Grüner Aufschwung kann 0,3 Grad Erwärmung ersparen

Mit dem Corona-Lockdown ging der globale Treibhausgas-Ausstoß kurzfristig zurück. Der Klimaeffekt ist vernachlässigbar, zeigen neue Berechnungen. Mit grünen Investitionen könnten die Emissionen hingegen langfristig um die Hälfte sinken.


Blick von oben auf den Flughafen Tegel während Corona, also ohne Flugbetrieb
Flughafen Berlin-Tegel während des Corona-Lockdowns: Nichts fliegt. (Foto: Mario Hagen/​Pixabay)

Im Frühjahr, während des Corona-Lockdowns, saß der britische Klimaforscher Piers Forster mit seiner 18-jährigen Tochter Harriet zu Hause. Beide hatten plötzlich unverhofft viel Freizeit. Bei ihr waren die Schulprüfungen verschoben worden, er und seine Kolleg:innen hatten Zoom noch nicht entdeckt.

Als eine Art Home-Schooling-Projekt entschlossen sich die beiden, gemeinsam herauszufinden, ob und wie sich der Lockdown auf die globalen CO2-Emissionen auswirkt und damit auch auf den Klimawandel.

So erzählt Forster es in einem Beitrag für das Akademiejournal The Conversation, nachdem letzte Woche in der Fachzeitschrift Nature Climate Change die Studie erschienen ist, die er mit seiner Tochter sowie zwölf weiteren Forscher:innen in den vergangenen Monaten erarbeitet hat.

Mithilfe von neuerdings zugänglichen globalen Mobilitätsdaten der IT-Riesen Google und Apple sah sich das Team an, was beim Güterverkehr passierte, bei Stromerzeugern und bei anderen Industrien und Unternehmen. So konnten sie ausrechnen, wie stark der Ausstoß von CO2 in 123 Ländern zurückgegangen war, die zusammen für 99 Prozent der Emissionen verantwortlich sind.

Dasselbe war auch für Luftschadstoffe wie Stickoxide oder Schwefeldioxid aus Kraftwerken möglich. Deren wärmende oder kühlende Wirkung fürs Klima wurde jeweils berücksichtigt.

Ergebnis: Selbst wenn die Lockdown-Maßnahmen teilweise bis Ende 2021 andauern sollten, wäre der Klimaeffekt "vernachlässigbar". Die globalen Temperaturen würden nur um 0,01 Grad niedriger liegen, als wenn es die Pandemie nicht gegeben hätte.

Mittel gezielt einsetzen

Für Piers Forster zeigt das: "Selbst wenn wir in einer Welt leben würden, in der die sozialen und ökonomischen Folgen eines Lockdowns akzeptabel wären, würden wir immer noch sehr viel ernsthaftere Maßnahmen brauchen, um etwas zu bewirken."

Mit anderen Worten, ein kurzfristiger Rückgang der Emissionen bringt wenig. Nötig sind vielmehr strukturelle Änderungen, die langfristig und anhaltend eine klimafreundlichere Entwicklung unterstützen.

Wie die Regierungen ihre Corona-Aufbaupläne ausgestalten, ist deshalb entscheidend, sagt Forster. Wie viel Geld wird in grüne Investitionen gelenkt? Wie viel fließt in die bloße Wiederherstellung des business as usual?

Wie sich diese Entscheidungen auswirken würden, haben die Forscher:innen um Forster ebenfalls kalkuliert. Die Unterschiede sind demnach erheblich, je nachdem wie grün die Wiederaufbaupläne sind.

Fossile Energien bevorzugt

Seit Beginn der Corona-Pandemie haben die G20-Staaten deutlich mehr Geld für fossile Energieträger bereitgestellt als für grüne Investitionen, zeigt eine aktuelle Analyse.

Stecken die Regierungen viel Geld in die Rettung der bisherigen fossilen Strukturen, könnte der weltweite CO2-Ausstoß 2030 um zehn Prozent höher liegen als bislang prognostiziert. "Unsere Chance, einen gefährlichen Klimawandel zu verhindern, wäre dann noch geringer", sagt Forster.

Grüne Aufbauprogramme hingegen könnten die Emissionen bis 2050 um die Hälfte senken und der Welt 0,3 Grad an Erwärmung ersparen, so die Studie.

Chance zur Weichenstellung

Dafür müssten 1,2 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung in Klimaschutzmaßnahmen investiert werden, wie erneuerbare Energien und Energieeffizienz. Die Forscher:innen nennen das "strong green stimulus". Das würde 1,7 Billionen US-Dollar entsprechen. Zugleich müssten fossile Energien 0,4 Prozentpunkte weniger erhalten.

Werden nur 0,8 Prozent der Wirtschaftsleistung in grüne Aufbaupläne investiert und 0,3 Prozentpunkte weniger in fossile Energien gesteckt ("moderate green stimulus"), ergibt sich immer noch eine Emissionsreduktion um 35 Prozent sowie 0,2 Grad weniger Erwärmung bis zum Jahr 2050. Die Pariser Klimaziele wären damit in Reichweite.

"Sogar ein lang anhaltender Lockdown hat einen überraschend kleinen Effekt auf das Klima", schreibt Forster. "Doch Covid-19 hat uns auch die Gelegenheit gegeben, innezuhalten und nachzudenken."

Die Pandemie biete damit die Chance, die Weichen so zu stellen, dass die schlimmsten Folgen der Klimakrise begrenzt werden können, sagt der Klimawissenschaftler – falls die Regierungen diese Möglichkeit nutzen.

Auf Twitter hat Forster ein kurzes Video mit seiner Tochter Harriet veröffentlicht, in dem sie die Studie vorstellt und zu grünen Aufbauplänen aufruft. Die weitere Erwärmung könne bis zum Jahr 2050 damit nicht 0,6 Grad betragen, wie es derzeit erwartet wird, sondern lediglich die Hälfte.

"Es ist Harriets Generation, die die guten Jobs und das gesündere Klima braucht, das grüner Wiederaufbau bringen kann", schreibt Piers Forster.

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