer von der Uni Zürich wirbt dafür, stärker auf die positiven Folgen des Klimaschutzes hinzuweisen. Anstatt immer nur von den Kosten zu sprechen, sollten die möglichen Gewinne in den Vordergrund rücken. "Und das so konkret wie möglich", sagt Schäfer.

Er empfiehlt, von einer "gesünderen, weniger gefährlichen Lebenswelt für uns und unsere Kinder" zu sprechen oder von "weniger Hitzeperioden in unserer Stadt".

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