Der Frühling fällt aus

Der Winter ging dieses Jahr praktisch nahtlos in den Sommer über. Eine Ausweitung der Vegetationsphase haben Klimaforscher schon seit Längerem registriert, aber der Ausfall einer ganzen Jahreszeit ist ein neues Phänomen, an dem der Klimawandel seinen Anteil hat.


Die weißen Blüten des Schwarzen Holunders.
Eine Woche ist der Schwarze Holunder in diesem Frühjahr zu früh dran mit seinen Blüten. (Foto: Hans Braxmeier/​Pixabay)

Fragt man einen Deutschen, was er im Ausland vermisst, bekommt man mit ziemlicher Sicherheit das Vollkornbrot aufgetischt, an zweiter Stelle aber folgt oft schon das: Jahreszeiten. Dieses Jahr aber, so scheint es, ist uns eine Jahreszeit einfach abhanden gekommen: Der Frühling.

Der Winter ging mehr oder weniger direkt über in den Sommer. Anfang April fiel in Norddeutschland noch einmal Schnee, bevor es in der zweiten Monatshälfte bereits Badewetter gab. "So ein kurzes Frühjahr hatten wir wahrscheinlich noch nie", sagt der Klimaanalyst Florian Imbery vom Deutschen Wetterdienst (DWD).

Überhaupt war der April außergewöhnlich: Nie wurde ein wärmerer vierter Monat in Deutschland gemessen. Mit seiner Durchschnittstemperatur von 12,4 Grad lag der April in diesem Jahr um nicht weniger als fünf Grad über dem langjährigen Mittel und immer noch um vier Grad über dem Mittelwert von 1981 bis 2010.

Hat der Klimawandel den Frühling geraubt? Und müssen wir uns in Zukunft darauf einstellen, ganze Jahreszeiten zu verlieren?

Klimaforscher äußern sich da vorsichtig: Ein ausgefallener Frühling, so selten das auch sei, muss nicht notwendigerweise eine Folge des Klimawandels sein. Aber es könnte es.

Im Durchschnitt ist die Temperatur in Deutschland um 1,4 Grad seit Beginn der Industrialisierung gestiegen. Das hat zur Folge, dass der Winter früher endet und der Sommer weiter in den Herbst hineinreicht. Die Zeit vom letzten Blattfall der Stieleiche bis zur ersten Haselblüte ist also geschrumpft. "Die Winter sind seit den fünfziger Jahren um fast vier Wochen kürzer geworden", sagt Imbery.

Das hat Folgen für Bauern, wenn auf einen ungewöhnlich warmen Jahresanfang Spätfröste folgen, die Obst oder Reben vernichten. Aber auch für Allergiker. Eine aktuelle Studie im Fachmagazin PNAS kommt zum Ergebnis, dass sich die Pollen-Saison in Nordamerika zwischen 1995 und 2009 um zwei bis vier Wochen ausgedehnt hat. Untersucht wurden zehn Gebiete von Texas bis zur kanadischen Provinz Saskatchewan. Zusätzlich kurbeln demnach die erhöhten CO2-Konzentrationen die Photosynthese der Pflanzen an – mit der Folge, dass sie noch mehr Pollen produzieren.

Zur erhöhten Temperatur kommt ein weiterer Faktor: Weil sich die Arktis überdurchschnittlich erwärmt und damit der Temperaturunterschied zum Äquator geringer wird, schwächt sich auch der Polarwirbel ab, der maßgeblich unsere Wetterlagen steuert, vermuten Klimaforscher.

"Die Wettermuster ändern sich"

Die Folge: Über ganze Wochen können sich Wetterlagen einnisten. Und sich Hochlagen viel länger halten – wie im April: Hochdruckgebiete über Mitteleuropa und Skandinavien schützten Deutschland vor Tiefausläufern. "Es gibt Hinweise darauf, dass die Nord-Süd-Wetterlage gegenüber der Ost-West-Wetterlage häufiger geworden ist", sagt der Klimaforscher Andreas Fink vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT).

Fünf Tage früher blühten in diesem Frühjahr die Apfelbäume, sieben Tage früher der Schwarze Holunder und sogar 16 Tage früher die Sommer-Linde, wie vorläufige phänologische Daten des DWD zeigen. Das beeinflusst auch die Tierwelt: Wildbienen sind zu der Jahreszeit mitunter noch gar nicht bereit für all den ganzen Überfluss.

Dem Deutschen Imkerbund zufolge ist das aber nicht das größte Problem für die Honigsammler. Die Bienen könnten sich durchaus an die klimatischen Veränderungen anpassen – nicht aber an die Monokulturen und ihre Folgen wie Nahrungsmangel und giftige Pflanzenschutzmittelrückstände.

Was ist jetzt aber mit den Jahreszeiten? Fink zufolge dürften extreme Übergänge häufiger werden – auch wenn es weiterhin Frühling, Sommer, Herbst und Winter geben werde. Guido Halbig vom Deutschen Wetterdienst in Offenbach ist sich da nicht so sicher. "Die Wettermuster ändern sich", sagt der Meteorologe. Lang anhaltende trockene Phasen werden häufiger, auf die dann oft sehr starker Regen folgt. Womöglich können wir in 50 Jahren tatsächlich nicht mehr von klassischen Jahreszeiten sprechen.

"Es blüht zwei Wochen früher"

Vegetationskunde und Flechtenkunde sind die Schwerpunkte des Biologen Wolfgang von Brackel. Mit Klimareporter spricht er über den Klimastress, dem Pflanzen ausgesetzt sind.


Klimareporter: Herr von Brackel, in Bayern sollen Landwirte schon das erste Heu gemäht haben. Was gilt als "normaler" Erntetermin?

 

Wolfgang von Brackel: Schon in der zweiten Maiwoche sah ich zur Heuernte abgemähte Wiesen. Normalerweise geht bei Heuwiesen die große Mahd meist erst Anfang Juni los. Der Blühzeitpunkt der Gräser hat sich inzwischen um zwei Wochen nach vorn geschoben.


Stresst ein rascher Temperaturanstieg die Pflanzenwelt?

 

Im Prinzip mögen sie es alle eher warm als kalt – solange genügend Feuchtigkeit vorhanden ist. Das war die letzten Wochen aber nicht der Fall. Etliche Wiesen zeigten bereits Anfang Mai Dürreerscheinungen. Auch das kannte ich bisher nur ab Juni.

 

Seit Jahrzehnten kartieren Sie die bayerische Pflanzenwelt. Wird die vom Klimawandel beeinflusst?

 

Sicher hat das Einfluss. So beschränkten sich submediterran-mediterran verbreitete Arten bisher auf Wärmegebiete wie das Maingebiet. Seit zwei, drei Jahren erlebt zum Beispiel der Zwerg-Schneckenklee eine Massenentfaltung und kommt jetzt auch in Städten wie Erlangen vor.

 

Bei den Orchideen treten die hauptsächlich im Mittelmeerraum verbreiteten Ragwurz-Arten an manchen Orten Bayerns vermehrt in großen Stückzahlen auf, gebremst nur durch die unglaublich hohe Stickstoffbelastung der Landschaft. Ohne die könnte das Geschehen klarer interpretiert werden.

 

Interview: Jörg Staude

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