Ein Warnsignal aus Grönland

Wissenschaftler haben Frühwarnsignale entdeckt, wonach das Abschmelzen des Grönlandeises schon bald einen kritischen Punkt erreichen könnte. Sie halten die neuen Erkenntnisse für "sehr besorgniserregend".


Ein bläulich schimmernder, aus dem Wasser aufragender kleiner Eisberg schwimmt auf dem Meer vor der Insel Grönland.
Eisberg vor Grönland: Unaufhaltsames Schmelzen. (Foto: Aline Dassel/​Pixabay)

Es ist einer der Kipppunkte des Klimasystems: Schmilzt der Grönländische Eisschild komplett ab, könnte das zu einem Meeresspiegelanstieg von mehr als sieben Metern führen.

Viele der küstennahen Megastädte wie New York, London oder Shanghai würden unbewohnbar. Und es droht ein Zusammenbruch des Golfstroms, also von Europas "Zentralheizung", die für das relativ milde Klima auf unserem Kontinent sorgt.

Zwar würde es Jahrhunderte oder gar Jahrtausende dauern, bis die gigantischen Eismassen, die auf Grönland sitzen, komplett abgeschmolzen wären. Trotzdem keine schöne Vorstellung. Denn: Ist das Schmelzen des bis zu drei Kilometer dicken Eispakets einmal richtig in Gang gekommen, lässt es sich nicht mehr aufhalten.

Umso bedenklicher ist diese Nachricht: Wissenschaftler haben neue Frühwarnsignale entdeckt, die darauf hinweisen, dass der zentral-westliche Teil des Eisschildes schon relativ bald einen kritischen Übergang erleben könnte.

Eine neue Studie eines Forscherteams aus Deutschland und Norwegen zeigt: Die Destabilisierung hat aufgrund steigender Temperaturen bereits begonnen, und der Prozess des Abschmelzens könnte bereits bei begrenzter weiterer Erwärmung eskalieren.

"Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass es in der Zukunft zu einem deutlich verstärkten Abschmelzen kommen wird", sagt Niklas Boers vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Das sei "sehr besorgniserregend".

"Höchste Zeit für Klimaschutz"

Für ihre Analyse zogen Boers und Co-Autor Martin Rypdal von der Arctic University of Norway Temperaturen von Wetterstationen, Schmelzintensitäten aus Eisbohrkernen in Zentralwestgrönland sowie entsprechende Computermodell-Simulationen heran – und fanden in den Schwankungen der Eisschild-Höhen die Frühwarnzeichen. Zumindest der untersuchte Teil des Grönländischen Eisschildes nähert sich danach offenbar der kritischen Temperaturschwelle.

Joachim Wille ist Chefredakteur des Online-Magazins Klimareporter°.

Wie sich dies auf den Eisschild als Ganzes auswirkt, ist laut den Forschern noch unklar. Als sicher gilt jedoch, dass der aktuelle und in naher Zukunft zu erwartende Massenverlust des Eises weitgehend irreversibel sein wird.

Physiker Boers zieht folgende Lehre daraus: "Es ist höchste Zeit, dass wir die Treibhausgas-Emissionen schnell und deutlich reduzieren und das Eisschild und unser Klima wieder stabilisieren."

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