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Krankheitsbeschleuniger Klimawandel

Bei steigenden Temperaturen treten tropische Mücken und Zecken auch hierzulande auf und übertragen Infektionskrankheiten. Das Risiko, das die Klimakrise für die menschliche Gesundheit birgt, ist aber noch viel größer.


Die Asiatische Tigermücke breitet sich seit 15 Jahren im Südwesten Deutschlands aus. Zuerst tauchten nur einzelne Exemplare auf, die durch Lkws und Güterzüge vor allem aus Italien eingeschleppt wurden. Mittlerweile finden Forscher:innen aber auch zunehmend Larven und Eier von Aedes albopictus.

Das ist ein Zeichen dafür, dass die exotische Stechmückenart, die als potenzielle Überträgerin von Krankheiten wie Denguefieber, Zika oder Chikungunya gilt, sich hierzulande reproduzieren kann und sogar Kältephasen problemlos übersteht. "Eine Etablierung der Asiatischen Tigermücke ist auch großflächig in Deutschland möglich", resümiert eine Studie des Umweltbundesamtes von 2020.

Der Japanische Buschmoskito Aedes japonicus, der Krankheitserreger wie das West-Nil-Virus und verschiedene Arten von Enzephalitis-Viren übertragen kann, hat sich demnach bereits flächendeckend in Baden-Württemberg sowie in großen Teilen von Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen etabliert.

Auch eine Rückkehr der Malaria sei möglich, warnte am heutigen Montag der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler. Der Klimawandel führe in Deutschland zu einer Ausdehnung der Lebensräume für Mücken und Zecken. Ärzt:innen müssten dafür sensibilisiert werden, so Wieler.

Dass bei steigenden Temperaturen tropische Mücken und Zecken vermehrt auftreten und damit auch häufiger Infektionskrankheiten übertragen, ist aber nur ein Teil des Gesamtbildes. Das Risiko, das der Klimawandel für die menschliche Gesundheit darstellt, ist noch viel größer.

Eine aktuelle Studie, ebenfalls am heutigen Montag im Fachmagazin Nature Climate Change erschienen, beziffert nun erstmals "das volle Ausmaß des Risikos". Über die Hälfte der bekannten Infektionskrankheiten werden demnach "durch klimatische Gefahren", wie es in dem Papier heißt, verschlimmert.

Gegenmaßnahmen schwierig bis unmöglich

Der Biogeograf Camilo Mora von der Universität von Hawaii, der bereits vor fünf Jahren eine Studie zu lebensgefährlicher extremer Hitze vorgelegt hat, hat mit seinem Team 830 Studien ausgewertet, die den Einfluss einzelner Extremwetterereignisse oder Klimaveränderungen auf die Ausbreitung verschiedener Krankheiten untersuchen.

Ergebnis: Bei 218 von 375 Krankheiten – das entspricht 58 Prozent – stellten die Forschenden eine Verschlimmerung fest. Lediglich bei 16 Prozent zeigte sich eine zeitweilige Abschwächung. 

Neben der zunehmenden Übertragung von Erregern durch Stechmücken gibt es noch viele weitere Faktoren, die die Ausbreitung von Krankheiten begünstigen. Etwa wenn die Lebensräume von Wildtieren durch den Menschen oder auch durch Dürren zerstört werden, drängen diese näher an Wohngebiete, wodurch das Risiko für Zoonosen steigt.

Überflutungen oder Stürme können Menschen dazu zwingen, in Gegenden zu ziehen, in denen sie stärker bestimmten Keimen ausgesetzt sind, für die ihr Immunsystem noch keine Antwort hat. Auch wenn nach Extremwetterereignissen Probleme mit der medizinischen Versorgung oder mit dem Trinkwassersystem auftreten, kann dies das Immunsystem schwächen.

Insgesamt identifizieren die Forschenden um Camilo Mora über 1.000 mögliche Zusammenhänge zwischen klimawandelbedingten Ereignissen – darunter Hitzewellen, Überschwemmungen, Dürren oder Stürme – und der Ausbreitung von Krankheiten. In einer interaktiven Übersicht haben sie diese Kausalketten visuell aufbereitet.

Diese Vielzahl von Erregern und Übertragungswegen macht es laut den Wissenschaftler:innen schwierig oder sogar unmöglich, die stärkere Ausbreitung von Krankheiten durch den Klimawandel zu verhindern oder sich daran anzupassen. Deshalb plädieren sie dafür, "an der Quelle des Problems anzusetzen", nämlich die Treibhausgasemissionen zu verringern.

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