Demokratie auf dem Dach

Wenn Bürger ihren Strom mit erneuerbaren Energien selbst erzeugen, schützt das nicht nur das Klima, sondern kann auch soziale Teilhabe schaffen.


Solaranlagen auf einem Flachdach
Solaranlagen auf dem Dach der Wohnungsgenossenschaft Breslau-Süd.  (Foto: Friederike Meier)

Wer auf der Wiese zwischen den Plattenbauten südlich des Zentrums von Breslau (Wrocław) steht, würde nicht erwarten, dass sich auf den Dächern eine Innovation befindet. Es ist die größte dezentrale städtische Solaranlage in Polen.

Auf 35 der um die 100 Häuser der Wohnungsgenossenschaft Breslau-Süd befinden sich Solaranlagen mit einer Anschlussleistung von insgesamt 739 Kilowatt. Den Strom, den sie erzeugen, können die etwa 15.000 Menschen in den Häusern mit Photovoltaik zwar nicht selbst in ihren Wohnungen nutzen – das lässt die gesetzliche Lage in Polen nicht zu.

Allerdings kann die Wohnungsgenossenschaft damit Beleuchtung und Aufzüge in den Gemeinschaftsbereichen betreiben.

"Wir haben versucht, einen Schritt weiterzugehen, nachdem wir die Gebäude gedämmt hatten", erzählt Marek Dera, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Genossenschaft. Um bei den Genossenschaftsmitgliedern für Zustimmung zu werben, arbeitete der Vorstand ausführliches Informationsmaterial aus und stellte es den Bewohnerinnen und Bewohnern vor. "Hier leben sehr viele Menschen mit verschiedenen Hintergründen und Bildungsniveaus", sagt Dera. "Die Diskussionen waren manchmal sehr emotional."

Geldsparen ist nicht der einzige Vorteil

Zunächst wurde für jedes Haus eine Person ausgewählt, die zwischen Vorstand und Mietern vermitteln sollte. "Nach dem Treffen mit den Vertretern wussten wir schon, was die Anliegen der Bewohner sein würden, sodass wir unsere Präsentation anpassen konnten", erzählt Dera.

Heute seien die meisten Bewohner zufrieden mit dem Projekt. Überzeugt hat zunächst vor allem die Aussicht, bei den Stromkosten zu sparen. In fünf oder sechs Jahren, wenn die Investitionskosten abbezahlt sind, werden die Bewohner für den Strom im Gemeinschaftsbereich 75 Prozent weniger zahlen, erklärt das Vorstandsmitglied.

Das Geldsparen ist aber nicht der einzige Vorteil. "Das Projekt hat als rein technische Investition angefangen, sich dann aber in ein soziales Projekt verwandelt", erzählt Bożena Ryszawska, Professorin für öffentliche und private Finanzen an der Wirtschaftsuniversität Breslau.

"Die Menschen unterstützen das Projekt und identifizieren sich damit", ergänzt Ryszawskas Mitarbeiterin Magdalena Rozwadowska. "Es war technisch erfolgreich und hat außerdem für mehr Umweltbewusstsein gesorgt." Das Projekt ist eines von mehreren, an denen die beiden im internationalen EU-Projekt "Scalings" erforschen, wie sich erneuerbare Energien auf die städtische Gesellschaft auswirken.

Professorin Bożena Ryszawska und Genossenschafts-Vize Marek Dera auf dem Dach. (Foto: Friederike Meier)

Dabei wenden die Wissenschaftlerinnen das Konzept der "Co-Kreation" an. Das stammt ursprünglich aus der Geschäftswelt und beinhaltet, dass die Kunden einer Firma an einem Prozess aktiv mitarbeiten. Hier sind es nun die Bewohner eines Hauses.

"Es ist mehr als Beteiligung, es kann Prozesse demokratischer machen", erklärt Rozwadowska. Im Fall der Breslauer Genossenschaft hätten die Bewohner wegen der Regeln der Genossenschaft zwar ohnehin zustimmen müssen. "Aber nicht in so einem großen Rahmen." Nachdem der Vorstand die finanziellen Aspekte erläutert hatte, sei er überrascht gewesen, dass viele ältere Menschen gesagt hätten: "Wir wollen das für unsere Enkel machen."

Auch in Deutschland gilt Bürgerenergie als ein Schlüssel, um Menschen für die Energiewende zu begeistern. "Mit erneuerbaren Energien werden ganz neue Möglichkeiten zur Identifikation eröffnet – ganz anders als beispielsweise bei großen Kohlekraftwerken", bestätigt Sebastian Helgenberger vom Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung IASS in Potsdam.

Beteiligung muss mit niedrigen Beträgen möglich sein

Allerdings kann auch die Bürgerenergie allein nicht Gegner der Energiewende zu Befürwortern machen. An Bürgerenergieprojekten beteiligen sich vor allem Männer mit Hochschulabschluss und hohem Einkommen, wie der Politikwissenschaftler Jörg Radtke in der Zeitschrift Gaia erläutert. Wer ohnehin kritisch gegenüber der Energiewende sei, stehe zudem vor dem Dilemma, in etwas investieren zu sollen, das er nicht befürworte.

Radtke weist darauf hin, dass Bürgerenergie dennoch einen wichtigen Beitrag zur Energiewende leisten könne – vor allem, wenn sich Menschen auch mit geringen Einstiegsbeträgen finanziell beteiligen könnten.

Dass in dem Breslauer Fall die Mitglieder der Wohnungsgenossenschaft dafür gestimmt haben, lag am Ende auch daran, dass sie die Investitionskosten nicht selbst aufbringen mussten. Die Photovoltaik-Anlagen wurden teilweise durch EU-Mittel und teilweise durch einen Kredit finanziert, der nun durch die Einsparungen, die die Anlagen bringen, wieder abbezahlt wird.

"Polen hat ein in der EU unterdurchschnittliches Bruttoinlandsprodukt. Projekte wie das in Breslau ermöglichen es ärmeren Menschen, an der Energiewende teilzunehmen", sagt Magdalena Rozwadowska. "Auf diese Weise werden ihre Stimmen und Interessen in den Prozess eingebunden."

Auch Marek Dera von der Wohnungsgenossenschaft ist überzeugt, dass das Projekt etwas verändert hat. "Wir haben beobachtet, dass die Menschen grundsätzlich offener für Innovationen und Veränderungen geworden sind." Diese Stimmung will Dera nutzen. Als nächstes Projekt sind Wärmepumpen geplant, die mithilfe des Solarstroms dazu beitragen, die Häuser zu heizen.

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