Domino-Effekt beim Klima

Einige der "Kippelemente" im Erdsystem haben das Potenzial, sich gegenseitig zu destabilisieren, zeigt eine neue Studie. Das könnte einen Klima-Dominoeffekt auslösen. Die Zeit zum Umsteuern wird damit noch knapper.


Nebeneinander auf die kurze Kante gestellte Dominosteine fallen nacheinander um, nachdem der erste von ihnen angestoßen wurde und gekippt ist.
Domino-Effekt: Kippelemente im globalen Klimasystem können andere Kippelemente früher kippen lassen. (Foto: Oliver Britton/​Shutterstock)

Klimaforscher warnen seit Jahren vor den Kippelementen im Erdsystem, die bei weiterer globaler Erwärmung ausgelöst werden können. Es gibt gut ein Dutzend davon.

Beispiele: Der Amazonas-Regenwald trocknet aus, die Korallenriffe sterben ab, der Permafrost in Sibirien und Nordamerika taut auf, die großen Eisschilde der Erde schmelzen ab.

Das Klimasystem würde destabilisiert – einer der Hauptgründe dafür, dass das 1,5-Grad-Erwärmungslimit in den Pariser Klimavertrag aufgenommen wurde. Wird es eingehalten, minimiert sich das Kipp-Risiko für die meisten dieser Elemente.

Doch ganz so "einfach" ist die Sache auch wieder nicht. Eine neue Studie zeigt: Einige der Kippelemente können sich unter Umständen gegenseitig destabilisieren, und das erzeugt das Risiko eines Klima-Dominoeffekts. Die Autoren arbeiten am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), erschienen ist die Untersuchung in der Zeitschrift Earth System Dynamics.

Laut der Studie sind die Eisschilde auf Grönland und auf der Westantarktis mögliche Ausgangspunkte für ganze "Kippkaskaden". Ist ihr Kipppunkt erst einmal überschritten, könnten hierdurch über die Meeresströmungen im Atlantik auch entfernte Elemente wie der Amazonas-Regenwald beeinträchtigt werden.

"Die Folgen für den Menschen würden vom Anstieg des Meeresspiegels bis zu schweren Schäden der Biosphäre reichen", erläutert das PIK.

Risiko nimmt schon jenseits von 1,5 Grad deutlich zu

Wechselwirkungen in dem Netzwerk können laut der Untersuchung die Temperaturschwellen herabsetzen, jenseits derer einzelne Kippelemente langfristig instabil werden.

Das Risiko hierfür nimmt bereits im Temperaturbereich deutlich zu, den das Paris-Abkommen definiert – also zwischen den 1,5 Grad und den zwei Grad, die als maximal tolerable Obergrenze gelten.

Für die Studie wurde eine Reihe Simulationen durchgeführt. Ergebnis: In einem Drittel davon zeigten sich Domino-Effekte, bei denen das Kippen eines Elements weitere Kippprozesse anstößt – und zwar bereits bei einer Erwärmung von bis zu zwei Grad. 

Joachim Wille ist Chefredakteur des Online-Magazins Klimareporter°.

"Wir verschieben die Chancen, und zwar nicht zu unseren Gunsten", kommentierte Co-Autor Jonathan Donges, Leiter des PIK-Zukunftslabors "Erdsystem-Resilienz im Anthropozän".

"Das Risiko nimmt eindeutig zu, je mehr wir unseren Planeten aufheizen." Will sagen: Die Zeit zum Umsteuern ist noch da, aber sie wird immer knapper.

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