Müll – das war früher

In keinem anderen EU-Land wird pro Kopf mehr Verpackungsmüll produziert als in Deutschland. Die Grünen legen ein Konzept für eine "ressourcenleichte, giftfreie und klimaneutrale Kreislaufwirtschaft" vor.


Smartphone-Teile liegen auf einem Labortisch.
Das "Fairphone" hat gezeigt, wie es gehen könnte: Weniger Metalle verwenden, mehr recyceln und reparieren. (Foto: Maurice Mikkers/​Picnic Network/​Flickr)

Jeder kennt das. Das Smartphone ist zwei Jahre alt, funktioniert noch tadellos, aber dem Akku geht die Puste aus. Der Batterietausch im Laden ist teuer, Selbermachen zu kompliziert, und so entscheiden sich viele doch gleich zum Kauf eines neuen Modells.

Folge: Der Elektroschrott-Berg wächst wieder ein bisschen. Geht es nach den Grünen, ist das bald Vergangenheit. Ihr neues Konzept für eine "ressourcenleichte, giftfreie und klimaneutrale Kreislaufwirtschaft" sieht unter anderem vor, dass Produkte bereits beim Design auf Langlebigkeit und Reparierbarkeit getrimmt werden.

Beispiel Smartphone-Akku: Der Austausch ließe sich ganz einfach ohne Aufschrauben des Geräts bewerkstelligen – wie früher bei den Handys und heute beim Alternativmodell Fairphone üblich.

"Denkbar ist auch, dass für die Verbraucher überhaupt keine Kosten anfallen, weil sie das Telefon nicht besitzen, sondern nur das gekauft haben, was sie eigentlich wollen: Mobil telefonieren, surfen und Fotos machen" – so steht es in einem Papier zum Thema, das die Grünen-Umweltexpertin Bettina Hoffmann formuliert hat und das am heutigen Freitag auf einem Kongress mit über 1.000 Teilnehmern in Berlin diskutiert wird.

Die Hersteller wären nach diesem "Nutzen statt besitzen"-Modell dafür verantwortlich, dass die Kunden immer ein funktionierendes Produkt zur Verfügung haben – inklusive nötiger Reparaturen und der möglichst kompletten Wiederverwertung des Geräts am Ende der Lebensdauer.

Rohstoffverbrauch muss auf ein Viertel sinken

Die Deutschen als Erfinder des "Grünen Punkts" und zumeist eifrige Müllsortierer sehen sich selbst als Öko-Weltmeister. Doch die Realität ist eine andere. Sie sind tatsächlich Europameister beim Abfall – in keinem anderen EU-Land wird pro Kopf mehr Verpackungsmüll produziert.

Der meiste Siedlungsabfall wird verbrannt, wobei Treibhausgase entstehen und hochgiftige Filterstäube und Schlacken übrigbleiben, die in der Regel in Bergwerkstollen verfüllt werden. In den letzten zehn Jahren sind die Müllverbrennungskapazitäten um ein Viertel gestiegen und weitere Anlagen sind in Planung.

"Dabei könnte allein schon der konsequente Vollzug bestehender Gesetze bei Mülltrennung und -sortierung die Menge der zu verbrennenden Abfälle um ein Fünftel reduzieren", heißt es im Konzept der Grünen.

Schaut man sich die Zahlen zum Ressourcenverbrauch in Deutschland an, ist es mit der Kreislaufwirtschaft tatsächlich nicht weit her. Obwohl es bereits seit 1994 ein "Kreislaufwirtschaftsgesetz" gibt, werden nur 14 Prozent der Produktion durch recycelte Rohstoffe gedeckt.

Insgesamt beträgt der Pro-Kopf-Verbrauch an Rohstoffen etwa 16 Tonnen pro Jahr. Zählt man die Ressourcen hinzu, die im Ausland für in Deutschland konsumierte Produkte eingesetzt werden – zum Beispiel für die Herstellung von Textilien, Plastikprodukten oder Elektronik –, sind es sogar 43 Tonnen. Umweltexperten halten maximal einen Verbrauch von zehn Tonnen pro Kopf für nachhaltig.

Weitere Probleme sind, dass viele unerwünschte Stoffe in der Umwelt oder sogar im menschlichen Körper landen – Stichwort Mikroplastik, Pestizid- und Medikamentenrückstände – und ein nicht unerheblicher Teil der Abfälle ins Ausland geschafft wird.

"Teilweise sind es legale Exporte, deutscher Müll wurde aber auch auf illegalen Deponien in Polen oder Malaysia gefunden", kritisiert Hoffmann. Und obwohl der Export von Elektroschrott aus Europa verboten sei, lande er doch immer wieder in Ländern wie Ghana, wo er unter menschenunwürdigen Bedingungen verwertet wird.

Schrottprodukte verbieten, Plastik-Subventionen streichen

In dem Konzept schlagen die Grünen verschiedene Maßnahmen vor, um die Kreislaufgesellschaft konkret voranzubringen. So fordert die Ökopartei eine generelle Verlängerung der Mindest-Garantiefristen für Produkte von derzeit zwei auf vier Jahre, bei langlebigen Produkten wie Waschmaschinen sogar auf rund 15 Jahre. Grünen-Expertin Hoffmann sieht darin einen "zentralen Hebel, um die Langlebigkeit von Gütern zu fördern".

Außerdem soll eine Produktrahmenrichtlinie mit gesetzlichen Mindeststandards für Langlebigkeit und Reparierbarkeit eingeführt werden. Und ein staatlich anerkanntes "Kreislauf-Label" soll es Konsumenten und Einkäufern von Unternehmen und Behörden ermöglichen, Produkte auszuwählen, die nach Öko-Designprinzipien gefertigt sind – anknüpfend an bestehende Initiativen wie "Cradle to Cradle" oder das RAL-Gütezeichen für "Rezyklate aus haushaltsnahen Wertstoffsammlungen".

Weiter fordern die Grünen, eine Ressourcenabgabe einzuführen und die Subventionen für die Plastikherstellung zu streichen, die nach ihren Angaben 780 Millionen Euro jährlich betragen – für die Nutzung von Erdöl oder Erdgas in diesem Bereich wird keine Energiesteuer erhoben.

Für besonders "kreislauffreundliche" Produkte soll im Gegenzug ein Steuerbonus gezahlt werden. Hoffmann kann sich auch ein "Pfand auf alles" vorstellen, um sicherzustellen, dass alle in Verkehr gebrachten Produkte nach Ende der Lebensdauer wieder an die Hersteller zurückgehen.

Zudem schlägt die Ökopartei die Einführung von elektronischen Produkt- und Materialpässen vor, in denen die jeweiligen Inhaltsstoffe dokumentiert sind – vom Smartphone bis zum Haus. "Das sind entscheidende Instrumente für eine Kreislaufwirtschaft", sagt Hoffmann. Die Pässe lieferten wesentliche Informationen zur Erschließung der "wertvollen Rohstofflager", die die Altprodukte dann tatsächlich seien.

Die Transparenz ermögliche es auch, Strategien zum wirksamen Schutz von Umwelt und Gesundheit zu entwickeln, so Hoffmann. "Welche Materialien sind am besten geeignet? Welche Schadstoffe können wir vermeiden? Gibt es unschädliche Alternativen?"

Weniger Ressourcenkosten, weniger CO2

Ökonomisch und ökologisch würde sich eine weitgehend abfallfreie Kreislaufwirtschaft in jedem Fall lohnen. Laut der Unternehmensberatung McKinsey könnten Europas produzierende Unternehmen dadurch pro Jahr rund 600 Milliarden Euro an Ressourcenkosten einsparen.

Und die britische Ellen-MacArthur-Stiftung hat errechnet, dass durch den Übergang auf diese Wirtschaftsweise bis zu 50 Prozent der CO2-Emissionen in materialintensiven Industrien und Wertschöpfungsketten reduziert werden können.

Auf EU-Ebene spielt die Kreislaufwirtschaft eine zunehmend wichtige Rolle. Für den März hat die Europäische Kommission einen neuen Aktionsplan angekündigt, ein erster Entwurf ist schon bekannt geworden. Ziele sind hier unter anderem, den Siedlungsabfall bis 2030 um die Hälfte reduzieren und ein "Recht auf Reparatur" in der Verbraucherschutz-Gesetzgebung zu verankern.

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