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Netto-Null-Versprechen ohne Ehrgeiz

Der Treibhausgasausstoß muss weltweit bis 2030 halbiert werden und 2050 die "Netto-Null" erreichen, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Seit 2015 haben hunderte Unternehmen "Net-Zero Pledges" abgegeben. Doch viele dieser Ziele sind schwach oder unkonkret und stehen unter dem Vorwurf des Greenwashings.


Eine Hand hält ein Smartphone, auf dem die Login-Seite von Instagram angezeigt wird.
Tech-Konzerne wie Meta versprechen Klimaneutralität, wollen aber ihre CO₂-Emissionen nicht auf null bringen, sondern nur woanders kompensieren. (Foto: Solen Feyissa/​Unsplash)

Seit zwei Wochen treffen sich Vertreter:innen aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft bei der Weltklimakonferenz, der COP 27 in Ägypten, und diskutieren über Maßnahmen und Verantwortlichkeiten zur Bewältigung der Klimakrise.

Der im Frühjahr dieses Jahres veröffentlichte sechste Sachstandsbericht des Weltklimarates IPCC hat drastisch aufgezeigt, dass die Auswirkungen des Klimawandels bereits stattfinden und in den nächsten Jahrzehnten noch gravierender werden. Um die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, müssen die Treibhausgasemissionen bis 2030 ungefähr halbiert werden. Zur Stabilisierung des Klimas soll bis 2050 "Net Zero" erreicht werden, also netto null Emissionen.

Damit diese Klimaziele erreicht werden können, sind auch Unternehmen in der Verantwortung, die eigenen Emissionen zu senken und möglichst bald klimaneutral zu wirtschaften. Bereits seit einigen Jahren veröffentlichen Unternehmen sogenannte Net-Zero-Pledges, mit denen sie ihren Beitrag zur Bekämpfung der Klimakrise anzeigen. Doch wie groß dieser Beitrag wirklich ist und ob damit die nötigen Emissionseinsparungen erreicht werden können, bleibt oft undurchsichtig.

Vor der Klimakonferenz veröffentlichte eine Expertengruppe im Auftrag der Vereinten Nationen einen Bericht zu den Net-Zero-Pledges von Unternehmen, Finanzinstitutionen, Städten und Regionen, der die Gefahr benennt, die von unzureichenden Netto-Null-Zusagen ausgeht: "Wenn Greenwashing, das auf minderwertigen Net-Zero-Pledges beruht, nicht bekämpft wird, wird es die Bemühungen wirklicher Führungspersönlichkeiten untergraben und zu Verwirrung, Zynismus und dem Scheitern dringlicher Klimaschutzmaßnahmen führen."

Climate Pledge Rating
Climate-Pledge-Rating bei Ecosia. (Bild: Screenshot)

Wie aber können anspruchsvolle Net-Zero-Pledges von schwachen unterschieden werden? Um die Ambitionen hinter diesen Versprechungen transparent zu machen, hat die TU Berlin gemeinsam mit der Suchmaschine Ecosia ein "Climate Pledge Rating" entwickelt. Dieses untersucht und bewertet öffentlich verfügbare Informationen zu Klimaversprechen von großen Technologiefirmen wie Meta, Microsoft oder Netflix.

Das Climate Pledge Rating veranschaulicht für Nutzer:innen von Ecosia anhand eines Ratings von A ("hervorragend") bis F ("ungenügend"), wie ambitioniert die Neto-Null-Versprechen wirklich sind. Die Bewertung zeigt, welche Unternehmen noch stark nachbessern müssen und welche bereits auf einem guten Weg sind.

Konkrete Ziele fehlen meist

Um ein A zu erhalten, müssen Unternehmen sich zum Ziel gesetzt haben, ihre gesamten Emissionen – in der Fachsprache Scope 1, Scope 2 und Scope 3 – bis 2030 um mindestens 50 Prozent zu reduzieren. Darüber hinaus fordert ein A‑Rating, dass bereits erste Fortschritte in Richtung dieser Ziele nachgewiesen sind. Allerdings erfüllt keines der untersuchten Unternehmen bislang diesen Anspruch.

Ausschlaggebend für das schlechte oder nur mittelmäßige Abschneiden ist das häufige Fehlen konkreter Ziele zur Reduzierung sämtlicher Treibhausgasemissionen. Vor allem für die Scope‑3-Emissionen, die entlang der Wertschöpfungskette von Unternehmen entstehen, gibt es oft keine konkreten Reduktionsziele. Dabei machen diese Emissionen bei vielen der untersuchten Technologiefirmen über 90 Prozent der Gesamtemissionen aus.

Portrait Marja Lena Hoffmann
Foto: privat

Marja Lena Hoffmann

ist wissen­schaftliche Mit­arbeiterin im Fach­gebiet sozial-ökologische Trans­formation der TU Berlin und ist im Forschungs­projekt "Green Consumption Assistant" für Nach­haltigkeits­bewertungen verantwortlich.

Stattdessen setzen viele Unternehmen auf Investitionen in Carbon-Offset-Projekte, also in Maßnahmen zum Ausgleich ihrer CO2-Emissionen an anderer Stelle, um dadurch einen Netto-Null-Status zu erlangen. Jedoch sind solche Klimakompensations-Projekte stark umstritten. Sie sollten drastische Reduktionsmaßnahmen nicht ersetzen, sondern höchstens in gewissem Umfang ergänzen.

Das Climate Pledge Rating zeigt, dass Netto-Null-Versprechen nicht ausreichen, um weitreichende negative Klimawirkungen zu verhindern. Würden alle Unternehmen so handeln wie die meisten der untersuchten Technologiefirmen, würde die globale Temperatur um weit mehr als 1,5 Grad steigen, und das hätte verheerende Folgen für das Leben auf der Erde.

Unternehmen müssen konsequent auf eine drastische Reduzierung sämtlicher Emissionen setzen und langfristige und ehrgeizige Dekarbonisierungspläne entwickeln. Net-Zero-Pledges sind nicht der richtige Weg.

Maike Gossen
Foto: IÖW

Maike Gossen

ist Post-Doc im Fachgebiet sozial-ökologische Trans­formation der TU Berlin und leitet das gemeinsame Forschungs­projekt "Green Consumption Assistant" mit Ecosia und der Berliner Hoch­schule für Technik.

 

Auf der COP 27 wird dies bereits als Greenwashing angemahnt, und zwar nicht nur von Klimaaktivist:innen und Umwelt-NGOs. Selbst der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, verurteilt die Praxis einiger Unternehmen, Netto-Null-Emissionen zu versprechen, um die Folgen ihres Handelns aus Imagegründen schönzurechnen.

Weitere Informationen zur Methodik und zu den Ergebnissen des Climate Pledge Rating sind in einem Arbeitspapier zu finden.

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